Allianz vertraut Amerika - LINKE stellt Anfrage wegen Übertragung der IT des Finanzkonzerns an den US-Konzern IBM

Von Hermannus Pfeiffer

11.01.2014 / Neues Deutschland vom 10.01.2013

Die Allianz lässt zukünftig die Daten von rund 80 Millionen Kunden von dem US-Konzern IBM verwalten. Das stößt bei Datenschützern auf Kritik.

Der Münchner Versicherungsriese Allianz übergibt im April den Betrieb seiner Rechenzentren weltweit an IBM. Der US-Computerkonzern soll eine stabile IT-Infrastruktur aufbauen, die selbst Katastrophen standhält. Auch sei »die weitere Erhöhung« der Datensicherheit Teil des Outsourcing-Projektes. Betriebsräte und Datenschützer kritisierten das Vorhaben. Mittlerweile ist das Thema im Deutschen Bundestag angekommen: Hört der US-Geheimdienst NSA mit?

Weltweit betreibt die Allianz SE derzeit noch 140 Rechenzentren in eigener Regie. Technologie und Rechenzentren will der finanzstärkste Versicherungskonzern der Welt in »einem einheitlichen IT-Infrastrukturbetrieb« bündeln. Bis Ende 2017 sollen die 140 Rechenzentren auf sechs reduziert werden. Den Abschluss der lange vorbereiteten »globalen Partnerschaft« mit IBM gab die in der Rechtsform einer Europäischen Aktiengesellschaft (SE) geführte Allianz zum Jahresende bekannt, während die Öffentlichkeit mit den Feiern zu Weihnachten und Sylvester beschäftigt war.

Als »riskant und unverantwortlich« hatte der zuständige Datenschützer Thilo Weichert von vornherein die neue Partnerschaft kritisiert, durch die Daten von 78 Millionen Kunden einem US-amerikanischen Konzern anvertraut werden. »Es ist nach der augenblicklichen Rechtslage möglicherweise sogar unzulässig.« Der Landesbeauftragte für Datenschutz Schleswig-Holstein in Kiel ist zugleich Vorsitzender der bundesweiten »Arbeitsgemeinschaft Versicherungswirtschaft« der Datenschützer. Die Verarbeitung von deutschen Kundendaten in einer sogenannten Cloud sei einem deutschen Unternehmen grundsätzlich verboten, wenn die IT-Wolke mit Rechenzentren in Ländern verbunden ist, in denen wie in den Vereinigten Staaten kein effektiver Datenschutz bestehe. Einen sicheren Hafen gebe es angesichts der technischen Entwicklungen ohnehin nicht mehr, warnte der Datenschützer noch im November: »Ob konzerninterne Regeln einen Zugriff von ausländischen Behörden ausschließen, muss ich bezweifeln«, so Weichelt. Geheimdienste wie die NSA beschafften sich bei Bedarf Zugang zu sensiblen Versicherungsdaten zumal diese auch für die US-Steuerbehörden interessant seien. Nach einem folgenden Gespräch mit dem Datenschutzbeauftragten der Allianz will Weichert allerdings von dieser Kritik heute nichts mehr wissen.

»Die Allianz verhält sich absolut gesetzestreu«, versichert deren Datenschützer Oliver Graf gegenüber »nd«. Das heiße auch: »Deutsche Daten bleiben in Europa.« Entsprechende EU-Datenschutzregeln würden eingehalten. Mögliche Hintertüren hält der in mehr als 70 Ländern tätige Versicherungsriese für fest verrammelt. Dem Allianz-Vorstand um Konzernchef Michael Diekmann seien Sicherheit und der Schutz der Daten ihrer Kunden, Geschäftspartner und Mitarbeiter »wichtig«, so eine Sprecherin der »Allianz Managed Operations & Services«-Gruppe, die das IBM-Outsourcing organisiert.

Auf Skepsis stoßen solche Versicherungen unter anderem in der Linkspartei. Der finanzpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Axel Troost, hat vor dem Hintergrund des NSA-Skandals eine Anfrage an die Bundesregierung gestellt: zum Datenschutz bei der Zusammenarbeit deutscher Finanzdienstleister mit IT-Unternehmen insbesondere aus den USA. Mit einer Antwort der schwarz-roten Regierung wird in der zweiten Januarhälfte gerechnet.

Die Daten deutscher Kunden sollen zukünftig von IBM neben Frankfurt auch in Paris verarbeitet werden. Direkt betroffen von Stellenabbau, Arbeitsplatzwechsel oder Umzug sind laut Betriebsrat allein in Deutschland 250 von etwa 700 Mitarbeitern. In zähen Verhandlungen sei ein Sozialplan durchgesetzt worden, der im Ergebnis für die Beschäftigten »sehr, sehr respektabel« sei, heißt es aus dem Gesamtbetriebsrat der Allianz. Doch die Auflösung von fast 140 Rechenzentren sei eine »sehr einschneidende Maßnahme« und »für die Betroffenen sehr bitter«. Eine Rettung der Jobs sei angesichts der schwachen Verhandlungsposition aber nicht möglich gewesen. Der Vorstand der Allianz SE benötigt keine Zustimmung des Betriebsrates für das Outsourcing seiner Datenverarbeitung.

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