Die neue Maxime lautet Ernährungssicherheit

EED-Agrarexperte Rudolf Buntzel fordert, die Forschung in den Dienst der Armen zu stellen / Rudolf Buntzel ist Beauftragter des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) für Welternährungsfragen

28.04.2008 / Fragen: Knut Henkel, Neues Deutschland

ND: Die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel steigen stetig. Indien hat die Reisexporte gedrosselt, in Haiti gab es Hungerrevolten. Ist es Zeit für eine neue Agrarpolitik?

Buntzel: Wir stehen derzeit an einem Wendepunkt. Eine vergleichbare Situation hat es in der Geschichte so noch nicht gegeben. Die Preise steigen und das Niveau der Weltgetreidelager sinkt dramatisch. Wir erleben nach Jahren des Überflusses eine Situation der Knappheit. Und um mit dieser Situation umzugehen, brauchen wir neue Instrumente. Die neue Maxime muss die der Ernährungssicherheit sein. Wir müssen uns von der bedingungslosen Liberalisierung des Marktes verabschieden.

Hieße das, dass die Länder des Südens wieder eine eigene Agrarpolitik entwickeln dürfen, statt mit hochsubventionierten Lebensmitteln aus aller Welt konkurrieren zu müssen?
Genau, armen Ländern muss das Recht auf Selbstversorgung zugebilligt werden. Das wird ihnen seit Jahren von internationalen Institutionen wie der Welthandelsorganisation (WTO) vorenthalten. Die hat schließlich die Position der exportierenden Agrarländer eingenommen, Exportoffensiven gebilligt und viele Länder gezwungen, Hürden zum Schutz des eigenen Marktes abzubauen.

Was bedeutet das für die Europäische Union, die zu den großen Exporteuren von Nahrungsmitteln gehört?
Unsere Agrarpolitik muss verantwortlicher, schädliche Subventionen müssen abgebaut werden. Und man muss den Ländern des Südens helfen, ihre Landwirtschaft wiederzubeleben. Ich plädiere dafür, die Flächenprämien von 320 Euro pro bebautem Hektar, die EU-Bauern derzeit erhalten, angesichts der hohen Preise zu streichen. Dieses Geld könnte man gut im Süden investieren, denn dort ist der Investitionsbedarf enorm.

Die UNO sorgt sich ernsthaft um die Nahrungsmittelversorgung im Süden. Muss sich aber nicht auch deren Politik ändern?
Oh ja, das haben die Vorschläge des Weltagrarrats gerade bestätigt. Das Gremium hat zahlreiche Empfehlungen erarbeitet, die in die richtige Richtung gehen. Im Kern lautet die Botschaft: Fördert die Kleinbauern, denn die sind für die Ernährung im Süden ausschlaggebend. Dazu muss sich die internationale Agrarforschung mehr an deren Bedürfnissen orientieren. Es gibt in Afrika rund 2000 Hirsesorten, doch kaum systematische Forschung, dabei lassen sich die Erträge oftmals vervielfachen, wenn nur gesundes und geeignetes Saatgut ausgesät wird.

Demzufolge müssten auch der IWF und die Weltbank ihre über Jahre verfolgten falschen Konzepte ändern.
Diese Institutionen sind mitschuldig an der Krise, denn die Deregulierung und Liberalisierung des Agrarmarktes hat dazu geführt, dass die Landwirtschaft im Süden vernachlässigt wurde. Derzeit werden im Norden hochsubventionierte Überschüsse erzeugt, die vom Süden importiert werden. IWF und Weltbank haben diese Abhängigkeit mitproduziert und sorgen heute mit Nahrungsmittelhilfen für die Alimentierung des Südens. Davon profitieren nur die vier oder fünf Exportnationen, die den Weltmarkt beliefern.

Das Agrarmodell des Nordens muss demnach durch ein Agrarmodell des Südens ersetzt werden?
Wir müssen die Forschung in den Dienst der Armen stellen. Komplexe Gentechnik-Labors sind nicht das richtige Rezept, sondern die Förderung klassischer Kulturen, die den lokalen Bedingungen angepasst sind.

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