Ist Chancengleichheit möglich?

Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert frühkindliche Bildung für alle / Thomas Krüger ist Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks (DKHW)

18.09.2008 / Neues Deutschland

ND: Am Samstag ist der Weltkindertag. Wie geht es den Kindern in Deutschland?
Krüger: Das kann man nicht pauschal beantworten. Fakt ist aber, dass ein großer Teil der Kinder und Jugendlichen unter Armut leidet. Statistiken belegen, dass drei Millionen Kinder in Deutschland von Armut betroffen sind. Sie müssen mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens leben. Man kann sagen, dass die Armut erschreckende Ausmaße annimmt.


Welche Ursachen sind dafür verantwortlich?
Die Ursachen sind zum einen das Sozial- und Steuerrecht, das Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren nicht als gleichberechtigte Personen ansieht und ihnen zum Beispiel weniger Geld zum Leben einräumt. Viele Paare entscheiden sich in unserem Land gegen Kinder. Die Familien, die sich dafür entscheiden, werden allein gelassen.

Die entscheidende Ursache dürfte aber das Bildungssystem sein. Das Bildungssystem in Deutschland führt nämlich zur Ausgrenzung und zur Benachteiligung von einkommensschwachen Familien und solchen mit Migrationshintergrund. Die Potenziale der Kinder gehen verloren, weil sie nicht früh genug gefördert werden.

Wie kann man das Bildungssystem verbessern?
Um gleiche Einstiegschancen für Kinder zu schaffen, muss früh angesetzt werden. Bildung darf nicht erst in der Grundschule anfangen, sie sollte schon im Kindergarten erfolgen. Dafür sind Investitionen in die frühkindliche Bildung nötig. Das heißt, der Kindergartenbereich sollte nicht nur auf Betreuung abzielen, sondern auf Bildung. Kinder mit Migrationshintergrund sollten schon im Kindergarten sprachlich gefördert werden, um den Nachteil – meist wird im Elternhaus nicht genügend Deutsch gesprochen – auszugleichen.

Dafür müssen Erzieherinnen und Erzieher weiter ausgebildet werden, um ihre Kompetenzen zu erweitern. Klar ist dann auch, dass sie die gleiche Bezahlung wie Grundschullehrer erhalten sollten, wenn noch mehr Aufgaben auf sie zukommen.

Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert außerdem zwei kostenlose, verpflichtende Kindergartenjahre vor der Anmeldung zur Grundschule. Nur so kann man eine Chancengleichheit im Bildungssystem erreichen.

Sie fordern auch ein Gutscheinsystem für Schulessen. Würden arme Kinder dadurch nicht stigmatisiert?
Die Stigmatisierung gibt es ja schon, indem Kinder aus einkommensschwachen Familien erst gar nicht am Schulessen teilnehmen. Mit dem Gutscheinsystem soll dieser Ausgrenzung entgegengewirkt werden. Vor allem wissen wir dann, dass das Geld direkt bei den Kindern ankommt.

Die Unionsfraktion im Bundestag hat sich für eine Erhöhung des Kindergeldes von 154 auf 164 Euro pro Kind ausgesprochen. Begrüßen Sie das?
Ich gönne jeder Familie mehr Geld. Aber ich glaube nicht, dass sich die Probleme mit zehn Euro mehr lösen lassen. Letztlich wird den einkommensschwachen Familien und deren Kindern nicht geholfen. Kinder profitieren mehr davon, wenn in die Infrastruktur des Landes, also in ihre Bildung investiert würde. Die Kapazitäten sind da, sie müssen nur umverteilt werden.

Ich glaube, Deutschland ist eine reiche Gesellschaft, sie verspielt aber ihre Zukunft, wenn sie nicht erkennt, dass die Investition in Kinder auch der Gesellschaft zu Gute kommt.

Fragen: Nissrine Messaoudi

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