Cornelia Heintze, Der aufhaltbare Abstieg in die polarisierte Ungleichheitsgesellschaft

Deutschlands magersüchtiger Staat und die skandinavische Alternative

22.07.2008 / Dr. rer. pol. Cornelia Heintze (Dipl.-Pol., StK a. D. und Coach)

Ökonomisch betrachtet waren Deutschland und Frankreich einmal den Ländern Skandinaviens ähnlich. Frankreich ist das heute noch. Deutschland dagegen gleicht eher Großbritannien und angelsächsischen Ländern. Wie kommen Sie denn zu dieser Ansicht?
Als Außenstehender bin ich erstaunt über die jüngsten Zahlen zur Entwicklung der Einkommensverteilung
in Deutschland. … Zwischen den Jahren 1992 und 2006 ist der Gini-Koeffizient, ein gebräuchliches Mittel für die Messung von Ungleichheit, um sechs Prozentpunkte geklettert. Dieser Anstieg ist für sich genommen schon ziemlich stark. Und er ist sogar größer als jener, den die USA in den vergangenen rund 20 Jahren erlebt haben.

Prof. Anthony Atkinson im „Welt“-Interview am 4. Dezember 2007

Auszug:

"Einführung

Weltweit gibt es kein Problem von zu viel Gleichheit, sondern von zu viel Ungleichheit. Dies in allen Dimensionen, von der Einkommens- und Vermögensverteilung über ungleiche Bildungs- und Gesundheitschancen bis zum Ausschluss von gesellschaftlich-kultureller Teilhabe. Die neoliberale These, wonach ein Mehr an sozialer Ungleichheit die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit stärkt und über allgemeine Wohlstandsmehrung letztlich allen zugute kommt, ist ein oft bemühtes Legitimationsmuster. Empirisch belegbar ist die These nicht. Der Zusammenhang zwischen Gleichheit und ökonomischer Prosperität ist komplex und variiert zwischen den verschiedenen Wohlfahrtsstaatstypen. Deutschland belegte zwischen dem angelsächsischen und dem skandinavischen Typ lange eine Position näher am gleichheitsorientierten skandinavischen als am ungleichheitsorientierten angelsächsischen Modell

Der Grad an sozialer Gleichheit hat in der zurückliegenden Dekade jedoch erheblich abgenommen. Es gibt eine Annäherung an das angelsächsische Modell, damit eine Einebnung zwischen diesen beiden kapitalistischen Systemen. Perspektivisch sichtbar wird eine Gesellschaft, die zwar nicht so extrem polarisiert ist wie die USA, bei materieller Armut aber nicht mehr besser abschneidet als die europäischen Vertreter des angelsächsischen Modells (Großbritannien und Irland) und unteren Einkommensschichten den Zugang zu hoher Bildung durch Schließungsstrategien noch stärker verwehrt, als dies in der britischen Klassengesellschaft traditionell der Fall ist. Das Zusammentreffen von Ungleichheitszunahme und Abnahme sozialer Mobilität mit Verweis allein auf das Wirken von Neoliberalismus und Globalisierung erklären zu wollen, greift zu kurz. Auch wenn die weltweite Durchsetzung einer von angelsächsischem Freihandelsdenken geprägten Form der Globalisierung die Ungleichheit zwischen den Ländern – was so ja auch Absicht der Freihandelsdoktrin ist – vergrößert hat, ist deshalb nicht auch innerstaatliche Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen unisono gewachsen (Heshmati 2003, Harjes 2007). Sie ist dort gewachsen respektive hoch geblieben, wo neoliberales Gedankengut auch den Kompass nationalstaatlicher Politik prägte. Da sich neoliberales Gedankengut aber weder bruchlos noch überall durchsetzen konnte, kommt der schlichte Verweis auf die Globalisierung einer Verantwortungsverschiebung gleich. Die Hauptakteure innerstaatlicher Politik entlasten sich so von der Übernahme von Verantwortung für die Ergebnisse ihres Handelns wie Nicht-Handelns."

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