Die Underclass rebelliert

Londonriots

12.08.2011 / Ulrich Bochum, Sozialismus Aktuell

Nicht nur London brannte. Will man der politischen Klasse und der Polizei in Britanniens Metropole Glauben schenken, haben aufgehetzte jugendliche Krawallmacher ihren Frust in kriminelle Energie transformiert und ganze Straßenzüge und Quartiere abgefackelt. Die Realität indes sieht anders aus.

London wäre der Alptraum für alle deutschen Politiker, die sich gegen eine multi-ethnische Gesellschaft wenden. Die Metropole hat seit Jahrzehnten Immigranten aus den Einflussbereichen des britischen Commonwealth aufgenommen: Afrikaner, Inder, Pakistani, Einwanderer von den karibischen Inseln, Asiaten aus Hong Kong und Singapur, Araber.

Während der fordistischen Wachstumsperiode konnten diese Gruppen durch Arbeitsplätze, Einkommen und bescheidenen Wohlstand einigermaßen in die britische Gesellschaft integriert werden. Natürlich gab es unterschwelligen Rassismus, Vorbehalte gegen die Art und Weise, wie die Einwanderer ihr Leben organisierten und eigene Communities in den ärmeren Stadtvierteln bildeten.

Der finanzmarktgetriebene Immobilienboom in London, die Vernachlässigung der kommunalen »Housing Estates«, die Inwertsetzung bestimmter Londoner Viertel und die gleichzeitige Abwertung ärmerer während der letzten 15 Jahre haben die Konfrontation zwischen den reichen Stadtbezirken, und denen, die die armen Teile der Bevölkerung beherbergen, verschärft.

Der für Tottenham zuständige Labour Parlamentsabgeordnete David Lammy hat darauf aufmerksam gemacht: »Der Wohlstand der City of London findet seinen Weg nicht zu Orten wie der Siedlung Broadwater Farm oder Northumberland Park«, London sei »die ungerechteste Stadt in den Industriestaaten – Londons reichste 10% besitzen 273 Mal mehr als die ärmsten 10%«. Der Kapitalismus habe den Stadtbezirk Haringey, zu dem Tottenham gehört, vergessen.

Die Entwicklung ist widersprüchlich: Einerseits hat es Bemühungen gegeben, die Verhältnisse in den abgehängten Stadtbezirken zu verbessern, aber die Arbeitslosigkeit insbesondere bei den Jüngeren ist nach wie vor hoch und die Perspektive auf einen Job gering. Die Auswirkungen der Finanzkrise in Großbritannien werden absehbar dazu führen, dass ganze Jugendprogramme und Unterstützungsleistungen für die Kommunen zusammengestrichen werden.

In Großbritannien ist die Kommerzialisierung des alltäglichen Lebens weiter voran geschritten als auf dem europäischen Kontinent: »It was all for the money« sagte einer der jugendlichen Protestler und warum nicht zugreifen, wenn die Geschäfte schon mal in Trümmern liegen? Dieser Opportunismus mag für viele abstoßend sein, aber mit der höchsten Arbeitslosenquote und dem Gefühl, zwischen ökonomischer Arbeitswärtspirale und kommunalen Haushaltskürzungen abgehängt zu werden, wird die soziale Exklusion in den armen Vierteln verstärkt und die Teilnahme an der kommerziellen Glitzerwelt versperrt.

Mit viel Verständnis können die »Thugs« nicht rechnen, dafür mit mehr Polizeikontrollen, einem alltäglichen Ärgernis, das schon bisher zu viel Wut und dem Vandalismus beigetragen hat. Aber seitdem klar ist, dass im Zuge des Murdoch-Abhör-Skandals hohe Polizei-Offiziere in die Affäre verwickelt sind, ihre Aufklärung behinderten und von Murdoch nahe stehenden Unternehmen Vergünstigungen angenommen haben, steht auch die Londoner Metropolitan Police nicht gut da.

Im Vorfeld der Unruhen von Tottenham hatte eine Sondereinheit, die mit der Bekämpfung von Waffenkriminalität beschäftigt ist, zwei Tage zuvor ein Taxi angehalten und während eines Einsatzes einen 29jährigen Mann erschossen. Angeblich seien zuerst aus dem Fahrzeug heraus Schüsse auf die Polizei abgegeben worden – eine Version, die sich inzwischen selbst nach Polizeiquellen nicht mehr aufrecht erhalten lässt.

In den frühen Morgenstunden des 7. August kam es dann zu gewalttätigen Unruhen, Brandstiftungen und Plünderungen von Geschäften des Londoner-Stadtteils Tottenham. Das Ausmaß der Gewalt und die Zerstörungswut, die systematischen Plünderungen von Elektronikläden, Bekleidungsshops, Sportgeschäften und Supermärkten durch Teenager und junge Erwachsene, die sich Gesichtsmasken und Kapuzen übergezogen hatten und die Polizeikräfte mit Flaschen, Steinen, Holzlatten und brennenden Müllwagen bekämpften, hat viele Beobachter schockiert.

Eine zunächst friedliche Protest-Versammlung vor einem Polizeirevier, die Aufklärung über die Umstände des Todes des erschossenen Mannes und »Gerechtigkeit« verlangte, mündete in eine Gewaltaktion. Es folgten Plünderungen in einem nicht gesehenen Umfang. Junge Leute stürmten Geschäfte und kamen mit voll gefüllten Einkaufstaschen und Einkaufswagen wieder heraus. Einmal in Gang gesetzt, schwappte die Welle der Wut auf andere Bereiche Londons über. Am nächsten Tag wurden auch aus den südlichen Bezirken Peckham, Lewisham und aus dem östlich gelegenen Hackney Zusammenstöße von jungen Leuten mit der Polizei gemeldet. Mittlerweile sind weitere Großstädte wie Birmingham und Liverpool ebenfalls betroffen.

Die gewaltsamen Auseinandersetzungen erinnern an die Proteste gegen Rassendiskriminierung im Stadtteil Brixton im Jahr 1981, der einen hohen Anteil von Einwohnern aus den ehemals britisch regierten karibischen Inseln hatte. Auch damals spielte die herablassende Behandlung der Migranten durch die Polizei eine ausschlaggebende Rolle.

In Tottenham selbst gab es ähnliche Unruhen im Jahr 1985 im Zusammenhang mit dem so genannten Broadwater Farm Fall, bei dem in einer Siedlung ein Polizeibeamter regelrecht hingerichtet wurde, nachdem eine Bewohnerin dieser Siedlung im Rahmen einer Polizeiaktion ums Leben kam. Dabei führten bereits bestehende Rassen-Spannungen zwischen den lokal ansässigen schwarzen Jugendlichen und der weißen Metropolitan Police zu gewaltsamen Zusammenstößen.

Die Beziehungen zwischen den Jugendlichen und den Polizeikräften in den ärmeren Vierteln sind gespannt: »Wir werden ständig wie Kriminelle von der Polizei heraussortiert. Wenn du eine schwarze Kapuze trägst, wenn du schwarz bist, holen sie dich heraus ohne Grund... Die Polizei redet nie mit uns, sie denken wir sind keine Menschen«. Diese Stop-and-Search-Methoden haben zur Eskalation in den anderen Stadtvierteln beigetragen.

Dennoch sind die Unruhen keine Rassenunruhen, denn es haben sich Leute aller Hautfarben an den Auseinandersetzungen beteiligt. Rassische Spannungen zwischen der Polizei und den Jugendlichen haben die Ereignisse begünstigt, aber sie sind genauso wenig die Ursache wie der Einsatz mobiler Kommunikationstechniken, die den Protestlern immer einen gewissen Vorsprung vor den Aktionen der Polizei verschafft haben.

Die Reaktionen der Politik liegen auf der Linie mehr Polizei und repressive Maßnahmen, sogar der Einsatz der Armee wurde bereits gefordert. Premier David Cameron und seine Innenministerin sehen nur Kriminalität und fordern die extensive Bekämpfung durch die Polizei. Ein sozialer Kontext wird ausgeblendet oder gar nicht erst als relevant erachtet.

Erst nachdem Cameron mit Erleichterung feststellte, dass nach der massiven Verstärkung der Polizeipräsenz in London eine Beruhigung der Situation eingetreten war, gerieten soziale Aspekte in den Blick: Es gebe Bereiche der Gesellschaft, die nicht nur einfach kaputt, sondern krank seien. Es fehle ein Gefühl der Verantwortung, das Menschen erlaubt zu denken, die Welt schulde ihnen etwas, und dass ihre Handlungen keine Konsequenzen hätten. Damit dringt der Premier allerdings kaum zu den Symptomen, erst recht nicht zu den Ursachen der Londonriots vor. Sie liegen in der profunden Ungleichheit der britischen Gesellschaft, in der viele junge Menschen keine Chance auf Teilhabe mehr sehen.

Sie sind ein spätes Resultat gesellschaftlicher Strukturveränderungen, die von Maggi Thatcher auf den Weg gebracht und von nachfolgenden New Labour-Regierungen bewusst nicht korrigiert wurden. Die Betroffenen verschaffen sich jetzt in der Gefolge der Großen Krise gewaltsam Aufmerksamkeit. Solange Cameron und die anderen politischen Kräfte nicht erkennen, dass die Lücke zwischen reich und arm reduziert werden muss, gibt es indes wenig Hoffnung, die »broken society« zu reparieren – eine Erfahrung, die übrigens auch andere vermeintlich befriedete Gesellschaften wie Israel erst noch verarbeiten müssen.

Nachweise
http://www.bbc.co.uk/news/uk-14436529
http://www.guardian.co.uk/uk/video/2011/aug/07/tottenham-riots-aftermath-video?intcmp=239
http://www.sueddeutsche.de/politik/unruhen-in-london-warum-die-gewalt-in-tottenham-explodierte-1.1129106-4
http://www.newstatesman.com/blogs/the-staggers/2011/08/cameron-society-riots-broken

Ulrich Bochum arbeitet als Unternehmensberater in der G•IBS mbH (Gesellschaft für Innovation, Beratung und Service) in Berlin.

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