Eine Partei am „toten Punkt“ – DIE LINKE kann Schwung holen oder auch auspendeln

Von René Jalaß, Westsachsen

20.09.2011

Was eine romantische Beziehung zu einem anderen Menschen begründet, ist ein Ereignis, dass wir „Verliebtsein“ nennen. Im Zuge dieses Ereignisses durchleben wir ein positives Erlebnis nach dem anderen, finden uns immer attraktiver und gehen in der Regel eine so genannte „Liebesbeziehung“ ein – Schwachpunkte erkennen wir bis dahin nicht.

Doch im Laufe einer solchen Beziehung offenbaren sich immer mehr Mängel des Gegenübers, von denen wir glauben, dass wir selbst damit nur schwerlich zurecht kämen. Jede Offenbarung eines solchen Mangels – sei es dauerhafte Unpünktlichkeit, ein hochgeklappter Klodeckel, die Unmöglichkeit jemanden ausreden zu lassen oder gar eine gravierend unterschiedliche Einstellung zu Lebens- oder Sinnfragen, die unseren eigenen Werte- oder Moralvorstellungen zuwider läuft – stellt eine Zäsur in solchen Beziehungen dar. Ganz heftige Zäsuren können beispielsweise dann eintreten, wenn es ein Ungleichgewicht in den Graden der jeweils gewünschten Intimität gibt. Wir halten dann inne und wägen stets auf´s Neue ab, ob das wahrgenommene, als negativ empfundene Moment in der Gesamtschau unseres individuellen Wunschkonstruktes einer Liebesbeziehung noch harmoniert.

Ähnlich lässt sich das Zusammenspiel der verschiedenen Kräfte in einer Partei, wie der LINKEN, beschreiben. Es ist die Transkription einer Zweierbeziehung in ein übergeordnetes System, das ähnliche Effekte aufweisen kann. In der Partei DIE LINKE existieren nebeneinander Strömungen, die zeitweise unterschiedlichere Auffassungen von linker Politik nicht haben könnten. In einigen wenigen Aspekten ist man sich größtenteils einig, so z.B. wenn der Papst zu Besuch kommt und ein wenig seiner Lebensweisheit vor dem Deutschen Bundestag loswerden möchte. Wie auch in einer Liebesbeziehung war der Anlass zur Gründung der Instanz „Partei“ (ähnlich der Instanz „Paarbeziehung“) ein Ereignis. Weder in der Liebesbeziehung noch bei der Parteigründung wird das „Ur-Ereignis“ mit der Instanz überwunden. Vielmehr wird versucht, beides in Einklang zu bringen: In der Beziehung das alltägliche Zusammenleben und das individuelle Liebesempfinden. In der Partei das Zusammenwirken der verschiedenen Meinungen zur effektiven Gestaltung von Politik und eine, z.B. als „links“ bezeichnete Lebenseinstellung, von der innerhalb der Partei DIE LINKE immer stets eine Vorstellung mehr existiert, als es überhaupt Köpfe gibt. Ausnahmen gibt es immer: In der NPD beispielsweise dürfte es mehr Köpfe als Vorstellungen von einer anderen Welt geben.

Im Wechselspiel der unterschiedlichen Meinungen und Einflüsse gelangt man in einer Partei, wie auch in einer Liebesbeziehung des Öfteren an Punkte, die wie o.g. Zäsuren wirken. Manchmal fahren die Einen mit Schiffen, auf denen sie nach Meinung der Anderen nicht sein sollten. Dann wiederum freuen sich die Einen gemeinsam mit einer Zeitung über „28 Jahre ohne Hartz-IV“, während die Anderen vor Wut schäumen und jegliche finanzielle Unterstützung der entsprechenden Zeitung verwehrt wissen wollen. Das sind explizit Vorfälle, die nicht mit einem Telefonat oder einer eMail aus dem Weg geräumt sind, wie ein Schreibfehler auf einem Wahlplakat. Hier stehen sich Menschen gegenüber, die der Meinung sind, es geht an einem bestimmten Punkt nicht mehr weiter – es gibt quasi rote Haltelinien.

Diese Momente bringen Verhaltensweisen innerhalb Liebesbeziehungen und Parteien zusammen: Es folgt eine Betrachtung, die meist das Gegenüber ein- und die eigene Person ausschließt. Das Komische daran ist, dass die anschließende Bewertung des Umstands nach dem umgekehrten Prinzip (also nach der Möglichkeit des Selbst unter Auslassung des Gegenübers) vor dem Hintergrund des Gemeinsamen erfolgt:

A und B führen eine Liebesbeziehung. A lässt B nie ausreden und fällt immer ins Wort. B ist davon genervt bewertet den Umstand dahingehend, dass B mit der Macke von A nicht dauerhaft klar kommt und die Beziehung nicht aufrecht erhalten kann. Das Gleiche läuft auch in der Partei ab. Die einen tun etwas (oder tun etwas durch Unterlassen) und die anderen kommen damit nicht klar und können sich nicht vorstellen gemeinsam unter einem Hut (der Partei) weiter am Erreichen eines (politischen) Zieles zu arbeiten.

Beide Seiten sind die Verbindung eingegangen. Beide Seiten sind eigenständig agierende Systeme. Beide Seiten sollten also einen solchen „toten Punkt“ nutzen, der sich durch die Uneinigkeit ergibt, um an sich selbst zu arbeiten und die Verbindung durch einen eigenen Differenzierungsprozess voran zu bringen. Dass dies in einer Partei, mit dem Vielfachen an Meinungen einer Paarbeziehung, viel schwieriger ist, verwundert nicht – es stellt aber einen notwendigen Schritt dar, der sich beliebig oft wiederholen kann und wird. Nicht das Aufreiben an Fehltritten der Anderen darf das Parteigeschehen ausmachen, sondern die Fähigkeit der eigenen Struktur, sich selbst zu stützen und mit sich selbst so klar zu kommen, dass zeitgemäße Ergebnisse möglich sind.

Es kommt also darauf an, souverän und überzeugend aufzutreten und sich selbst nur für so wichtig zu halten, als dass es noch möglich ist, Kritik zu kassieren und sie ergebnisorientiert zu behandeln. Diese Eigenschaft setzt voraus, sich immer wieder auf´s Neue mit eigenen Standpunkten, äußeren Einflüssen und Entwicklungen im Zeitgeschehen auseinander zu setzen und dabei immer wieder einen Schritt nach vorn zu gehen, progressiv zu sein. Wer das schafft, sichert sich gute Karten für ein langes Zusammenspiel. Das gilt für die Paarbeziehung, wie auch für die Partei. Da Menschen aber sind, wie sie sind, wird es nicht lange dauern, bis z.B. die aktuellen Fortschritte der Piratenpartei von internen Reibereien überdeckt werden. Es ist nicht die Frage, ob und wann so etwas passiert. Es kommt darauf an, wie die Einzelnen in der Situation standhalten und sich weiter entwickeln.

Diese Einstellung kann in der Partei DIE LINKE jeweils einmal beobachtet und einmal nicht beobachtet werden. Zwingende Voraussetzung für ein Weiterbestehen und Fortentwickeln eines solchen Systems wäre allerdings, wenn diese Einstellung überwiegen würde.

Was A und B angeht: A muss natürlich B´s Bedürfnisse berücksichtigen und muss erkennen, dass die eigene Meinung zwar wichtig, aber nicht die einzige ist. B darf standhaft bleiben, muss allerdings auch anerkennen, dass A´s Mitteilungsbedürfnis berechtigt ist und Ursachen haben wird.

Solange aber festgestellt werden kann, dass weiter getrennte Wege gegangen werden und die einen demnächst wieder 28 Jahre ohne Nacktscanner feiern, was die Anderen verständlicherweise keineswegs akzeptieren werden, dann pendeln wir in dieser Partei eher aus. Die Macht über die Erfüllung eines Bedürfnisses in einer Paarbeziehung hat immer die Person, mit der geringsten Ausprägung des entsprechenden Bedürfnisses. Das lässt sich übertragen in: „Eine Kette hält nur so gut, wir ihr schwächstes Glied.“ Und für die Partei DIE LINKE bedeutet das: Zeitgemäße Politik ist nur insoweit möglich, als es fundamentaloppositionelle Strömungen zulassen.

Von daher ist die Einschätzung von Stefan Reinecke im taz-Kommentar nicht falsch, wenn er davon ausgeht, dass die Partei eher so weiter macht, wie bisher, als mal wieder ordentlich Schwung zu holen.

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