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Aus der Fraktion
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Am 11. September 2001 war ich mit meiner Familie auf der Rückfahrt von
einem Kurzurlaub. Vom ersten Einschlag ins World Trade Center hörten wir
im Radio. Ich dachte erst an einen schrecklichen Unfall. Dann kam die
Nachricht vom zweiten Einschlag und mir war klar, dass es sich um einen
Anschlag handeln muss. Von da an gab es kein anderes Thema mehr: Bis wir
zu Hause ankamen, diskutierten wir über die möglichen Hintergründe und
Drahtzieher der Terroranschläge. Dabei wechselten wir ständig die
Radiosender, um auf dem Laufenden zu bleiben.
Zuhause angekommen, machten wir als erstes den Fernseher an – genau in
dem Moment stürzte der erste Turm des World Trade Centers ein. Ich war
fassungslos und sah mit entsetzen zu. Trotz des Grauens war mir jedoch
klar, dass ich als Polizeibeamter in dieser Situation so wie meine
amerikanischen Kollegen meinen Dienst machen würde, um möglichst viele
Menschen retten zu können. Meine Gedanken waren deshalb nicht nur bei
den Opfern, sondern auch bei den Rettungs- und Sicherheitskräften.
Die Ereignisse vom 11. September 2001 machten mir noch lange zu
schaffen. Auch heute noch stimmt mich dieser Tag sehr nachdenklich.
Immer wieder stelle ich mir die Frage, wie Menschen zu einer solchen Tat
fähig sind - und kann es dennoch einfach nicht begreifen. Wie sehr
müssen diese islamistischen Terroristen um Osama Bin Laden den Westen
gehasst haben, um dermaßen zielgerichtet den Anschlag vorzubereiten und
durchzuführen?
Der bis heute anhaltende Krieg in Afghanistan, der im Namen der
Terrorismusbekämpfung geführt wird, hat die weltweit agierenden
Terrornetzwerke nicht aufhalten können, weitere Anschläge durchzuführen.
Oftmals waren dabei nicht westliche Gesellschaften das Ziel, sondern
muslimisch geprägte Staaten wie Ägypten, Tunesien oder Marokko. Dies
zeigt, dass es keinen "Kampf der Kulturen" gibt, wie es sowohl
Islamisten als auch islamfeindliche Bewegungen in Europa behaupten. Um
die Gewalt substantiell stoppen zu können, müssen die unzähligen
humanitären Missstände konsequent gelöst werden. Kriege können keine
funktionierenden Gesellschaften errichten.
Soziale Sicherung, politische Partizipation, Demokratisierung, gerechte
Wirtschaftspolitik, Bildungsexpansion, Frauenemanzipation – dies sind
die Grundlagen, auf denen ein gewaltfreies Zusammenleben aufbaut. Nur so
kann grundlegend dem religiösen Fundamentalismus der Nährboden entzogen
werden. Er ist geradezu die Reaktion auf sozialen und politischen
Rückschritt, wie er sich seit Jahrzehnten in den muslimisch geprägten
Ländern zeigte. Auch der Westen trägt hierfür Mitschuld: Die
Abhängigkeit vom Rohöl und die Zusammenarbeit mit den arabischen
Autokratien haben deren Macht gestützt, anstatt auf eine umfassende
Demokratisierung und soziale Öffnung zu drängen, um die Menschen in der
Region aus ihrer Unmündigkeit zu befreien.
Heute – zehn Jahre nach den schrecklichen Terroranschlägen – gibt es
dennoch Hoffnung auf eine bessere Welt. Die Menschen in der Region
fordern ihre Rechte ein. Sie wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen.
Der Arabische Frühling ist die Chance, dass der Nährboden für
religiösen Fundamentalismus langfristig entzogen werden kann. Wir hier
in Deutschland und Europa müssen dies unterstützen. Das ist unser
Vermächtnis gegen die Gewalt – dies sind wir den Opfern des 11.
Septembers schuldig.
linksfraktion.de, 5. September 2011