Wenn alle nützlich sind

Die Genossenschaft Mondragón ist der pure Anachronismus: Sie setzt auf Solidarität. Doch die Kooperative hat schon einige Krisen überstanden und ist auch nun erfolgreich

23.05.2009 / Von Michael R. Krätke im FREITAG

Kennen Sie Oppenheimers Gesetz? Es besagt: Auf lange Sicht gehen selbstverwaltete Genossenschaften pleite oder verwandeln sich in gewöhnliche kapitalistische Firmen. Formuliert wurde das Gesetz nach der Erfahrung der ersten Großen Depression Ende der zwanziger Jahre, als Genossenschaften massenhaft untergingen.

Eines der erfolgreichsten Genossenschaftsexperimente aller Zeiten kann man im Baskenland, etwa 50 Kilometer von Bilbao entfernt, besichtigen. Die Mondragón Corporacion Cooperativa (MCC) ist die größte Genossenschaft der Welt (mit 103.000 Beschäftigten, davon 84.000 Genossenschaftern), das siebtgrößte Unternehmen Spaniens und das mit Abstand wichtigste im Baskenland. Seit den Anfängen 1955 – noch unter Franco – hat die Kooperative viele Krisen durchlebt. Und sie wird wohl auch diese Weltkrise überstehen und Franz Oppenheimer erneut Lügen strafen. Für Mondragón gilt: Jeder, der die Prinzipien der Genossenschaft teilt und über die nötigen Qualifikationen verfügt, kann beitreten. Nicht alle Mitarbeiter müssen Genossenschafter sein, aber alle am Kapital der Genossenschaften Beteiligten sollten auch in einem der 88 Genossenschaftsbetrieben arbeiten.

Eigene Bank

Wer Genossenschaftsmitglied ist, hat bei Mondragón gleiche und volle Mitbestimmungsrechte sowohl im Betrieb als auch im Gesamtunternehmen. Ihm stehen Sitz und Stimme in der Vollversammlung der Genossenschaft zu, quasi der letzten Instanz. Mindestens einmal pro Jahr muss eine Hauptversammlung in jedem Betrieb stattfinden. Dabei kann jeder Genossenschafter in den Vorstand oder Sozialrat gewählt – oder abgewählt werden, denn unkontrollierbare Macht darf es nicht geben bei dieser Assoziation.

Die Hauptversammlungen sind im Moment der Ort, an dem über Krisenstrategien befunden wird. Die Rezession in Spanien lässt auch Mondragón nicht unberührt, doch wird Überleben gesichert, indem genau das nicht geschieht, was normale kapitalistische Unternehmen in Krisenzeiten für rational halten: Entlassen, Sparen, Streichen, Betriebe schließen. Denn im Großen wie im Kleinen bilden die Genossenschaften eine Solidargemeinschaft, sie verwenden ihre Gewinne, um einzelnen Betriebe wie das ganze Unternehmen zu stärken. In Krisenzeiten werden deshalb Arbeitsplätze erhalten, die erworbene Qualifikation der Mitglieder als höchstes Gut betrachtet, das man nicht einfach behandelt wie in der Vergeudungsökonomie des alltäglichen Kapitalismus üblich.

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Unter dem Dach der Mondragón Corporacion Cooperativa gibt es einen Solidaritätsfonds und eine eigene Bank, die Caja Laboral, dazu eine Sozialversicherung, Berufsschulen, eine Universität. Derzeit ist im Statut fixiert, dass jede Einzelgenossenschaft 20 Prozent ihres Nettogewinns an den jeweiligen Branchenverband abführt. Zehn Prozent gehen an einen gemeinsamen Investitionsfonds von Mondragón, zwei Prozent an den Bildungs- und noch einmal zwei Prozent an den Solidaritätsfonds. Vom Rest werden zehn Prozent an den Sozialfonds abgeführt, 45 Prozent des Gewinns fließen in die Rücklagen und Reserven der Genossenschaft. Was bleibt, kann als Gewinnanteil den Kapitalkonten der Genossen gutgeschrieben, aber nicht individuell ausgezahlt werden, solange man Mitglied in der Genossenschaft ist.

Wie gesagt, von Anfang an galt das Prinzip, niemanden zu entlassen; wohl werden Mitarbeiter von einem Betrieb zum anderen umgesetzt, um Unterbeschäftigung zu vermeiden. Wenn irgendwo Arbeitsplätze verloren gehen, dann muss die Kooperative als Ganze dafür sorgen, dass die „freigesetzten“ Genossen in einem anderen Betrieb weiter arbeiten können. Im Gegensatz zur üblichen Praxis werden kriselnde Betriebe, die unter den Druck der internationalen Konkurrenz geraten, nicht geschlossen, sondern so umstrukturiert, dass sie weiter bestehen können. So ist Mondragón als Jobmaschine durchaus erfolgreich (auch bei Tochtergesellschaften im Ausland). In Spanien beträgt die Arbeitslosigkeit heute über zehn Prozent. Im Baskenland liegt sie – auch dank Mondragón – unter vier Prozent.

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