Grundsatzentscheidungen der Notenbanken

Nur einer wird gewinnen

20.10.2010 / Von Mark Schrörs und André Kühnlenz, Financial Times Deutschland (FTD) vom 18.10.2010

Die US-Notenbank und die Europäische Zentralbank driften immer weiter auseinander - in ihrer Analyse, ihren Zielen und ihren Strategien. Doch wer liegt am Ende richtig?

Die Kluft zwischen US-Notenbank Fed und Europäischer Zentralbank (EZB) könnte kaum größer sein: Die Fed wird wohl schon bald weitere Staatsanleihen kaufen, um die Wirtschaft zu stützen. Die EZB dagegen will die Liquiditätshilfen für Banken beenden und auch ihre Anleihekäufen stoppen.

Während die einen ihre ultralockere Politik also noch einmal ausweiten, stehen die anderen vor dem Kurswechsel. Wie aber kommt es, dass Fed und EZB nun immer stärker auseinanderdriften - zumal sie in der globalen Finanzkrise lange Zeit quasi im Gleichschritt marschiert sind: Erst senkten nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 beide ihren Leitzins wie nie und ergriffen weitere nie da gewesene Maßnahmen. Dann nahmen Anfang 2010 beide den Ausstieg ins Visier, ehe die Euro-Schuldenkrise beider Pläne durchkreuzte? Die Notenbanker selbst verweisen zwar darauf, dass sie die Geldpolitik für zwei unterschiedliche Volkswirtschaften machen müssen. Doch das Argument lassen Experten nicht gelten. "Derzeit sind sich beide Wirtschaftsräume im Zyklus sehr ähnlich", sagt Kai Carstensen, Konjunkturchef des Ifo-Instituts. Tatsächlich ist zwar das Risiko einer Kreditklemme für den Mittelstand in den USA größer. Auch kriselt der US-Häusermarkt bedenklich. Aber dafür stecken einige Euro-Länder in der Peripherie in der Rezession. Das große Bild ist also vergleichbar: Die Erholung geht voran, das Wachstum aber ist mäßig und die Arbeitslosigkeit hoch. Die große Kluft lässt sich damit also nicht erklären. "Es ist weniger die Realität als die Sicht der Zentralbanken auf die Realität, die sich stark unterscheidet", sagt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Die EZB sieht vor allem, dass sich die Erholung fortsetzt, und will vermeiden, dass eine zu lockere Geldpolitik hohe Inflation und Finanzexzesse schürt. Die Fed dagegen sieht zumindest die Gefahr einer neuen Rezession oder gar Deflation, also einer Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und sinkendem Wachstum. Eine zentrale Rolle für die Fed spielt die mit 9,6 Prozent hohe Arbeitslosenquote. Zum einen hat sie ein doppeltes Mandat: Sie soll stabile Preise und hohe Beschäftigung sichern. Das ist ein weiterer Unterschied zur EZB, die als Ziel Preisstabilität hat. Zum anderen sieht sie die hohe Arbeitslosigkeit als Indiz, dass die Wirtschaft unter ihren Möglichkeiten bleibt - was zu sinkenden Löhnen und Preisen führen kann. Das aktuelle US-Wachstum von rund zwei bis 2,5 Prozent reicht laut der Fed nicht aus, für genug neue Jobs zu sorgen. "Dann schrillen bei ihr die Alarmglocken", so Mayer. Die EZB dagegen ist stärker überzeugt, dass sich das Wachstumspotenzial durch die Krise dauerhaft verringert hat, also auch die Kapazitätsauslastung geringer ist und die Arbeitslosigkeit höher bleibt. Dazu kommt, dass die Fed derzeit auch mehr auf die Finanzmärkte schaut - gerade die sind aber weiter anfällig. "Die US-Wirtschaft ist sensibler gegenüber den Finanzmärkten als die Euro-Wirtschaft", sagt Stefan Gerlach, Professor an der Universität Frankfurt und lange oberster Geldpolitikexperte der Superzentralbank BIZ in Basel. Tatsächlich haben etwa die Börsen mehr Einfluss auf den Konsum als im Euro-Raum und die Firmen finanzieren sich stärker am Kapitalmarkt. Zu den unterschiedlichen Sichtweisen tragen auch kulturelle Unterschiede bei. "Das Trauma der USA ist die Depression der 1930er-Jahre, davon ist die Fed geprägt. In Europa ist Hyperinflation das Trauma, das ist in den Genen der EZB", so Mayer. Für die Fed gilt das umso mehr, als ihr Chef Ben Bernanke der Experte für die Zeit der Depression ist. "Im Zweifelsfall wird er eher zu viel tun als zu wenig", sagt Carstensen vom Ifo-Institut.

Die Fed hat zudem das Risiko, zu lange an niedrigen Zinsen festzuhalten, schon immer geringer eingeschätzt als die Gefahr, den Zins zu früh und zu stark zu erhöhen. Eine zu hohe Inflation lasse sich leichter bekämpfen als eine Deflation, so ihre Argumentation. Zudem könnten Zentralbanken gegen Exzesse an den Märkten wenig ausrichten. Ihre Aufgabe sei es, beim Platzen von Blasen die Kosten für die Wirtschaft gering zu halten. "An der Sicht hat sich durch die Krise nichts geändert", sagt Mayer. Die EZB unter ihrem Präsidenten Jean-Claude Trichet dagegen sorgt sich stärker um Exzesse an den Märkten - zumal die Kosten der jüngsten Krise so immens waren. Schließlich ist ein wichtiger Unterschied, dass Fed und EZB mit ihrer Unabhängigkeit anders umgehen. Beide pochen darauf, aber die Fed kooperiert eher mit der Regierung. "Die EZB dagegen verteidigt ihre Unabhängigkeit stark", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Trotz aller nachvollziehbaren Argumente - irgendwann wird sich die Kluft zwischen Fed und EZB wieder verringern. Weil unter dem Strich auch nur einer Recht behalten wird.

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