Heuschrecken stoppen – Private-Equity- und Hedge-Fonds an die Kandare nehmen

25.02.2008 / Arbeitskreis II der Bundestagsfraktion DIE LINKE. (Wirtschaft, Arbeit, Finanzen)

Auszug:

I. Problemlage

In zunehmendem Maße beteiligen sich Finanzinvestoren mit kurzfristigen Interessen an Unternehmen in der Bundesrepublik. Vor allem Private-Equity-Fonds verfolgen bei ihren Unternehmensbeteiligungen häufig Anlagestrategien, die darauf abzielen, in möglichst kurzer Zeit sehr hohe Renditen auf das angelegte Kapital zu erzielen. Dabei spielt die langfristige Perspektive der Unternehmen nur eine untergeordnete Rolle.

Auch Hedge-Fonds bedienen sich zunehmend dieser Strategien, indem sie einen „sha-reholder activism“ betreiben. Dabei kaufen Hedge-Fonds sich mit kleinen Anteilen in große börsennotierte Konzerne ein, deren Aktienkapital breit gestreut ist. In derartigen Konzernen genügt oft schon ein kleiner Kapitalanteil, um erheblichen Einfluss auf das Management auszuüben (z.B. im Fall von Blackstone als Anteilseigner der Deutschen Telekom). Wenn mehrere Hedge-Fonds gemeinsam solche Kapitalanteile kaufen, kön­nen sie leicht zur dominierenden Macht in großen Konzernen werden und die Ge­schäftspolitik nach ihren Interessen leiten. Der Fall der Deutschen Börse AG hat ein­dringlich gezeigt, wie ein hervorragend aufgestelltes Unternehmen durch Hedge-Fonds in seinen strategischen Möglichkeiten gefährlich beschnitten wurde.

Mit dem Begriff „Heuschrecken“ für diese Finanzinvestoren ist in der Regel ein bestimm­tes Geschäftsmodell gemeint. Zentrale Elemente dieses Geschäftsmodells sind ein ex­trem mit Krediten finanzierter Kauf von Unternehmen, die anschließende Aufbürdung der Kredite auf die Unternehmen und eine damit erzwungene Umstrukturierung dersel­ben. Dies geht zu Lasten zukunftsweisender technisch-organisatorischer Innovation so­wie der Qualität und der Sicherheit der Beschäftigung. Das eigentliche Ziel stellt nicht die längerfristige Unternehmensentwicklung mit einer Steigerung der Wertschöpfung dar, sondern eine möglichst kurzfristige Maximalrendite. Entweder werden die Unter­nehmen mit hohem Gewinn an der Börse, an einen strategischen Investor bzw. an eine andere Private-Equity-Firma weiterverkauft. Oder die neuen Eigentümer ziehen kurzfris­tig Eigenkapital aus dem Unternehmen ab, filettieren und verkaufen seine Einzelteile. „Kaufen, ausquetschen, loswerden“, so ließe sich diese Strategie zusammenfassen.

Die kurzfristige Renditemaximierung von Finanzinvestoren stellt jedoch nicht nur eine Gefahr für Innovation und Beschäftigung in den betroffenen Unternehmen, sondern auch für die Stabilität der internationalen Finanzmärkte dar, da die Fonds – wie bereits angesprochen – mit einem riskanten Kredithebel arbeiten, d.h. ihre Geschäfte werden in sehr hohem Maße mit Krediten finanziert. Nicht nur die Unternehmensbeteiligungen werden von Hedge-Fonds auf Pump getätigt, sondern auch Spekulations- und Arbitra­gegeschäfte. Die mit dieser exzessiven Kreditfinanzierung verbundenen Gefahren of­fenbarten sich eindrucksvoll im Rahmen der aktuell noch immer tobenden Finanzmarkt­krise. So wurde diese vom amerikanischen Immobilienmarkt ausgehende Krise, die be­reits mehrere Banken in Mitleidenschaft gezogen hat, vom Kollaps einiger Hedge-Fonds mit ausgelöst. Zwar hat die Krise den positiven Nebeneffekt, dass sich die Kreditauf­nahme von Private-Equity- und Hedge-Fonds deutlich verteuert und zum Teil sogar ganz unmöglich gemacht wird, dies sollte aber nicht dazu verleiten, „Heuschrecken“ als eine Plage von gestern abzutun. Im Gegenteil: Die Schönwetterperioden des Ge­schäftsmodells dürften vorbei sein. Die Zeiten werden härter. Um die geforderten Rendi­ten zu erzielen, könnte sich die Gangart gegenüber den Unternehmen und Beschäftig­ten zusätzlich verschärfen.

Ungeachtet der negativen Auswirkungen genießen Private-Equity-Fonds in Deutschland umfassende steuerliche Privilegien. Die sehr hohen Gewinne von Finanzinvestoren sind zwar nur zu einem kleinen Teil diesen Steuervergünstigungen geschuldet, sie sind aber ein wesentliches Moment für die Entscheidung, ob ein Fonds nicht nur Übernahmeaktivi­täten in Deutschland vornimmt, sondern sich auch mit dem Geschäftssitz in Deutschland niederlässt. Ohne diese Privilegien jedenfalls würden – nach den Aussagen der Branche selbst – Ausländer deutlich seltener in in Deutschland ansässige Fonds investieren. Die „Heuschrecken“ sind also anders als der Begriff suggeriert, nicht als naturwüchsige Pla­ge über die Unternehmen und Beschäftigten in Deutschland hergefallen. Vielmehr sind Finanzinvestoren in den vergangenen Jahren im Rahmen des Standortwettbewerbs – politisch wohl kalkuliert u.a. durch Steuergeschenke – nach Deutschland gelockt wor­den.

Private-Equity- und Hedge-Fonds sind gleichsam Innovatoren der Finanzmärkte, die sich durch immer neue und aggressivere Strategien der Erschließung von Profitquellen auszeichnen. Folgerichtig treten zu den bestehenden Problemen immer wieder neue hinzu, die die Suche nach neuen Lösungsansätzen erfordern. Erschwerend kommt hin­zu, dass die Aktivitäten der Fonds nur zu einem begrenzten Teil von in Deutschland an­sässigen Fonds ausgehen. Somit sind zusätzlich international abgestimmte Antworten notwendig.

Täglich überschlagen sich die Hiobsbotschaften in Bezug auf die krisenhaften Entwick­lungen auf den Finanzmärkten. Immer neue, riskantere Finanzkonstruktionen, betrügeri­sche Machenschaften und Verluste unterschiedlicher Finanzmarktakteure werden ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Eine abschließende Bewertung der Ursachen, Entwick­lungen und Folgen der Strukturveränderungen auf den Finanzmärkten unter Berücksich­tigung der aktuellen Entwicklungen scheint aktuell kaum möglich. Trotzdem lassen sich einige wesentliche Entwicklungsmerkmale wie folgt charakterisieren:

• Die verschiedenen Segmente der Finanzmärkte haben seit Anfang 2000 eine ra­sante Entwicklung vollzogen. So hat sich der Handel mit Aktien und Devisen nahezu verdoppelt. Der Derivatehandel hat sich verdreifacht. Das Gewicht der Finanzmärkte nimmt also relativ und absolut zu.

• Durch die Umverteilung von unten nach oben sowohl auf der Ebene des Verhält­nisses von Löhnen und Gewinnen als auch – massiv politisch gewollt – durch die skandalösen Steuergeschenke an Unternehmen und Vermögende und die Privatisie­rung der Rentenversicherung wurden die Finanzmärkte zusätzlich befeuert.

• Die hohe Liquidität auf den Finanzmärkten und die damit verbundenen niedrigen Zinsen führten zu einer exzessiven Kreditausweitung sowohl im Bereich der Unternehmensübernahmen als auch – wie die US-Immobilienkrise zeigt – in weiteren Marktsegmenten. Eine maßgebliche Rolle spielten dabei risikoreiche Finanzinnovatio­nen wie Kreditverbriefungen. Dieser Weiterverkauf von Krediten durch die Banken ermöglichte es, durch die Transformation von Kreditportfolios von minderer in höhere Qualität (sog. Strukturierung) die Kreditvergabestandards deutlich zu senken. Hinzu kam eine Fristentransformation durch Quasi-Banken (Zweckgesellschaften), die im Gegensatz zu den Banken keine Eigenkapitalunterlegung erforderten. Beides führte zu einer enormen Ausweitung des Kreditvolumens. Die Instabilität des Gesamtsys­tems wird dadurch – wie die aktuellen Turbulenzen offenbaren – massiv gesteigert.

• Mit dem zunehmenden Gewicht der Finanzmärkte geht eine Machtverschiebung innerhalb der Ökonomie zugunsten der institutionellen Investoren (Versicherungen, Pensionsfonds, Investmentfonds) einher. Auf sie entfielen 2006 drei Viertel der insge­samt 80 Billionen Dollar privaten Finanzvermögens. Für sie ist ein Unternehmen eine strikte Veranstaltung von Eigentümern für Eigentümer. Für die Realwirtschaft heißt das: Zum einen steigt der Einfluss der Finanzinvestoren auf die Unternehmensstrate­gien. Zum anderen orientiert sich das Unternehmensmanagement zunehmend an den kurzfristigen Orientierungen der Finanzmärkte (Shareholdervalue-Orientierung).

• Die Wachstumsschwäche der Realwirtschaft aufgrund der fehlenden Binnennachfrage wird zusätzlich durch die Finanzsphäre befördert. Die Instabilität von Aktien- und Devisenkursen sowie Zinssätzen steigert die Unsicherheit langfristig orientierter Realinvestitionen. Es werden nur solche Realinvestitionen getätigt, die hohe Risikoprämien befriedigen. Gleichzeitig erhöht die Instabilität der Finanzmärkte die potenziellen Renditen von Finanzinvestitionen, was die Attraktivität von Realinvestitionen zusätzlich beeinträchtigt.

Trotz dieser umfassenden Finanzmarktproblematik ist es gerechtfertigt, Hedge-Fonds und Private-Equity-Fonds eigenständig unter die Lupe zunehmen: Sie bilden – auch wenn ihr Gesamtvolumen verhältnismäßig gering ist – mit ihren hohen Zielen von meist über 20 Prozent Eigenkapitalrendite die Speerspitze unter den Finanzinvestoren. Strittig ist zwar, ob diese hohen Renditeerwartungen ausschließlich die Prämie für ein höheres Verlustrisiko wiedergeben (d.h. das die Fonds unter Berücksichtigung von Ausfällen ins­gesamt durchschnittlich abschneiden), oder ob sie tatsächlich jenseits der Risikoprämie eine neue Form besonders aggressiven und gierigen Kapitals zum Ausdruck bringen. Zweifellos lösen viele der Fonds ihre hohen Renditeziele nicht ein, aber erfolgreiche Fonds feiern sich gerne öffentlich und Verluste werden kleingeredet. Um die Margen zu verbessern, ist Betrug z.B. im Falle der Hedge-Fonds sehr verbreitet. Entscheidend ist jedoch, dass die hohen Renditeziele von Private-Equity- und Hedge-Fonds zu höheren Renditeansprüchen auch bei anderen Anlegern führen. Der Appetit kommt gewisserma­ßen beim Essen, viel Essen macht dann umso mehr Appetit. Die Fonds setzen daher mit ihren hohen Renditezielen die Messlatte für andere Unternehmen und Finanzinves­toren. Sie sehen sich in der Folge gezwungen, ebenfalls auf Kosten von Investitionen, nachhaltigem Wachstum und den Beschäftigten kurzfristig die Gewinne zu steigern.

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