Armut ist vererbbar

Immer mehr Sozialhilfe-Dynastien entstehen

27.02.2008

Nicht nur Vermögen lässt sich vererben, auch Armut wird häufig von einer Generation an die nächste durchgereicht. Die Fachwelt spricht mittlerweile schon von "Sozialhilfe-Dynastien". Gemeint sind Familien, in denen Armut auf eine jahrzehntelange Tradition zurückblicken kann. "Trotz des Wirtschaftsaufschwungs steigt die Zahl dieser Familien schnell an", erklärt Jürgen Borchert, Richter am hessischen Landessozialgericht und Mitautor des "Kinderreports 2007".

Borchert erklärt das Phänomen wie folgt: Familien, in denen der größte Teil des Einkommens aus eigener Erwerbstätigkeit stammt, sind grundsätzlich aufstiegsorientiert und begrüßen Werte wie Fleiß, Pünktlichkeit und Bildung. In Familien, die vor allem von staatlicher Hilfe leben, geht Borchert zufolge diese Grundhaltung irgendwann verloren und wird infolgedessen auch dem eigenen Nachwuchs nicht übermittelt. "An diesem Punkt wird Armut erblich", sagt Borchert.

"Das Armutsproblem nimmt zu, sowohl quantitativ als auch qualitativ", erklärt Claus Schäfer von der Hans-Böckler-Stiftung. Gemeint ist, dass nicht nur die Zahl der armen Menschen insgesamt steigt, sondern auch die Zahl derer, die langfristig in der Sozialhilfe verharren.

"Es gibt Familien, die in zweiter oder dritter Generation von staatlichen Transfers leben", sagt Schäfer. Bei diesen Familien handele es sich zwar nicht um die Mehrheit der Sozialhilfeempfänger, jedoch um eine "wachsende Minderheit".

"Systematisch benachteiligt"

Grundproblem dieser "wachsenden Minderheit" ist meist Arbeitslosigkeit, häufig in Kombination mit fehlenden Schul- und Ausbildungsabschlüssen. "Bildungschancen werden vererbt", heißt es schon im aktuellen Armutsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2005. Demnach haben Kinder von Eltern mit hohem sozialen Status eine 2,7fach größere Chance, ein Gymnasium zu besuchen, als Kinder von Facharbeitern. Die Wahrscheinlichkeit, ein Studium zu beginnen, ist bei Wohlhabenden sogar um das 7,4fache größer.

Jedes vierte Kind, dessen Eltern keinen Schulabschluss haben, wird später ebenfalls von staatlichen Transfers leben. Wenn mindestens ein Elternteil einen solchen vorweisen kann, ist es nur jedes zehnte Kind. Haben Vater und Mutter keinen Job, ist auch ihr Kind mit wesentlich höherer Wahrscheinlichkeit später arbeitslos.

Dass Deutschland bei der Bildungspolitik erheblichen Nachholbedarf zeigt, hat sich mittlerweile sogar bis zu den Vereinten Nationen herumgesprochen: Im März dieses Jahres kritisierte UN-Sondergesandter Vernor Munoz, dass insbesondere arme Schüler, Migrantenkinder und Schüler mit Behinderungen durch das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland "systematisch benachteiligt" würden. Ort der Kritik: der UN-Menschenrechtsrat in Genf.

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