4. November 1989: "Den ernsten Willen zur Demokratie."

Rede von Lothar Bisky, damals Rektor der Hochschule für Film ud Fernsehen der DDR in Potsdam-Babelsberg

02.11.2009 / Kundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz
Lothar Bisky am 4. November 1989



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Wenn die Veranstalter als Amtsinhaber mich hier sprechen lassen, so vermutlich deshalb, weil ich den Studenten am 9.10. die Vertrauensfrage gestellt habe. Die Studenten haben mir ihr Vertrauen ausgesprochen, dafür habe ich viel Kritik erhalten. Ich fordere Amtsinhaber auf, sich zu fragen, ob sie sich nicht auch demokratisch legitimieren lassen.

Ich spreche für Studenten und will Vorschläge aus unserer Hochschule sagen, denn Vertrauen wächst. Wir verfolgen eine Ermutigungspädagogik anstelle einer Verhinderungspädagogik.

Wir ermutigen Studenten, sich einzumischen ohne Angst und Tabus. Sie sollen ihr Talent an den Themen und Stoffen entwickeln, die sie wollen. Ohne Mut und volles Risiko wird es keine Kreativität geben. Demokratie ernst gemeint heißt: Die Studenten müssen mit ihren Namen ihr Produkt vertreten. Niemand außer den Studenten selbst hat das Recht, auch nur ein Bild oder ein Wort aus einer Sendung oder einem Film herauszuschneiden.

Der Sinn ist, sie sollen mit Name, mit Adresse und Gesicht zu ihrem Produkt vor dem Publikum stehen und Zivilcourage entwickeln. Wer das nicht früh lernt, sondern immer mit Berufung auf die bösen Umstände für Mittelmäßiges sich entschuldigt, ist keine Bereicherung für unser Fernsehen. Laßt uns die Jungen schützen vor einer durchorganisierten Verantwortungslosigkeit, in der jeder sich auf die Entscheidung des jeweils anderen beruft.

Wenn in den Filmen von Studenten Widersprüche unseres Landes gestaltet werden, auch unangenehme Tatbestände, dann ist zu berücksichtigen, nicht der Überbringer schlechter Nachrichten ist zur Verantwortung zu ziehen, sondern der Verursacher der Zustände. Wir haben keine verbotenen Filme und vollziehen in dieser Frage keine Wende. Ich fürchte nicht die unbequemen Studenten, die auf Veränderungen von unannehmbaren Zuständen drängen, ich fürchte mehr diejenigen, die sich mit unannehmbaren Zuständen abfinden.

Mein Fehler, und der vieler meiner Generation, darf nicht wiederholt werden. Wir dürfen nichts auf die Umstände schieben. Wir müssen die Demokratie ernst nehmen, jeder soll für seine Filme und Sendungen selber einstehen und sie verantworten. Niemand anders als die Produzenten haben das Schneiderecht; wer an den Filmen und Sendungen der Jugend herumschneidet, verletzt mit seinen Instrumenten die Augen, das Ohr und das Empfinden der Jungen. Wir brauchen nichts dringender als die unverfälschte Sicht der Jungen. Wenn unsere Studenten überall filmen, in Leipzig, in Dresden und hier in Berlin, so bitte ich Sie um Unterstützung. Den ernsten Willen zur Demokratie werden die Jungen uns erst dann glauben, wenn sie unverfälscht das Ihre sagen und gestalten können. Meine Forderungen lauten:

1. Gebt ihnen die Chance, ohne Wenn und Aber das Ihre beizutragen zum gesellschaftlichen Dialog, öffnet ihnen unsere Medien. Die Filme unserer Studenten muß niemand fürchten, es sind die Filme von engagierten jungen Leuten, die ihr Land besser haben wollen.

2. Wer die Meinung und die Vorschläge der Jungen fürchtet, hat Angst vor seinen eigenen Kindern. An die Stelle des Mißtrauens und der Verdächtigungen, der Ängstlichkeit und behaupteten Nichtzuständigkeit muß in den Medien die Bereitschaft treten, die Jungen zu akzeptieren, zuzuhören und zuzuschauen, was sie uns zu sagen haben, mit ihnen zu streiten, zu helfen, aus eigenen und aus unseren Fehlern zu lernen, Den Jungen gehören auch die Produktionsmittel von Film und Fernsehen.

Wer nicht auf Stimmen der Jungen hört, hat die Zukunft des Sozialismus schon aufgegeben. Vorschlag für die nächste Demonstration: Wir brauchen nicht nur Lautsprecher, sondern auch Zuhörgeräte.

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