Gisela Kessler (1935-2014) - "Ich will arbeiten und kämpfen, dort wo das Leben ist!"

Gedenkveranstaltung am 31. Mai im Gewerkschaftshaus Nürnberg

19.05.2014 / sozialismus.de, 15.05.2014

Redaktion Zeitschrift Sozialismus: Am 14. Mai 2014 starb Gisela Kessler. In Frankfurt a.M., wo sie am 31. Dezember 1935 geboren wurde, erlernte sie bei der Post den Beruf der Kontoristin und dort begann auch ihre gewerkschaftliche Vita. »Mein Vater war Nazi und blieb einer, auch nach dem Krieg und der Scheidung von meiner Mutter. Die Schulbildung war Mist. In die Gewerkschaft bin ich gegangen, weil ich zur Jugendvertreterin gewählt und dann zu einem Seminar eingeladen wurde. Es gefiel mir. Das ergibt sich dann so.«

Und so wurde sie auch stellvertretende Personalratsvorsitzende der Deutschen Bundespost. Nach einem Jahresstudium an die Akademie der Arbeit in Frankfurt arbeitete sie von 1967 bis 1971 beim DGB in Wiesbaden als Gewerkschaftssekretärin im Rechtsschutz und führte Rechtsseminare an der Gewerkschaftsschule in Springen durch.

1971 wechselte sie als Frauensekretärin zum Hauptvorstand der IG Druck und Papier – eine Funktion, die sie zwei Jahrzehnte lang ausfüllte. Nach der Gründung der IG Medien war sie bis 1995 deren stellvertretende Vorsitzende. Bei ihrer Verabschiedung sagte der IG Medien-Vorsitzende Detlef Hensche: »Du sagst, es sei notwendig, stets den Blick von unten zu schärfen. Wenn du das sagst: Dir glaubt man das.«

Unvergessen ist ihre führende Rolle in der Solidaritätsbewegung mit den Heinze-Frauen – ein Fall, der 1979 bundesweites Aufsehen erregte. 29 Kolleginnen der Abteilung Filmentwicklung der Gelsenkirchener Firma Photo Heinze klagten auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Mit Unterschriftenaktionen, an denen sich 45.000 Kolleg_innen beteiligten, wurden die Frauen unterstützt. 1981 gewannen sie ihren aufsehenerregenden Arbeitsgerichts-Prozess in letzter Instanz (Details in dem dokumentierten Beitrag Keiner schiebt uns weg! Der Kampf der Heinze-Frauen von Gisela Kessler)

Doch Gisela Kessler war klar, dass damit die Arbeit nicht beendet, sondern betrieblich neu eröffnet war. Nach dem Urteil sagte sie: »Jetzt sind die Kolleginnen in den Betrieben gefordert. Die Betriebsräte müssen die Übertarife prüfen unter dem Gesichtspunkt der Gleichbehandlung. Wenn Diskriminierung auftaucht, muß erstmal im Betrieb gekämpft werden, notfalls aber auch mit weiteren Prozessen.«

Gisela Kessler gehörte zu den Repräsentant_innen der gewerkschaftlichen Linken. 1980 zählte sie zu den Erstunterzeichnern des Krefelder Appells gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen und Marschflugkörpern in Mitteleuropa. Sie war Mitglied der DKP und hatte »die Ehre gehabt, einige Male im Verfassungsschutzbericht gestanden zu haben, was kein Hindernis war, mit großen Mehrheiten wiedergewählt zu werden« (D. Hensche).

Nach der rot-grünen Agenda 2010 wurde sie 2005 Gründungsmitglied der Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) und Mitglied im Landesvorstand Bayern, später stellvertretende Vorsitzende des Ältestenrates der Partei DIE LINKE.

Zum Abschied auf dem Gewerkschaftstag 1995 sagte sie: »Am schönsten war es eigentlich, nach Veranstaltungen, nach Betriebsversammlungen ganze Nächte mit Kolleginnen nachdenklich in der Küche zu sitzen, oft bis die Sonne aufgegangen ist. Da haben wir die Dinge von unten, vom Leben her beleuchtet und betrachtet. – Ich will arbeiten und kämpfen, dort, wo das Leben ist.« Das war ihr Leben.

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