Jörg Huffschmid - Die Linke hat einen großen Ökonomen verloren

Nachruf von Heinz-J. Bontrup

10.12.2009
März 2009: Jörg Huffschmid bei einer Tagung der RLS

Jörg Huffschmid (1940 bis 2009) ist nicht mehr unter uns. Er ist nur 69 Jahre alt geworden. Persönlich verliere ich mit Jörg meinen hochgeschätzten Lehrer und Doktorvater und einen guten Freund, dessen Rat und auch konstruktive Kritik für mich immer eine sehr große Bedeutung hatte. Die Herausgeber seiner Festschrift zum 60. Geburtstag schrieben über ihn zu Recht, dass drei Kriterien sein erkenntnisleitendes Interesse als Wissenschaftler bestimmten: „analytische Fundierung, umfassende empirische Begründung sowie ökonomieübergreifende historische Horizonterweiterung“. Dabei hat er immer nach einem holistischen Ordnungsweg in der Ökonomie, nach Alternativen, und nicht nach einer einseitigen kapitalzentrierten Profit-(Interessenlösung) gesucht, die für ihn suboptimal war.

Jörg Huffschmid war ein herausragender Ökonom, nicht nur in Deutschland hoch anerkannt. Viele Gastvorträge im Ausland und Gastprofessuren an ausländischen Universitäten haben ihn auch außerhalb unserer Landesgrenzen bekannt gemacht. Im Sommersemester 2009 lehrte er noch an der Universität in Wien über Finanzmärkte und deren Krise. Jörgs Rat als Wissenschaftler hatte auch immer in der Politik und bei den Gewerkschaften einen hohen Stellenwert. 2000 war er Mitglied der Enqu QUOTE te-Kommission des Deutschen Bundestages „Globalisierung der Weltwirtschaft – Herausforderungen und Antworten“.

Ganz wichtig war ihm die „Arbeitsgruppe European Economists for an Alternative Economic Policy in Europe“, die in den nächsten Tagen ihr EuroMemorandum 2009 vorstellen wird. 1995 hat er diese „Arbeitsgruppe“ von Ökonomen an verschiedenen europäischen Hochschulen mit gegründet und hier wichtige Arbeit geleistet.

Mindestens genauso am Herzen lag Jörg die „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“, die er u.a. mit Rudolf Hickel und Herbert Schui vor etwa 35 Jahren als Gegenpol zum wirtschaftspolitischen Beratungsgremium des Sachverständigenrats (SVR) konstituierte. In der „Memorandum-Gruppe“ hat Jörg sehr tiefe Spuren hinterlassen. Er ist hier nicht zu ersetzen. Neben seinen vielen makroökonomischen Beiträgen, die er für die „Arbeitsgruppe“ geleistet hat, möchte ich nur die wichtige von ihm 1988 maßgeblich initiierte und bearbeitete mikroökonomische Sonderveröffentlichung „Wirtschaftsmacht in der Marktwirtschaft. Zur ökonomischen Konzentration in der Bundesrepublik“ hervorheben, aber auch die bedeutenden Arbeiten für ein „Stahlpolitisches Programm“ sowie die theoretischen Fundierungen und Unterstützungen der IG Metall bei der Umsetzung der 35-Stunden-Woche erwähnen.

Jörg Huffschmid war wirtschaftswissenschaftlich vielseitig interessiert. Nicht nur makroökonomisch. Viele Bücher und Aufsätze zeugen davon. Bereits mit 29 Jahren veröffentlichte er sein erstes großes Werk „Die Politik des Kapitals. Konzentration und Wirtschaftspolitik in der Bundesrepublik“ im Suhrkamp Verlag. Zwei wesentliche Forschungsstränge werden immer mit ihm eng verbunden bleiben. Der Bereich der Wettbewerbs-, Monopol- und Konzentrationsforschung und in den 1980er Jahren die intensive Beschäftigung mit Fragen von Rüstung, Staat und Ökonomie sowie Rüstungskonversion. Wie kaum ein anderer deutscher Ökonom hat sich Jörg Huffschmid in den Zeiten des „Kalten Krieges“ mit der Gefahr eines Hochrüstungskurses und einer ökonomisch kontraproduktiven, weil nicht reproduktiven, Rüstungswirtschaft kritisch auseinandergesetzt. Allein hier sind unter seiner Herausgeberschaft vier bedeutende und politisch wegweisende Bücher entstanden. In den letzten zehn Jahren hat sich Jörg wissenschaftlich intensiv mit Europa und den Finanzmärkten beschäftigt und das so wichtige und herausragende Buch „Politische Ökonomie der Finanzmärkte“ im VSA-Verlag veröffentlicht. Hier warnte er bereits 1999 in der ersten Auflage vor der großen Gefahr „explodierender Finanzmärkte“, deren Folgen wir jetzt in der schlimmsten Weltwirtschaftskrise seit 80 Jahren erleben.

Jörg Huffschmid wird nicht nur der „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“ fehlen und stets in Erinnerung bleiben. Wir werden unsere Arbeit in der „Memo-Gruppe“ in seinem Sinne fortführen. Für eine bessere und gerechtere Ökonomie.

Prof. Dr. rer. pol. Heinz-J. Bontrup,

Sprecher der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik


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