Wortlaut, Die Fraktion in den Medien
Dagmar Enkelmann, 1. Parlamentarische Geschäftsführerin, und Barbara
Höll, Mitglied des Vorstandes der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag,
bilanzieren den Hochwasserschutz ihrer Bundesländer sowie deren
Krisenmanagement angesichts der aktuellen Überflutungen. Die
Brandenburgerin und die Sächsin erläutern, wie DIE LINKE künftigen
Überschwemmungen besser vorbeugen will, welche Rolle der Bund dabei
spielen muss und warum Deutschland international mit gutem Beispiel
vorangehen soll.Bereits am Ende der vergangenen Woche bezifferte die sächsische
Landesregierung die Unwetterschäden in den Hochwassergebieten an Neiße,
Oder und Spree auf bis zu 150 Millionen Euro. Bis heute hat es weiter
teilweise stark geregnet. Wird es für die Betroffenen einen
Rettungsschirm wie seinerzeit für die Banken geben?Barbara Höll: Das Ausmaß der Schäden wird sich erst in den
kommenden Wochen und Monaten zeigen, doch allein im Landkreis Görlitz
wird mit Schäden von mehr als 50 Millionen Euro gerechnet. Dies ist für
die Betroffenen eine Katastrophe, insbesondere weil vielen eine
Flutversicherung verwehrt worden ist. DIE LINKE drängt auf schnelle und
unbürokratische Hilfe, die sächsische LINKE fordert mittelfristig eine
solidarische Elementarschaden-Versicherung, also einen Rettungsschirm
für Menschen, gerade für die Menschen, denen keine Flutversicherung
gewährt wird. Aber seien wir realistisch: In Sachsen droht der CDU-FDP
Landesregierung kein Wahlkampf, und es geht nicht um den Zusammenbruch
des deutschen Finanzwesen. Die vollmundig angekündigten Hilfsgelder von
100 Millionen Euro sind lediglich vergünstigte Darlehen auf 18 Monate
begrenzt. Eine Augenwischerei, die keine wirkliche Hilfe für die
Betroffenen ist.
Umweltschützer erheben schwere Vorwürfe gegen die sächsische Landespolitik. Was lief schief im Freistaat?Barbara Höll: Die sächsische Landesregierung hat aus der
Flutkatastrophe von 2002 nicht die notwendigen Konsequenzen gezogen.
Statt einseitig die Deiche auszubauen, hätte man den Flüssen mehr Raum
für den Notfall geben müssen. Die Einengung von Flüssen und Deichbaue
quer zum Flusslauf erweisen sich nun als verheerend. Hier muss ein
sofortiges ökologisches Umdenken einsetzen.
Nach dem Jahrhunderthochwasser von 2002 sind hunderte Millionen Euro
in Deichverstärkungen und Rückhaltebecken geflossen. Sollen das wirklich
Fehlinvestitionen gewesen sein?Dagmar Enkelmann: Nein, keineswegs. Ganz abgesehen von den
persönlichen Verlusten, die Bürgerinnen und Bürger an ihrem Hab und Gut
erleiden, sind die Schäden, die Überschwemmungen, zerstörte
Infrastruktur und vollgelaufene Ortschaften mit sich bringen können, um
ein Vielfaches höher als die Ausgaben für den Hochwasserschutz. In
Brandenburg sind nach 1997 an Oder und Elbe rund 220 Millionen Euro
aufgewendet worden. Das war ein enormer Kraftakt. Das Hochwasser hat
aber auch in Brandenburg bestehende Schwachstellen, insbesondere an der
Spree, offengelegt.
Zumindest hat das Hochwasser in diesem Jahr bisher in Brandenburg
nach Ministeriumsangaben keine nennenswerten Schäden hinterlassen. Hat
also Deichgraf Platzeck doch gute Arbeit geleistet?Dagmar Enkelmann: Vor allem hat die neue Brandenburger
Deichgräfin, unsere Umweltministerin Anita Tack, eine exzellente Arbeit
geleistet. Zwei Hochwasser innerhalb von zwei Monaten glimpflich zu
bewältigen - einer solchen Herausforderung sah sich wohl noch kein
zuständiger Minister gegenüber. DIE LINKE kann stolz sein auf solche
Ministerinnen. Hervorragendes leistet auch das Landesumweltamt
Brandenburg mit seinem Präsidenten, Professor Matthias Freude.
Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit zwischen den beiden betroffenen
deutschen Bundesländern und den polnischen Verwaltungsbezirken?Barbara Höll: Die Zusammenarbeit war ein Fiasko, es fehlten
unmittelbare Kommunikationswege und direkte Ansprechpartner. Ich frage
mich, wieso es nicht möglich ist, effektive und übergreifende
Katastrophenpläne zu entwickeln, die nicht vor Landes- und Bundesgrenzen
halt machen. Die Panne mit dem liegengebliebenen Fax ist nur ein
Symptom dafür, dass der Katastrophenschutz noch nicht im Handy- und
Computerzeitalter angekommen ist.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) kritisiert die zögerliche
Umsetzung nationaler und europäischer Hochwasserschutzgesetze. Das hört
sich ein wenig so an, als hätten Berlin und Brüssel ihre Hausaufgaben
gemacht, Potsdam und Dresden hingegen nicht.Dagmar Enkelmann: Auch in Brandenburg brauchen wir beispielsweise
mehr Flächen, die als natürliche Auffangbecken für Wasser fungieren
können. Das hat auch Anita Tack jetzt wieder betont. Da hätte in
Brandenburg in der Vergangenheit mehr passieren können. Ich selbst hatte
2002 in den Landtag einen Antrag zu einem integrierten
Moorschutzprogamm eingebracht. Schon zu dieser Zeit hatte sich die
Fläche von Mooren und Auen im Lande halbiert - von 10 auf 5 Prozent der
Landesfläche. Damit waren sie als Wasserspeicher und als Puffer bei
Wetterextremen verschwunden. Das ist bei Trockenheit wie bei Hochwasser
von Nachteil. Der Antrag wurde natürlich von der damals regierenden
Großen Koalition von SPD und CDU abgelehnt.
Beim Hochwasserschutz ist aber nicht nur das Land, sondern auch der Bund
gefordert. Anita Tack hat auf der letzten Umweltministerkonferenz
vorgeschlagen, eine Nationale Hochwasserkonferenz zu schaffen. Das ist
ein guter Vorschlag.
Welche Rolle soll der Bund in einem solchen Nationalen Hochwasserschutz-Konferenz spielen?Dagmar Enkelmann: Es geht unter anderem darum, bundesweit den
Datenaustausch und das Meldesystem weiter zu verbessern wie auch die
gegenseitige Unterstützung bei Hochwassern. Mehr Augenmerk benötigt, wie
gesagt, der vorbeugende Hochwasserschutz. Flüsse brauchen mehr Raum und
keine Staustufen. Bei den jetzt anstehenden Arbeiten an Spree und Neiße
muss der Bund sich auch finanziell engagieren. Das liegt im Interesse
des ganzen Landes.
Unter dem Titel »Die Zukunft ist erneuerbar« startet die Landesgruppe
Sachsen am 30. August zu einer einwöchigen Veranstaltungs- und
Informationstour quer durch den Freistaat. Kann eine Energiewende die
notwendige Klimawende herbeiführen?Barbara Höll: Die Energiewende ist alternativlos. Alternative
Energiequellen müssen noch viel stärker gefördert werden. Aber selbst
eine sofortige Energiewende führt nicht zu einer unmittelbaren
Klimawende, denn der Klimawandel ist ein tragisches Produkt vergangener
Generationen. So traurig es sich anhört, eine wirklich ökologische
Energiewende macht sich beim Klimawandel erst in der Generation unserer
Kindeskinder bemerkbar. So pathetisch es sich anhört, es geht um die
Zukunft der Erde.
Die Bundesregierung sieht das offensichtlich anders. Zum 1. Juli
haben Union und FDP bereits die Förderung für Solaranlagen drastisch
gekürzt. Und in dem für Herbst angekündigten Energiekonzept wird
Schwarz-Gelb die Laufzeiten von Atomkraftwerken verlängern. Den
Atomgegnern soll diese unpopuläre Maßnahme mit einer neuen
Brennelementesteuer versüßt werden.Barbara Höll: Statt durch die Verlängerung der Laufzeiten der
Kernkraftwerke unseren nachfolgenden Generationen haufenweise
strahlendes Material zu hinterlassen, für das es weltweit kein Endlager
gibt, müssen wir die Atomkraftwerke schnellstmöglich abschalten. Die
Brennelementesteuer schöpft nur einen Bruchteil der zusätzlichen Gewinne
für die Unternehmen ab. Trotz Finanzkrise und struktureller
Massenarbeitslosigkeit, schmeißt die Regierung den Energiemonopolen
Milliarden in den Rachen. Ich bin gespannt auf die kommenden
Parteispenden von RWE, Vattenfall und Co. an FDP und Union. Dies ist
Klientelpolitik auf Kosten der Menschen.
Erst vor wenigen Monaten ist der Klimagipfel in Kopenhagen grandios
gescheitert. Die verheerenden Brände in Russland und die Flutkatastrophe
in Pakistan führen uns auf dramatische Weise vor Augen, dass
Klimaschutz nicht durch viele nationale Alleingänge funktionieren kann.
Müsste die Bundesrepublik nicht viel stärker in der internationalen
Staatengemeinschaft für eine gemeinsame Lösung werben?Dagmar Enkelmann: Nicht nur werben, sondern mit gutem Beispiel
vorangehen. Inzwischen weiß jeder, dass es möglich ist, den Strombedarf
der Bundesrepublik bis 2050 zu hundert Prozent aus erneuerbaren Quellen
zu decken. Das wäre ein enormer Fortschritt im Klimaschutz. Aber was
macht die Bundesregierung? Sie kürzt die Vergütungen für Solarstrom,
will Kernkraftwerke offenbar bis in alle Ewigkeit laufen lassen und
bricht ihre Zusagen bei der Finanzierung des internationalen
Klimaschutzes. Diese Politik nimmt nicht nur für Länder wie Pakistan die
Klimakatastrophe billigend in Kauf. Auch Deutschland selbst wird das
mehr und mehr zu spüren bekommen. Die aktuellen Hochwasser gaben da nur
einen Vorgeschmack.
linksfraktion.de, 16. August 2010