Verteilungsbericht: Soziale Schieflage in Deutschland ist Armutszeugnis

Deutscher Gewerkschaftsbund

23.11.2011 / PM 206 - 23.11.2011

Die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland ist in den vergangen 15 Jahren massiv auseinander gegangen, Deutschland rutscht immer mehr in eine soziale Schieflage. Zu diesem Ergebnis kommt der Verteilungsbericht 2011 des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) unter dem Titel ‚Aufschwung für alle sichern!’ „Unser Wirtschaftssystem ist dabei, seine politische und soziale Legitimation zu verspielen, die auch auf einem für alle wachsenden Wohlstand fußt“, warnte Claus Matecki, DGB-Vorstandsmitglied, am Mittwoch in Berlin.

Immer stärker konzentrieren sich die Vermögen in den Händen weniger. Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung konnten im letzten Jahrzehnt ihren Anteil am gesamten Nettovermögen von 58 auf 61 Prozent erhöhen. Das reichste Prozent der Deutschen besitzt 23 Prozent des Nettovermögens. Ganz anders sieht es am unteren Ende der Vermögenspyramide aus: Mehr als zwei Drittel (70 Prozent) der Erwachsenen besitzen gerade mal neun Prozent des Nettovermögens, jeder vierte (27 Prozent) besitzt gar kein Vermögen oder ist verschuldet.

Auch für die Arbeitnehmerinnen undArbeitnehmer war das vergangene Jahrzehnt eine Zeit großer Bescheidenheit. Die Zuwächse beim Bruttolohn waren spärlich und wurden durch Preissteigerungen aufgezehrt. Die Folge: Die Beschäftigten haben real heute weniger in der Tasche als zur Jahrtausendwende. Die Reallöhne sind in Deutschland im Zeitraum von 2000 bis 2009 um 4,5 Prozent gesunken.

Anders sieht es bei der Profitquote aus, dem Anteil der Unternehmens- und Vermögenseinkommen am Volkseinkommen. Sie ist von 27,9 Prozent im Jahr 2000 auf nunmehr 33,5 Prozent gestiegen. Dabei spielen die Einkommen aus Vermögenspositionen der Unternehmen eine immer wichtigere Rolle. Rund ein Viertel ihrer Gewinne (24 Prozent) erzielen die Kapitalgesellschaften aus Vermögenseinkommen. Statt in neue Produktionsanlagen oder in Forschung und Entwicklung zu investieren, werden Betriebsüberschüsse immer stärker auf den internationalen Finanz- und Kapitalmärkten angelegt. Dazu Claus Matecki: „Mit Finanztransaktionen lässt sich eben mehr und vor allem schneller Geld verdienen. Wie fragil diese Strategie ist, hat sich in der Krise gezeigt.“

Die Behauptung, Deutschland sei ein Hochsteuerland für Unternehmen, bezeichnete Claus Matecki als „Märchen“. Nur 5,1 Prozent des deutschen Steueraufkommens stamme aus der Unternehmensbesteuerung. Im OECD-Vergleich sei dies der niedrigste Anteil.

Der Gewerkschafter kritisierte die zunehmende soziale Schieflage als „Armutszeugnis für eines der reichsten Länder der Welt“. Er forderte ein Ende der Umverteilung zulasten der abhängig Beschäftigten. „Kräftige Lohnerhöhungen sind ein Gebot der Stunde. Wir brauchen eine produktivitätsorientierte Lohnpolitik, also einen Zuwachs der Löhne und Gehälter, der mindestens die Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität plus Preissteigerungen beinhaltet“, so Claus Matecki. Außerdem müsse die Spaltung am Arbeitsmarkt überwunden werden. Deshalb braucht Deutschland einen gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro die Stunde als unterste Haltelinie.

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