Science Cliption: Geld

Clips zum Mysterium Geld mit Rudolf Hickel

08.12.2014 / www.science-cliption.de, 27.11.2014

Auf youtube können Sie folgende Clips zum Mysterium Geld sehen:

Schriftliche Erläuterungen zum Kontext von Rudolf Hickel:

Die Bargeldschwemme – Dagobert Duck lässt grüßen

Wer kennt nicht den superreichen Dagobert Duck, den Onkel von Do­nald Duck. Für seinen sprichwörtlichen Geiz liefert er viele kuriose Bei­spiele: So verzichtet Dagobert auf den Helikopter und geht lieber zu Fuß durch den Dschungel. Er besorgt sich seine Zeitung aus dem Müll und kämpft mit einem Bären um ein Glas Honig im Wert von zwei Dol­lar. Getrieben vom Geiz und Sparwahn hortet er seine goldenen Taler.

Anstatt tagtäglich auf der Suche nach den höchsten Renditen sein Vermögen zu disponieren, hat er für sein Geld einen Tresor in Hochhaus-Format einrichten lassen. Diesen Reichtum sehen, ja streicheln zu können, verschafft ihm ge­genüber dem tagtäglichen, trostlosen Studium der Depotauszüge Glücksgefühle. Diese Anti-Heuschrecke hat mit dem Kauf von auszuschlachtenden Unter­nehmen oder der Erfindung von Spekulationsinstrumenten durch In­vestmentbanker nichts zu tun

Dieser Dagobert ist das Schreckgespenst in der heutigen Ökonomie. Weil er sein Geld hortet, entzieht es dem volkswirtschaftlichen Kreislauf. Er lässt sein Vermögen in der Realwirtschaft nicht arbeiten.
Dieses Vermögen basiert jedoch auf Einkommen, das im Zuge der vorangegangenen Produktion geschaffen worden ist. Da es jedoch im Swimmingpool gebunkert wird, fließt es nicht in die Finanzierung von volkswirtschaftlichen Ausgaben an ande­rer Stelle zu.

Unglaublich: Dieser schrullige Dagobert ist wieder ­auferstanden und treibt heute sein Unwesen. Jetzt heißt er Warren Buffet. Im zweiten Vierteljahr 2012 hat seine Investmentholding „Berkshire Hathaway“ gegenüber dem Vorquartal die Bargeldbestände um 7,5% auf 40,5 Mrd. Euro ausgeweitet. Den großen, gefürchteten In­vestor, der zuvor keine profitable Gelegenheit in der Welt ausließ, scheinen die „animal spirits“, die Lebensgeister, verlassen zu haben. Dabei ist er nicht alleine. Auch in Deutschland eifern Unternehmen und Sparer ihm nach.

Die privaten Haushalte in Deutschland hielten nach den Statisti­ken der Europäischen Zentralbank im Juni knapp 790 Mrd. Euro Geld auf ihren Bankkonten, das per Sichteinlagen und Tagesgeld jederzeit verfügbar ist. Deutsche Unternehmen parkten mit 270 Mrd. Euro gegenüber dem Vorjahr 10% mehr auf Tagesgeldkonten. Der Mut zu Sachinvestitionen scheint sie verlassen zu haben. Dabei ist diese Flucht ins Bargeld nicht lukrativ. Der durchschnittliche Zinssatz, den die Banken auf das deponierte Bargeld der privaten Haushalte zahlen, lag im Juni bei 0,77%. Durch die Geldentwertung von derzeit knapp zwei Prozent werden einschließlich des realen Negativzinses sogar Verluste beim realen Wert des Geldvermögens hingenommen.

Was sind die Gründe dieser Bargeldschwemme? Im Unterschied zu Dagobert, handelt sich eher um eine Verzweiflungstat. Als die Bargeldbestände im Umfeld der Lehman Brothers-Pleite im September 2008 nach oben schossen, war es die Angst vor dem Zusammenbruch des Weltfinanzmarktsystems, die die Bargeldhaltung nach oben getrieben hat. Heute wird die viel stärkere Flucht ins Tagesgeld und in jederzeit verfügbare Sichteinlagen durch Ängste vor den Folgen der Euro- und Staatsschul­denkrise angetrieben. Anleger trauen den auf den Finanzmärkten erhoff­ten Renditen nicht mehr. Praktisch hat die panische Sucht nach Sicher­heit die aussichtslose Spekulation mit riskanten Vermögensanlagen verdrängt. Dieses Parken und Warten ist aus der Sicht des verzweifelten Anlegers durchaus rational. Gesamtwirtschaftlich wirkt die Dagobert-Manie, heute mit Bargeld auf den Bankkonten, verheerend. Normalerweise dient Geldvermögensbildung der Finanzierung von volkswirtschaftlichen Ausgaben durch Kreditvergabe an anderer Stelle. Jedoch, die Flucht in die Bargeldhaltung bei den Banken lässt den Kreislauf stocken. Pessi­mistische Erwartungen vertiefen die Krise. Aus den Erfahrungen mit Weltwirt­schaftskrise Ende der 1920er Jahre spricht der englische Ökonom John Maynard Keynes von einer gefährlichen „Liquiditätsfalle“. Deutschland bewegt sich derzeit in dieser Falle: Geld im Überfluss findet wegen pessimistischer Erwartun­gen erst einmal nicht den Weg in die reale Wirtschaft. Stagnation, ja Deflation sind die Folge.

Wie kann diese Falle außer Kraft gesetzt werden? Im Zentrum steht die tiefe Vertrauenskrise, die die wirtschaftlichen Aktivitäten erlahmen lässt. Die Ursache liegt in der Euro- und Staatsschuldenkrise, die es zu überwinden gilt. Die Politik der nötigsten Ad hoc-Maßnahmen, die den nächsten EU-Krisengipfel erforderlich machen, treibt die Vertrauenskrise voran. Dagegen ist Mut und Entschlossenheit der Politik gefordert. Überzeugungskraft durch eine Vision, die endlich die einheitliche Währung durch eine vergemeinschaftete Finanz- und Wirtschaftspolitik fundiert, ist verlangt. Der Lohn durch eine aus der derzeitigen Parkposition startenden Wirtschaft für Einkommen und Arbeitsplätze wäre gewiss.

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