linksfraktion.de, 10. August 2010
In Deutschland lebt jeder fünfte Jugendliche in Armut. Weshalb das
so ist, erläutert Yvonne Ploetz im Interview mit linksfraktion.de und
erklärt, mit welchen Reformen Jugendarmut bekämpft werden kann. Der 12. August ist der internationale Tag der Jugend. Welche Bedeutung hat dieser Tag für Sie?Yvonne Ploetz: Eigentlich muss die Jugend jeden Tag im Jahr Gehör
finden. Sie spielt eine enorm wichtige Rolle: So abgedroschen das auch
klingen mag, die Jugend ist die Zukunft. Da die Jugend noch immer keine
politische Lobby hat, nehme ich den Tag gern zum Anlass, auf die
Bedürfnisse, Ideen und Probleme junger Menschen hinzuweisen.
An welche Probleme denken Sie?
Es gibt viele Probleme. Fangen wir mit dem Armutsproblem an. In
Deutschland ist jeder fünfte Jugendliche arm. Damit sind sie die am
stärksten von Armut betroffene Altersgruppe noch vor den Kindern.
Gewöhnlich wird Armut mit Kindern und alten Menschen in Verbindung gebracht.
Es ist gut, dass diese beiden Gruppen wahrgenommen werden. Insbesondere
Kinderarmut findet in der deutschen Debatte eine große Aufmerksamkeit.
Aber leider spielt Jugendarmut kaum eine Rolle. Stattdessen vollzieht
sich ein Wechsel in der öffentlichen Wahrnehmung: weg vom „Opfer Kind“,
hin zum „Täter Jugendlicher“. Das ist das Bild, das viele Medien von der
Jugend vermitteln. Somit ist es schwieriger, für Jugendliche zu kämpfen
und die Akzeptanz für politische Maßnahmen zu erhöhen.
Für welche Lösungsansätze werben Sie?
Erst einmal brauchen wir einen erweiterten Blickwinkel. Kinder- und
Jugendarmut müssen auf Grund der jeweiligen biographischen Besonderheit,
der spezifischen Herausforderungen und Belastungen gesondert behandelt
werden. Und es muss dafür sensibilisiert werden, dass Armut ein
jugendliches Gesicht hat.
Was sollte Ihrer Meinung nach getan werden, um Jugendarmut zu beseitigen
Wir brauchen einen arbeitsmarkt-, beschäftigungs-, sozial-, bildungs-,
familien- und wohnungspolitischen Reformmix. Das Thema muss von vielen
Seiten angegangen werden.
Was heißt das konkret?
Wichtig ist die materielle Ausstattung: Etwa eine Million Jugendliche
sind auf Hartz IV angewiesen. Aber der geltende Regelsatz von 287 Euro
für junge Menschen zwischen 14 und 18 Jahren ist unzureichend. Dinge,
die für Jugendliche relevant sind, werden in der Rechnung nicht
berücksichtigt. Außerdem reicht das Geld nicht aus, um Lernmittel,
Mobilität und eine gesunde Ernährung zu gewährleisten.
Oftmals wird dieses geringe Budget sogar ganz gestrichen.
In der Tat sind die 18- bis 25-Jährigen von einer rigiden
Sanktionspraxis betroffen. Ihnen wird der Regelsatz bei Nichtantreten
oder Abbrechen einer von der Arbeitsverwaltung zugewiesenen Maßnahme
sofort für die Dauer von drei Monaten um 100 Prozent gekürzt. Beim
zweiten Vergehen werden sogar Heizungskosten und Miete gekürzt. Dieser
Paragraph muss sofort gestrichen werden. Man darf niemandem das
Existenzminimum nehmen.
In den letzten Jahren hat auch die Zahl der wohnungslosen Jugendlichen stark zugenommen.
Schuld daran ist das gesetzlich verankerte Auszugsverbot nach § 22
Absatz 2a SGB II. Dieser Paragraph gehört in die gesetzliche Mülltonne.
Weiterhin brauchen wir ein Recht auf Ausbildung: Jedem Jugendlichen
muss, egal in welcher wirtschaftlichen Lage er oder sie sich befindet,
ein Ausbildungsplatz zur Verfügung stehen. Und damit die Zukunft nicht
von der Herkunft abhängt, braucht es ein Bildungssystem, das nicht
sozial selektiert, sondern individuell fördert. Da arme Jugendliche oft
arme Eltern haben, muss eine Strategie gegen Jugendarmut auch eine
Strategie für ein existenzsicherndes Einkommen der Eltern sein.