Ideologie stößt auf Fakten – der Supergau der Wirtschaftsweisen

oder: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf

20.08.2008 / Gerd Bosbach/Thomas Schneider

"Es sieht danach aus, dass die Aktienmärkte ein dauerhaft hohes Niveau erreicht haben."
Mit dieser Aussage wandte sich der weltweit anerkannte, amerikanische Ökonomieprofessor Irving Fischer am 16. Oktober 1929 an die Öffentlichkeit. Neun Tage später folgte der als Schwarzer Freitag in alle Geschichtsbücher eingegangene Tag. Die amerikanische Börse brach zusammen und löste damit eine riesige Weltwirtschaftskrise aus. Manche Aussagen werden eben mit einer derart historischen Gewalt widerlegt, dass die Situation einer gewissen Ironie nicht entbehrt. „Die Gewinne von heute sind die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen.“ Bei diesem Zitat von Altbundeskanzler Helmut Schmidt aus dem Jahre 1974 nimmt einem die Geschichte die Reflexion über den Wahrheitsgehalt nicht ab. Die Vorstellung von Helmut Schmidt geht von der Annahme aus, dass Unternehmen ihre Gewinne investieren, um konkur-renzfähig zu bleiben. Können diese als Folge expandieren und zusätzliche Aufträge generieren, entsteht ein erhöhter Arbeitskräftebedarf. Investitionen schaffen also Beschäftigung. So weit die theoretische Begründung. Diese reichte, um seit mindestens 30 Jahren das Handeln von Unternehmern und Bundesregierungen zu bestimmen. Sie diente und dient als Argument zur „Lohnzurückhaltung“, kommt aber auch im Gewand der „notwendigen Lohnnebenkostensenkungen“ ein-her. Denn über die dadurch steigenden Gewinne werden uns wieder Arbeitsplätze versprochen. Aber kann das Argument von Helmut Schmidt nicht auch empirisch, d.h. an-hand der Wirtschaftsdaten der letzten 30 Jahre überprüft werden? Wir haben nachgefragt. Nachgefragt bei denen, die es eigentlich wissen müssen, den großen Wirtschaftsforschungsinstituten und den Dachverbänden der Arbeit-geber. Da Gewinne, Investitionen und Arbeitsplätze von der Wirtschaftsstatistik gemessen werden, müsste der Zusammenhang leicht belegbar sein.

Die Rückmeldungen waren – vorsichtig ausgedrückt – bemerkenswert: Ne-ben keinen Antworten – z.B. vom sonst allwissenden IFO-Institut – gab es nichts-sagende und äußerst enttarnende Auskünfte. So meint das Arbeitgeber-Institut der deutschen Wirtschaft aus Köln: „eine Studie, die direkt ihr Thema betrifft, ist mir nicht bekannt“. Dass Essener Forschungsinstitut RWI hat in letzter Zeit zwar keine entsprechende Arbeit durchgeführt, hilft aber per Verweis weiter: „Ich glaube, mich erinnern zu können, dass es im DIW-Wochenbericht zumindest einen Artikel zu ‚Gewin-nen und Investitionen der Unternehmen’ (Görzig, 1989?) gab.“ Nett, aber fast 20 Jahre alt und außerdem fehlt das Wesentliche: die Auswirkungen auf die Arbeitsplätze! Aber auch dazu gibt es Rat vom RWI: „Mit ‚Unternehmens-gewinnen, Investitionen, Schaffung und Arbeitsplätzen’ ist allerdings ein sehr komplexes Thema angesprochen, das Sie in dieser Form zumeist nicht fertig aufbereitet vorfinden werden.“ Merkwürdig: In der Öffentlichkeit gilt dieser Zusammenhang doch als völlig sicher. Nur belegen kann man das scheinbar an Hand der vorliegenden Daten nicht! Lediglich vom angespro-chenen DIW aus Berlin bekommen wir konkrete Hinweise. Aber diese setzen sich, wie wir, kritisch mit Helmut Schmidts einfacher Logik auseinander. Insgesamt könnte sich fast der Eindruck ergeben, dass eines der Grundprin-zipien, auf denen unsere Wirtschaftspolitik basiert, anhand von Fakten nie überprüft wurde. Aber das in einer Gesellschaft, in der tag-täglich Dutzende statistische Erhebungen als Beleg für fast alles heran heranzogen werden? Gerade die wichtigste wirtschaftspolitische Leitlinie soll nie auf dem Prüf-stand gestanden haben? Sehr unwahrscheinlich. Ein Blick auf die Daten der letzten dreißig Jahre zu Gewinnen und Arbeitslosigkeit lässt eher vermuten, dass die Ergebnisse den Lobbyisten der Wirtschaft einfach nicht passten. Und dann verschwindet die Wahrheit schnell mal im Reißwolf.

August 2008

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