06.03.2011
Reform zur Interventionsarmee verhindern
Paul Schäfer, verteidigungspolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag, über die Reform der Bundeswehr
Ist mit dem Rücktritt Guttenbergs als Verteidigungsminister die Bundeswehrreform gestorben?
Paul Schäfer: Sie wird vermutlich nicht mehr so
aufgeregt vertreten und tosend inszeniert werden, aber es gibt wenige
Anzeichen, dass Thomas de Maizière die grundsätzliche Richtung ändern
wird. Das ist schlecht, denn die Richtung ist falsch. Sein Vorgänger
Guttenberg hat viele Baustellen eröffnet und einen Stapel
Kommissionsberichte, Gutachten und Ideensammlungen hinterlassen, die auf
den gründlichen Umbau der Bundeswehr zu einer schnell einsetzbaren
Interventionsarmee hinauslaufen. De Maizière mag die Sache stiller und
langsamer angehen, hält aber am Ziel fest.
Beides birgt Probleme. Erstens drängt die Zeit. Die anstehenden
Haushaltsberatungen werden erste Fakten schaffen, und ein Jahr
steuerfinanziertes Weiter-wie-bisher als Einarbeitungsfrist für den
neuen Verteidigungsminister darf es nicht geben. Zweitens ist – gerade
wegen der zu schaffenden Fakten – ein Kurswechsel vonnöten, wenn man
nicht eine grundfalsche Ausrichtung der Bundeswehr zementieren will.
Was also sollte de Maizière tun?
Zum einen erwarte ich vom neuen Verteidigungsminister, dass er mit der
Umsetzung der Sparvorgaben ernst macht und anders als zuletzt Guttenberg
nicht nach Schlupflöchern sucht, um unter dem Strich doch mehr Geld für
die Bundeswehr rauszuhandeln. Zum anderen erwarte ich von ihm, dass die
notwendige Reform der Bundeswehr vom Kopf auf die Füße gestellt wird.
Zuvorderst geht es nicht um Standorte und Ausrüstung, sondern das
Kernelement muss der politische Auftrag sein. Der neue
Verteidigungsminister sollte den Weg für die auch in konservativen
Kreisen häufig vermisste breite gesellschaftliche Diskussion über den
Auftrag der Bundeswehr bereiten. Das Weißbuch von 2006 ist veraltet, die
gesellschaftlichen und ökonomischen Realitäten lassen keinen Zweifel
daran, dass Landesverteidigung und Abrüstung das Gebot der Stunde sind,
dass die bisherigen Auslandseinsätze der Bundeswehr keinen Beitrag zur
Sicherheit geleistet haben und auch die Art und Weise der militärischen
Integration in NATO und EU auf den Prüfstand gehören. All die Maßnahmen,
mit denen Guttenberg sich eine Interventionsarmee zusammen basteln
wollte, müssen vom Tisch. Ich bin andererseits realistisch genug, um
davon auszugehen, dass auch der neue Verteidigungsminister versuchen
wird, sich einfach durchzuwursteln. Es wird unsere Aufgabe sein, ihn an
die Erwartungen im Lande zu erinnern.
Guttenberg hat eine Anschubfinanzierung für seine Reform gefordert. Wird de Maizière die auch brauchen?
Wenn de Maizière die Anschubfinanzierung tatsächlich brauchen sollten,
würde dies nur zeigen, dass er den Aufgaben nicht gewachsen ist. Wenn de
Maizière sie bekommen sollte, wäre die eigentlich notwendige Kürzung
der Militärausgaben auf Jahre vom Tisch. Nein, das Gerede von der
notwendigen Anschubfinanzierung ist reine Augenwischerei.
Aber kostet nicht jede Reform auch Geld?
Natürlich, auch Abrüstung und Konversion sind nicht zum Nulltarif zu
haben. Es geht schließlich darum, dass der notwendige Personalabbau
sozial verträglich und die zivile Umnutzung bisheriger
Militärkapazitäten ökologisch sinnvoll gestaltet werden. Gleichzeitig
ist der Verteidigungshaushalt mit über 30 Milliarden Euro derart
überdimensioniert, dass sich diese Reform durch die Einsparungen im Etat
selber finanzieren kann. Ich sprach eben von der Landesverteidigung.
Dafür braucht man weder Airbusse für neun Milliarden Euro noch Fregatten
für zweieinhalb Milliarden Euro. Einsparvorschlag Nummer eins. Dafür
braucht man auch viel weniger Soldaten. DIE LINKE hat deswegen die
Halbierung der Truppenzahl gefordert. Einsparvorschlag Nummer zwei. Und
die Kosten für die ganzen Auslandseinsätze von Afghanistan bis Somalia –
immerhin eine runde Milliarde Euro pro Jahr – fielen auch weg.
Einsparvorschlag Nummer drei. Ich erinnere schließlich daran, dass der
letztliche Anstoß für die Bundeswehrreform eine Sparvorgabe aus dem
Finanzministerium war. DIE LINKE erwartet, dass diese eingehalten wird.
Mit der Wehrpflicht ist der Bundeswehr eine
Rekrutierungsmöglichkeit abhanden gekommen. Die Bewerberzahlen brechen
bereits ein. Braucht sie nicht mehr Geld, um attraktiver zu werden?
Die Mehr-Geld-Variante ist die des Verteidigungsministeriums. Wer sein
freiwilliges Wehrdienstjahr leistet, bekommt mehr als doppelt soviel wie
die Teilnehmer an sozialen, ökologischen oder kulturellen
Freiwilligenprogrammen. Das ist erstens aus Gerechtigkeitsgründen nicht
hinnehmbar, zweitens funktioniert es offenbar nicht: Die Bewerberzahlen
brechen ja trotzdem ein. Und sinkende Bewerberzahlen sind zunächst
einmal nicht tragisch, wir wollen ja auch sinkende Truppenzahlen. Dass
viele junge Menschen die Bundeswehr als Arbeitgeber nicht besonders
attraktiv finden, hängt allerdings weniger mit dem Geld zusammen. So
schlecht verdient man als Soldat auch wieder nicht. Abschreckend wirkt
eher der Gedanke an mögliche Auslandseinsätze, die wochenlangen
Abwesenheiten durch Lehrgänge und die geforderte Bereitschaft, alle paar
Jahre quer durch die Republik zu ziehen. Versuchen Sie das mal, wenn
Sie Familie haben. Die immer wieder aufkommenden Skandale um Drill und
Schikane in der Ausbildung sind übrigens vermutlich auch nicht gerade
ein Bewerbermagnet. Wer will sich schon so behandeln lassen? Wir müssen
über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nachdenken, über die
Wiederbelebung der Ideen von Innerer Führung und Staatsbürgern in
Uniform. Mehr politische Bildung und ein besseres Beschwerdemanagement,
mehr Zivilität in der Armee. Darum geht es.
linksfraktion.de, 7. März 2011