Genossenschaften: Solidarische Ökonomie stärken

DGB klartext 44/2012

22.12.2012 / DGB-Bundesvorstand, Abteilung Wirtschafts-, Finanz- und Steuerpolitik, 19.12.2012

Vor sechs Jahren wurde das Genossen -schaftsgesetz modernisiert. Seitdem wurden zahlreiche Genossenschaften neu gegründet. Mit ihrem Prinzip des nachhaltigen und transparenten Wirtschaftens könnten sie ein Gegenmodell zum Finanzmarkt-getriebenen Kapitalismus sein.

Das Internationale Jahr der Genossenschaften endet, doch das Thema bleibt. Erst im November hat das Europäische Parlament einen Bericht zur Förderung der solidarischen Ökonomie verabschiedet, die „Initiative für soziales Unternehmertum“. Zur solidarischen Ökonomie zählen etwa Genossenschaften, Vereine oder Stiftungen, die sozial oder gemeinnützig agieren. Ihre Gewinne müssen überwiegend reinvestiert werden, um die sozialen Ziele zu erreichen. In diesem Sektor arbeiten EU-weit mehr als 11 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – etwa sechs Prozent aller Beschäftigten. Eins von vier neu in Europa gegründeten Unternehmen ist inzwischen ein Sozialunternehmen. Worin liegen die Vorteile der sozialen Unternehmen für Beschäftigte und Verbraucher?

2006 wurde das Genossenschaftsgesetz novelliert. Seitdem erlebt das Genossenschaftswesen eine Renaissance - die Zahl der Neugründungen in Deutschland stieg sprunghaft an. Grafik: DGB; Zahlen: DZ Bank, Genossenschaften in Deutschland 2011

Gegenmodell zum Finanzmarkt-Kapitalismus

Nehmen wir die Genossenschaften in Deutschland: Seit der Novelle des Genossenschaftsgesetzes 2006 erleben Genossenschaften eine Renaissance (siehe Abb.). Der Grund: Sie müssen nicht mehr vorrangig ökonomische Zwecke verfolgen, es können nun auch soziale oder kulturelle sein. Leitgedanken von Genossenschaften sind Mitgliederförderung, Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung – demokratische Prinzipien. Genossenschaften sollten grundsätzlich nachhaltig und transparent wirtschaften. Zudem können sie den Standort sichern und Beschäftigten Schutz bieten. Kurzum: Im Idealfall ein Gegenmodell zum Shareholder- und Finanzmarkt getriebenen Kapitalismus.

Risiko verteilt auf viele Schultern

So könnten innovative und nachhaltige Unternehmungen entstehen – selbst verantwortet von den Beschäftigten, die gleichzeitig Eigentümer wären. Auch zur Abwehr drohender Pleiten ist das Genossenschaftsmodell – jedenfalls bei regional agierenden Firmen - erwägenswert: Bei drohender Pleite eines Unternehmens und dem Verlust der Arbeitsplätze könnten Belegschaften den Betrieb selbst übernehmen und in eine Genossenschaft umwandeln. So wird die Verantwortung und das Risiko auf mehrere Schultern verlagert. Die Unternehmensstrategien können aktiv beeinflusst und Arbeitsbedingungen humanisiert werden. Wohl bemerkt im Idealfall. Tatsächlich kommt es vor, dass auch Genossenschaften weniger nachhaltige Produkte anbieten oder die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten schleifen. Zudem werden in manchen Kommunen oder ländlichen Regionen Genossenschaften für die Bereitstellung öffentlicher Güter oder Dienstleistungen missbraucht. Doch Unternehmen der solidarischen Ökonomie sind kein Teil des öffentlichen Sektors und nicht verantwortlich für die öffentliche Daseinsvorsorge. Der Staat muss in seiner Verantwortung bleiben.

Zukunftsfähige Alternative

Solidarische Ökonomie sollte – unterstützt von der Politik – den Rahmen schaffen für eine zukunftsfähige Alternative zu Unternehmen mit Kurzfristorientierung. Soziale Unternehmen werden dann gesellschaftlich akzeptiert, wenn sie nachhaltig wirtschaften, Selbst- und Mitbestimmung groß schreiben und sich den Prinzipien des Gemeinwohls verpflichten. Diskussionsstoff genug auch für Gewerkschaften – und auch nach dem Jahr der Genossenschaften.

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