Politische Ökonomie heute - Verleihung des Jörg-Huffschmid-Preises 2021

Aufzeichnung der Preisverleihung am 12. November 2021

16.11.2021
Politische Ökonomie heute - Verleihung des Jörg-Huffschmid-Preises 2021

Marie Grasmeier hat in ihrer Dissertation die Berufskultur und die beruflichen Identitäten von Seeleuten in der globalen Handelsflotte durch teilnehmende Beobachtung untersucht, wobei ihr das Nautikstudium, das sie bereits vor ihrem Studium der Kulturwissenschaften und der Gender Studies absolviert hat, und ihre Praxis in der Seefahrt zugute kamen. Indem sie nachverfolgt, wie Seeleute – trotz der Gegenwart rassistischer, nationalistischer und geschlechtlicher Abgrenzungen in den heutzutage multinational zusammengesetzten Mannschaften – eine international verbreitete berufliche Identität entwickelt haben, macht sie zugleich deutlich, wie in tagtäglicher Arbeit auf See die Voraussetzungen für die Aufrechterhaltung der transnationalen Produktionsnetzwerke im globalisierten Kapitalismus geschaffen werden.

Die Huffschmid-Preisträger:innen 2021: Marie Grasmeier, Madelaine Moore, Simon Schaupp (von links nach rechts)

Madelaine Moore vergleicht in ihrer Dissertation die Kämpfe gegen die Privatisierung der Wasserversorgung in Australien und Irland. Indem sie Ansätze der Bewegungsforschung, der kritischen politischen Ökonomie, der politischen Ökologie und der feministischen Theorie der sozialen Reproduktion verbindet, gelingt es ihr durch diese Fallstudien, grundlegende Schlüsse bezüglich der gegenwärtigen politischen Konjunktur zu ziehen. Ökonomische, ökologische und soziale Krisen werden demnach im gegenwärtigen Kapitalismus nur insoweit «gelöst», als sie in den Hintergrund treten bzw. eine Dimension der Krise durch eine andere temporär verdrängt wird. Zugleich zeigt sie, dass stets eine «reproduktive Unruhe» als Form rebellischer Subjektivität weiter besteht.

Simon Schaupp untersucht in seiner Dissertation «Technopolitik von unten» durch mehrere Betriebsfallstudien, die auch auf teilnehmender Beobachtung beruhen, wie die algorithmische Arbeitssteuerung die Arbeitsprozesse verändert, wie die neuen digitalen Technologien von den Beschäftigten angeeignet werden und welche Momente der Selbstorganisation und des Widerstands gegen die kapitalistische Ausbeutung und Herrschaft damit verbunden sind. Er zeigt, dass die Digitalisierung kein technologisch neutraler, sich gleichsam gesetzmäßig vollziehender Prozess, sondern ständig umkämpft ist – Schaupp prägt dafür den Begriff der «kybernetischen Proletarisierung».

Mitglieder der Jury für den Jörg-Huffschmid-Preis waren diesmal Prof. Dr. Heide Gerstenberger (Universität Bremen), Arno Gottschalk (Mitglied der Bremischen Bürgerschaft), Prof. Dr. Jörg Hafkemeyer (Universität der Künste Berlin), Prof. Dr. Laura Horn (Universität Roskilde), Dr. Anne Huffschmid (Freie Universität Berlin), Dr. Jeremy Leaman (Loughborough University), Prof. Dr. Birgit Mahnkopf (Institute for International Political Economy, Berlin), Prof. Dr. Rainer Rilling (Fellow der Rosa-Luxemburg-Stiftung), Dr. Thomas Sablowski (Rosa-Luxemburg-Stiftung), Prof. Dr. Mechthild Schrooten (Hochschule Bremen).

Die Preisverleihung, die am 12. November 2021 im Haus der Wissenschaft in Bremen stattfand, war Teil des Festprogramms anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens der Universität Bremen. Prof. Dr. Birgit Mahnkopf moderierte die Veranstaltung. Nach Grußworten von Prof. Dr. Jutta Günther (Konrektorin der Universität Bremen), Dr. Carsten Sieling (Präsident des Senats und Bürgermeister a. D. der Freien Hansestadt Bremen) und Dieter Reinken (ehem. Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Bremen) stellte Prof. Dr. Heide Gerstenberger in ihrem Vortrag dar, welche Bedeutung die einst als „rote Kaderschmiede» bezeichnete Universität Bremen im Kontext des Projekts einer demokratischen Hochschulreform hatte und an welche Grenzen dieses Projekt gestoßen ist. Prof. Dr. Rudolf Hickel, der wie Prof. Dr. Heide Gerstenberger an der Universität Bremen seit ihrer Gründung beschäftigt war und dort ebenfalls über viele Jahre mit Jörg Huffschmid zusammengearbeitet hat, ging näher auf dessen umfangreiche und intensive Arbeit im Bereich der Wirtschaftswissenschaft ein. Dabei standen Jörg Huffschmids Beiträge zur Weiterentwicklung der Politischen Ökonomie auf den Grundlagen der von Marx vorgelegten Anatomie des Kapitalismus sowie sein Pionierwerk «Politische Ökonomie der Finanzmärkte» im Mittelpunkt. Es ging auch um die 1975 mit der Gründung der «Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik» von der Universität Bremen aus gestartete Kritik der «Mainstream Economics» durch eine sozial und ökologisch verantwortliche, interdisziplinär ausgerichtete und empirisch fundierte Wirtschaftswissenschaft.

Die Laudatio zu der Dissertation «‘That is My Profession’: Occupational Cultures and Occupational Identities of Seafarers in the Global Merchant Fleet» von Marie Grasmeier hielt Prof. Dr. Heide Gerstenberger. Die Laudatio zu der Dissertation «Re/productive Unrest: Understanding Water Struggles in Australia and Ireland» von Madelaine Moore hielt Prof. Dr. Laura Horn. Die Laudatio zu der Dissertation «Technopolitik von unten. Algorithmische Arbeitssteuerung und kybernetische Proletarisierung» von Simon Schaupp hielt Dr. Thomas Sablowski.

Frühere Preisträger*innen waren Dr. Nicola Liebert (2011), Dr. Ingo Stützle und Dr. Florian Butollo (2013), Pavlina Miteva und Sebastian Prantz (2015), Etienne Schneider und Dr. Ulaş Şener (2017) sowie Felix Gnisa und Dr. Gábor Scheiring (2019).

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