Sozialpolitik mit Gutscheinen: Zielgerichtet und günstig

19.01.2008 / iwd Nr. 4 vom 24. Januar 2008, Anlage zu Pressemitteilung Nr. 3 /2008 des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln

Von der Kinderbetreuung über die Hilfe zum Lebensunterhalt bis hin zu Pflegeleistungen: Viele staatliche Transferleistungen könnten über Gut­scheinsysteme effizienter und effek­tiver eingesetzt werden als bisher. Dass sich Gutscheine auszahlen und sogar für die betriebliche Personalpolitik taugen, zeigt eine IW-Studie.*)

Wem zu Weihnachten oder zum Ge­burtstag partout kein passendes Präsent einfällt, der verschenkt einen Gutschein. Altbacken? Mitnichten: Geschenkgut­scheine sind absolut en vogue – sie ge­hören heute zu den beliebtesten und zugleich auch häufigsten Geschenken der Deutschen.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Für den Beschenkten hat ein Gutschein ungleich mehr Charme als etwa ein doch recht unpersönlicher 50-Euro-Schein; und für den Schenker zählt vor allem, dass er zumindest mitbestimmen kann, wofür seine Gabe ausgegeben wird.

Auch Experten der Wirtschaftswissen­schaften beschäftigen sich schon lange mit Gutscheinen, speziell in der Bildungs­und Sozialpolitik. Aus gutem Grund, denn zweckgebundene Gutscheine bieten eine optimale Mischung aus staatlicher Len­kung und privater Wahlfreiheit. In Ham­burg und Berlin zum Beispiel wird dieses Verfahren bereits erfolgreich praktiziert, und zwar bei der Kita-Finanzierung (vgl. iwd 32/2007).

Welche ökonomischen Effekte Gut­scheinsysteme in der Bildungs- und So­zialpolitik sowie in der betrieblichen Personalpolitik nach sich ziehen, hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) nun in einer Studie zusammenge­tragen. Sie basiert auf den internationa­len Erfahrungen der vergangenen zehn Jahre und berücksichtigt vor allem fol­gende Wirkungsmechanismen:

Bürokratiekosten: Kurzfristig ist durch die Umstellung der bestehenden Transfersysteme auf Gutscheine mit ho­hen Einführungskosten zu rechnen. Mit­tel- bis langfristig ergeben sich allerdings deutliche Einspareffekte.

Qualität: Durch die Restrukturierung bei der Finanzierung und dem Angebot von Leistungen ist übergangsweise mit geringfügigen Qualitätseinbußen zu rechnen, die aber relativ schnell ausge­glichen werden.

Wahlfreiheit: Wird die Einführung von Gutscheinen von einer professio­nellen Informationspolitik flankiert, ver­bessern sich Auswahl und Vielfalt der Angebote. Gegebenenfalls ist auch eine entsprechende Infrastruktur vonnöten – denn wo zum Beispiel Busverbindungen fehlen, nützt die freie Wahl von Kita­Plätzen oder Schulen gar nichts.

Effektivität: Gutscheinsysteme er­möglichen es dem Staat, einzelne Grup­pen zielgenau zu fördern. Ob Sprach­kurse, Kinderbetreuung oder Schulessen – Gutscheine erlauben eine exakte Dif­ferenzierung nach Bedürftigkeit sowie Höhe und Art der Leistungen. Gleichzei­tig verhindern sie Mitnahmeeffekte und überflüssige Angebote.

Gesamtwirtschaftliche Effekte: Gut­scheinsysteme können sich sogar positiv auf Beschäftigung und Wachstum aus­wirken – nicht zuletzt durch das Zurück­drängen der Schwarzarbeit. Denn wäh­rend der Staat bei Direktzahlungen nie sicher sein kann, in welche Kanäle das Geld letztlich fließt, geben Gutscheine dem Missbrauch keine Chance: Kinder

tagesstätten zum Beispiel können die Gutscheine nur bei den Kommunen in bares Geld eintauschen.

Zählt man all diese Effekte zusam­men, kann die Umstellung auf Gutschein­systeme stattliche Reformdividenden erzielen (Tabelle):

In den Bereichen Kinderbetreuung, Pflegeleistungen, Behindertenhilfe und Grundsicherung lassen sich schät­zungsweise bis zu 30 Prozent der jewei­ligen Transfervolumina einsparen oder effizienter und effektiver einsetzen.

Gutscheinsysteme leisten aber nicht nur in der Bildungs- und Sozialpolitik wertvolle Dienste, sie haben sich auch als Instrument der betrieblichen Perso­nalpolitik bewährt. Wenn Unternehmen ihren Mitarbeitern zum Beispiel Betreu­ungsgutscheine für Pflege- oder Kita­Plätze ausstellen, zahlt sich dies in Form einer stärkeren Personalbindung aus. Be­liebt und erfolgreich sind auch Gut­scheine für eine steuerbegünstigte Mit­tagsverpflegung bei einem Anbieter ei­gener Wahl: Erfahrungen zeigen, dass die Meal-Vouchers im Vergleich zu Al­ternativen wie dem Kantinenessen Effi­zienz- und Effektivitätsvorteile zwischen 3 und 11 Prozent erzielen.

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*) Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW): Gutscheine als Instrument einer effizienten und effektiven Sozialpolitik sowie betrieblichen Personalpolitik, Köln 2008. Download der pdf­Datei unter: www.iwkoeln.de/Informationen, dort im Bereich Dokumente/IW-Veranstaltungen


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