Ein Kongress zu Ehren des Ökonomen Jörg Huffschmid: Kapitalismuskritik heute

Vielseitiger Wissenschaftler und quer denkender Ökonom – das war Jörg Huffschmid. Im vergangenen Dezember starb er, aber seine Ideen sollen weiterleben. Am Wochenende gab es einen Kongress zu seinen Ehren in Berlin.

Die aktuelle Finanzkrise war für Jörg Huffschmid kein Zufall. Die Krise entsprang für ihn auch nicht der Natur des Kapitalismus. Sie hatte für Huffschmid vielmehr ihre Ursachen in der Deregulierung der Finanzmärkte, der Privatisierung der Rentenversicherungen und der Umverteilung des Reichtums von Unten nach Oben.

»Jörg Huffschmid war ein brillanter Politökonom, dem es nicht nur um wissenschaftliche Interpretation, sondern auch um die sozialen Bewegungen und gesellschaftliche Veränderung ging«, sagt der Bundestagsabgeordnete der Linksfraktion, Axel Troost. Am Samstag veranstaltete er in Berlin zusammen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung, dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac, dem Bereich Wirtschaftspolitik von ver.di, der Zeitschrift »Sozialismus« und anderen Vereinen und Zeitungen einen Kongress im Andenken an den im Dezember verstorbenen Bremer Ökonomieprofessor Jörg Huffschmid.

Weit über 300 Teilnehmer kamen und informierten sich über das breite Forschungsinteresse Huffschmids: So gab es eine Arbeitsgruppe zu »Krieg und Militarisierung in der Globalisierung«. In einer anderen AG ging es um sein Projekt der Euromemorandum-Gruppe, einem internationalen Zusammenschluss kritischer Wirtschaftswissenschaftler, der auf europäischer Ebene tragfähige Alternativen zum Neoliberalismus entwickelt.

Doch Kernthema war die aktuelle Finanzkrise und ihre Auswirkungen auf die Bürger. »Bei Finanzmärkten geht es nicht nur um neue, riskante Geschäftsmodelle, sondern um die zunehmende Macht der Finanzinstitute über die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Politik«, fasste der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel Huffschmids Erkenntnisse zusammen.

So hat die Wirtschaftskrise auch Auswirkungen auf die Tarifverhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitnehmern, wie Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, erläuterte: »Die letzten Abschlüsse sind Abschlüsse in der Krise, und die Krise prägt auch die Handschrift der Abschlüsse. Jetzt liegt die Priorität auf der Beschäftigungssicherung. Den verteilungspolitischen Gehalt wird man erst in ein, zwei Jahren bewerten können.« Bei einer effektiven Bekämpfung der Auswirkungen der Krise darf aber nicht auf die Selbstheilungskräfte des Marktes vertraut werden. »Eine wirklich nachhaltige Krisenbekämpfung muss mehr sein als die Rettung der großen Banken. Wirtschaft und Gesellschaft brauchen eine grundlegende ökosoziale Reformalternative. Die Demokratisierung der Wirtschaft ist dabei ein unverzichtbares Element«, so Urban.

Für Sven Giegold, Mitglied des Europaparlaments für die Grünen, bedeutet das eine Abkehr von der Politik der Lobbyisten: Um die Wirtschaft demokratisch zu kontrollieren, brauche es einen Staat, der stark gemeinwohlorientiert und nachhaltig funktioniere. »Dazu muss die aggressive Einflussnahme mächtiger Lobbygruppen auf die Politik beschränkt werden«, so Giegold.

Nicht nur die Wirtschaft ist in eine Krise geraten. Mit der globalen Erderwärmung steckt auch die Natur in einer solchen. Deshalb fordert die Politologin Birgit Mahnkopf einen tiefen Einschnitt im wirtschaftspolitischen Denken: »Wir müssen uns von dem Wachstumsparadigma als Lösung unserer Probleme lösen, stattdessen müssen wir die endlichen Ressourcen und den monetären Reichtum gerecht verteilen.« Der Kongress diente nicht zuletzt dazu, das theoretische und politische Werk von Jörg Huffschmid weiterzuführen. Es ist an der Zeit, eine Alternative zum Kapitalismus zu finden.

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