»Askida Kahve« gegen Kälte

Aktion »Brot am Haken« in Hamburger Bäckerei hilft Bedürftigen

14.08.2008 / Neues Deutschland

Schleichend kehrt der Hunger zurück in dieses Land. HEKMET ÖZER (55) und ihr Mann SÖREN (60) wollen sich damit nicht abfinden. Sie haben die Aktion »Brot am Haken« gestartet in der Bäckerei »Wandsbäcker«, die Hekmet Özer seit November 2006 im Hamburger Stadtteil Wandsbek führt. ND-Autor ART KOHR fragt nach.

ND: Wie funktioniert »Brot am Haken«?


SÖREN ÖZER: Weit verbreitet in der Türkei ist eine Tradition, die »Askida Kahve« heißt, wörtlich »Kaffee am Haken«. Menschen, die den Armen etwas geben wollen, bestellen in Café oder Bäckerei einen Kaffee und bezahlen zwei. Der Bon für das nicht verbrauchte Getränk wird an einen Haken gehängt. Kommt nun ein Gast, der knapp bei Kasse ist, dann darf er den gespendeten Kaffee trinken. Das geht zurück auf eine Idee aus Neapel, den »Caffè sospeso«. Nach einem Italienbesuch vor Jahrzehnten hat sich ein Türke das dort abgeguckt und in seine Heimat importiert.


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Bei Ihnen beschränkt sich diese Aktion aber nicht allein auf Kaffee.

SÖREN Ö.: Richtig. Die türkischen Bäckereien haben »Askida Kahve« auf Brot erweitert. In vielen Geschäften sehen Sie an Wandhaken gefüllte Beutel mit Backwaren. Als wir von einem Türkeiurlaub nach Hamburg zurückgekehrt sind, haben wir beschlossen, das auch bei uns einzuführen.

Das ist praktische Sozialarbeit.

SÖREN Ö.: Wir wollen eine Brücke schlagen zwischen den Menschen.

Sie reagieren auf die zunehmende Armut?

SÖREN Ö.: Täglich erleben wir, dass Menschen schon zu feilschen versuchen, wenn ein Brötchen 25 Cent kostet. Die Kluft zwischen Reichen und Armen wird immer größer.

Sie setzen dagegen ein Zeichen.

SÖREN Ö.: Wir hoffen, dass andere Bäckereien unserem Beispiel folgen. Kürzlich war eine Kollegin aus Düsseldorf da und hat gefragt: »Erlauben Sie, dass ich das nachmache?« Und ich habe geantwortet: »Wir bitten sogar darum!« Wir setzen auf den Schneeballeffekt.

Finden sich genügend Leute mit sozialem Gewissen, die etwas geben für »Brot am Haken«?

SÖREN Ö.: Ja. Unlängst sind zwei Frauen extra aus Pinneberg rübergefahren und haben 20 Euro gespendet, um unsere Initiative zu unterstützen.

Wer nutzt Ihr Angebot »Brot am Haken«?

SÖREN Ö.: Ältere Menschen und Arbeitslose.

Gibt es auch Clevere, bei denen Sie das Gefühl haben, die greifen Kaffee, Brot, Kuchen für lau ab?

HEKMET Ö.: Nein. Stattdessen erlebe ich immer wieder, dass Menschen, die wirklich Hilfe benötigen, Angst davor haben, reinzukommen und zu sagen: »Ich möchte eine Tasse Kaffee am Haken«. Viele schämen sich, aber Armut ist doch keine Schande! Sie kann jeden treffen.

SÖREN Ö.: Und wir kennen unsere Kunden, wie vor einigen Tagen jene Dame, die ein Brot kaufen wollte und ihr Portemonnaie leerte, aber da waren bloß noch 85 Cent drin. Also habe ich zu ihr gesagt: »Lassen Sie mal stecken, ich gebe Ihnen ein Brot vom Haken, das hat jemand gespendet, und das können Sie essen«. Und die Dame hat sich riesig gefreut.

Können Sie Ihren Kunden, ob mit oder ohne Geld, eine bestimmte Brotsorte und einen besonderen Kuchen empfehlen?

HEKMET Ö.: Richtig lecker sind meine Knoblauchbrötchen, die kosten 30 Cent, aber manchmal gebe ich die auch für 20 Cent ab. Und ein Renner ist auch Omas Apfelkuchen, selbstverständlich hausgemacht.

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