Soziale Ungleichheit: Klasse!

Rezension über: Owen Jones: Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse, von Knut Lambertin

22.01.2014 / DGB gegenblende, 20.01.2014

Der Daily Telegraph beschreibt den 29jährigen Owen Jones als einen der zehn einflussreichsten Linken Großbritanniens. Begründung: seine Medienpräsenz, die größer sei als die der gesamten Labour-Führung.[1] Doch woraus resultiert seine Medienpräsenz? Sicherlich hat sein Buch dazu beigetragen, das im Originaltitel Chavs. The Demonization of the Working Class lautet. Darin beschreibt der britische Historiker und Journalist den Untergang der britischen Arbeiterklasse als politisches Projekt Margaret Thatchers und der Wirtschaftseliten. Die Deindustrialisierung sei weitaus stärker politisch als wirtschaftlich motiviert gewesen. Damit sind hunderttausende gut bezahlte Arbeitsplätze verloren gegangen, und die Macht der Gewerkschaften wurde gebrochen. Für einen Teil der einst so starken und stolzen britischen Arbeiterklasse war dies der Beginn eines enormen wirtschaftlichen Abstiegs: schlecht bezahlte Dienstleistungsjobs, Arbeitslosigkeit, Ghettoisierung, Perspektivlosigkeit. Das Wort Arbeiterklasse wurde aus dem politischen Sprachschatz getilgt; es gab nur noch Mittelschichten und Prolls.

Die Übersetzung des Wortes „Chav“ ist mit Proll nur sehr ungenau, doch naheliegend. In Deutschland sind weitere Begriffe wie Prolo oder Pleb gebräuchlich. Mit Chavs werden die vermeintlichen Überreste der britischen Arbeiterklasse betitelt, gerne auch von Medienvertretern. Dabei handelt es sich um das in Deutschland verschleiernd sogenannte Prekariat. Die aufstiegsorientierte Arbeiterklasse wird jedoch von den gleichen Medienvertretern zur Mittelschicht gezählt. Erst dem wirtschaftlichen folgt der kulturelle Abstieg. Schnell wird das Prekariat, die Chavs, zum vorherrschenden Bild der Arbeiterklasse insgesamt gemacht. Der rechte Journalist Simon Heffer fasst dies so zusammen: "Was früher einmal die ehrbare Arbeiterklasse genannt wurde, ist fast ausgestorben. Was Soziologen als Arbeiterklasse zu bezeichnen pflegten, arbeitet dieser Tage normalerweise überhaupt nicht, sondern wird vom Sozialstaat unterhalten."[2] Diese vermeintlichen Überreste sind nun gefragter Gegenstand der Comedy-Industrie. Ein Beispiel ist die Comedy-Figur Vicky Pollard (das Vorbild von Cindy aus Marzahn) aus Little Britain, die im Trainingsanzug herumläuft, raucht und flucht. Eines ihrer vielen Kinder verkauft sie dann, um sich eine Westlife-CD leisten zu können.

Im Internet kursieren Listen über Chav-verseuchte Wohngegenden. Mittelschichts-Popgruppen wie die Kaiser Chiefs besingen die angeblich „würdelosen Proll-Flittchen“[3]. Die Medien, so hat Jones herausgefunden, unterstützen durch Nachmittagstalkshows, speziell geschnittene Berichte und Comedy das negative Bild von der Arbeiterklasse. Britische Politiker bedienen dieses Bild, weil sie kaum noch Kontakt zur Arbeiterklasse haben. Das gilt auch für viele Labour-Politiker, exemplarisch Tony Blair.[4]

Spätestens hier stellt sich die Frage nach den Entsprechungen in Deutschland. Natürlich wurde Deutschland nicht so deindustrialisiert wie Großbritannien, und eine derartige Deklassierung hat auch nicht stattgefunden. Doch gibt es diesseits des Kanals nicht auch eine Karikatur der Proll-Frau im Trainingsanzug aus einer wenig schicken Gegend? Finden wir in niveauvollen Tageszeitungen nicht negative Werturteile mit „prollig“ als Ausdruck? Haben auch bei uns Politiker den Kontakt zur arbeitenden Bevölkerung verloren? Ist das Wort Arbeiterklasse auch in unserer Republik weitgehend verbannt?

Jones zeichnet gut belegt das Projekt der Konservativen oder Neoliberalen von der Deindustrialisierung Großbritanniens und der Deklassierung der Arbeiterklasse als politische Entmachtung nach. Seine Belege zeigen jedoch auch neue Formen der Auseinandersetzung über Medien, Kultur und Labour-Politiker auf. Dies sind für Owen Jones deutliche Zeichen des immer noch existenten Klassenkampfes – hart geführt von oben. „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen!“[5] so der Finanzspekulant Warren Buffet.


[1] vgl. Dale, Ian: Top 100 most influential Left-wingers: 50-1, in: The Daily Telegraph v. 24. September 2013 auf: www.telegraph.co.uk

[2] Jones, Owen: Die Not der Jugend. in: Bsirske, Frank (Hrsg.): ver.di PUBLIK, Nr. 8/09, Berlin 2009, S. 12f.

[3] Soweit nicht anders beschrieben, sind die Zitate den besprochenen Büchern entnommen.

[4] vgl. Hartmann, Michael: Soziale Ungleichheit. Kein Thema für die Eliten? Frankfurt am Main 2013, S. 193f.

[5] vgl. Stein, Ben: In Class Warfare, Guess Which Class Is Winning. in: New York Times v. 26. November 2006

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