»Kapitalismus ist ein Unrechtssystem«

Die bankenkritischen Ordensleute für den Frieden fühlen sich durch die Finanzkrise bestätigt

22.09.2008 / Von Mona Grosche, Köln

Auf der Jahresversammlung des Dachverbands der Kritischen Aktionäre am Samstag in Köln wurden Pater Gregor Böckermann und die »Initiative Ordensleute für den Frieden« mit dem Henry Mathews-Preis ausgezeichnet.

»Unser Wirtschaftssystem geht über Leichen« – so lautet ein Slogan der spektakulären Aktionen, mit denen die »Initiative Ordensleute für den Frieden« (IOF) gegen die wachsende globale Kluft zwischen Arm und Reich protestiert. Die Ordensleute sind dabei nicht zimperlich: Slumhütten stehen plötzlich vor der Zentrale der Deutschen Bank, Ochsenblut fließt in Konzernfilialen und Prozessionen folgen einem Geldstück statt einer geweihten Hostie. »Wir machen das nicht als Effekthascherei für die Presse, sondern wollen auf die Blutspur der Konzerne aufmerksam machen«, erklärt Schwester Roswith Köhler, der man kaum glauben mag, dass sie sich seit 25 Jahren an Türen kettet und Banken mit stinkender Gülle besucht.


Die Schwester ist mit weiteren Mitstreitern der Initiative nach Köln gekommen, um den nach dem langjährigen Geschäftsführer des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre benannten Henry Mathews-Preis entgegenzunehmen. 1983 hatten sich Ordensleute zusammengefunden, um gegen den NATO-Doppelbeschluss zu protestieren. »Es hat nicht lange gedauert, bis wir kapiert haben: Der Kapitalismus ist ein Unrechtssystem«, sagt Pater Gregor Böckermann. Deshalb konzentrierten sich die Ordensleute im Lauf der Jahre zunehmend auf die Deutsche Bank: »Sie ist die größte und mächtigste Bank hierzulande und hat einen hohen Symbolwert.« Für ihr Engagement erhielt die IOF 2003 den Aachener Friedenspreis.

Der ehemalige Afrikamissionar Böckermann ist optimistisch, dass die Macht der Konzerne nicht von ewiger Dauer ist: »Früher hat man auch geglaubt, die Mauer fällt nie. Aber ich bin sicher, auch die Mauer des Geldes wird eines Tages fallen.« Die aktuelle Bankenkrise sieht die IOF als Bestätigung ihrer Systemkritik: »Die Blase musste doch eines Tages platzen«, findet Schwester Roswith, während Böckermann der Situation durchaus Positives abgewinnt: »Natürlich zahlen am Ende, zum Beispiel bei der KfW, wieder einmal die Steuerzahler. Aber die Krise zeigt auch immer mehr Menschen, wie in dem System auf Kosten der Armen abgezockt wird.«

Diese Meinung teilen wohl viele der rund 20 Mitgliedsorganisationen des Dachverbands, die sich auf der Jahrestagung einfanden, um über die jüngsten Aktionen zu berichten und um Pläne für 2009 zu schmieden. Ob kleine Bürgerinitiative gegen Rüstungswahn oder großer Umweltverband: Sie alle besuchen im Auftrag »kritischer« Aktionäre Hauptversammlungen deutscher DAX-Konzerne. Ihnen geht es natürlich nicht um eine möglichst hohe Gewinnausschüttung. Vielmehr nutzen sie ihr Rederecht, um Forderungen nach mehr Transparenz, sozialer und ökologischer Verantwortung bei den Konzernen Gehör zu verschaffen. »Wir haben 2008 auf 28 Hauptversammlungen für frischen Wind gesorgt«, resümiert Markus Dufner, Geschäftsführer des Dachverbands, die Aktivitäten des laufenden Jahres, die vor allem von der Kampagne »Vorfahrt für Klimaschutz« geprägt sind. Bei VW und Daimler erinnerte man an die unerfüllte Selbstverpflichtung der Autoindustrie zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes. Bei E.on prangerten Aktivisten das »Greenwashing« des Konzerns an, der ein Öko-Image von sich verbreitet, obwohl er hauptsächlich in Kohle und Atom investiert. Und dem Chemie-Multi Bayer rechnete man vor, dass die ausgewiesene CO2-Reduktion das Ergebnis kreativer Zahlenspiele war. Die Aktionen brachten laut Dufner einige Vorstände ins Schwitzen – und den Kritischen Aktionären Unterstützung aus den Reihen der versammelten Anleger: »Viele Aktionäre begrüßten die aktuelle Kampagne.«

Einen besonderen Erfolg erzielte man zudem bei der Deutschen Bank. Dorothea Kerschgens, Vorstandsmitglied des Dachverbands der Kritischen Aktionäre, sorgte mit einer Brötchentüte bei der Hauptversammlung für einen kleinlauten Konzernchef Josef Ackermann: Der musste sich öffentlich für eine makabre Werbeaktion seines Hauses entschuldigen. Auf den Tüten hatte man für Geldanlagen in einen Agrarfonds geworben, mit denen man aus der globalen Nahrungsmittelkrise Profit schlagen wollte: »Allerdings hat sich Ackermann nur für die Werbung entschuldigt, den Fonds gibt es weiterhin«, sagt Kerschgens. Doch wer die Kritischen Aktionäre und die Ordensleute für den Frieden kennt, weiß, dass sie weiter daran arbeiten werden, damit sich auch das ändert.

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