Linksfraktion vom 10.5.2010
Fraktionsvize Dietmar Bartsch vermutet, dass sich die Bundesregierung
vom Wahlausgang in NRW nicht wirklich beeindrucken lässt. Vom
bevorstehenden Bundesparteitag am 15. und 16. Mai in Rostock erwartet er
konkrete politische Aufträge für die Bundestagsfraktion.Wie bewerten Sie das Ergebnis der Landtagswahl in
Nordrhein-Westfalen?
Das ist erstens eine schwere Schlappe für die schwarz-gelbe
Bundesregierung und für Frau Merkel persönlich. Wobei ich hinzufügen
muss, dass wir noch nicht einmal in der Mitte der Legislaturperiode
sind. Da riskieren neoliberale Regierungen und Parteien für gewöhnlich,
die Bürgerinnen und Bürger mit den sogenannten alternativlosen Maßnahmen
zu verärgern, sprich: Sozialabbau und Umverteilung von unten nach oben.
Wir werden das nach der Landtagswahl und vor der massenmedial
aufgebauten Drohkulisse Griechenland, Spanien, Portugal usw. schmerzhaft
erleben. Zweitens kann der Erfolg unserer Partei gar nicht hoch genug
eingeschätzt werden. Krisenzeiten wie die aktuelle sind Zeiten der Sorge
und der Angst. Angst aber gebiert gleichermaßen Hoffnungen an die
Politik, also an den Staat, wie eine entsprechend große Skepsis. Beides
sind Erwartungen, die eher passive Haltungen bestärken. Wir als LINKE
aber wollen verändern, dazu brauchen wir viele aktive Menschen – in der
Partei wie in der Wählerschaft. Ich kann es auch kürzer so sagen: Wir
mussten mobilisieren und wir haben mobilisiert. Eine starke Leistung vor
allem der Genossinnen und Genossen vor Ort, denen ich herzlich
gratuliere.
Welche Auswirkungen hat das Ergebnis der Landtagswahl auf die Politik
in diesem Land?
Was das für NRW bedeutet, werden wir nach den Koalitionsverhandlungen
sehen. Die SPD hat nicht nur aus machttaktischen Gründen gegen uns
Wahlkampf geführt, sondern auch, weil sie unsere politischen
Vorstellungen und Ziele nicht teilt, was letztendlich die
Schlussfolgerung nahelegt, dass es mit einer Regierung mit der SPD und
ohne DIE LINKE in NRW zu keinem Politikwechsel kommen wird.
Wie wirkt sich das Ergebnis auf die Bundesregierung aus?
Die Bundesregierung wird sich nicht wirklich vom Ausgang dieser Wahl
beeindrucken lassen. Die FDP wird sich rascher und konsequenter der
Unionslinie unterordnen. Mittelfristig ist auch nach dem Stabilisierung
verheißenden Abschneiden der SPD bundespolitisch noch nicht zu sagen,
wohin sich die SPD entwickeln wird. Nur eines steht nun fest: Gabriel,
Nahles und auch Steinmeier werden sich weiterhin der Frage nicht
entziehen können, wie sie im Bund angesichts einer Partei links von
ihnen, die das Thema der sozialen Gerechtigkeit, das der entschiedenen
Regulierung der Finanzmärkte und auch das des Friedens glaubwürdig
vertritt, wieder mehrheitsfähig werden können.
Bietet das Ergebnis die Chance, über den Bundesrat die
Kräfteverhältnisse in Deutschland nach links zu verschieben?
Natürlich, wenn die schwarz-gelbe Mehrheit im Bundesrat verloren ist,
dann muss die Bundesregierung auf einige ihrer zentralen Projekte wie
die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke, Kopfpauschale,
Steuersenkungen in der bisherigen Form verzichten. Allerdings beherrscht
Frau Merkel die Salamitaktik der Politik recht gut, sie wird Wege
finden, ohne den Bundesrat bemühen zu müssen, ihre Ziele zu erreichen.
Vor welchen Herausforderungen steht die Bundestagsfraktion DIE LINKE
in den nächsten Wochen und Monaten?
Die Fraktion hat eine dienende Rolle gegenüber der Partei. Sie muss den
Zuspruch von 11,9 Prozent bei der letzen Bundestagswahl in eine
erfolgreiche Oppositionsarbeit umsetzen. Insofern bei der Landtagswahl
in NRW auch eine Rechnung mit der Bundesregierung beglichen worden ist,
verstehe ich den Stimmenzuwachs für DIE LINKE auch als eine Bestärkung
der Bundestagsfraktion, noch konsequenter, erfolgreicher sowie hör- und
sichtbarer, kenntlicher den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.
Welche Aufgaben wird der Bundesparteitag, der am 15. und 16. Mai in
Rostock stattfindet, an die Bundestagsfraktion formulieren?
Es werden hauptsächlich drei Aufgaben sein: Erstens wird der Parteitag
die politische Grundlinie der Partei und deren Agenda, der sie seit
ihrer Gründung im Sommer 2007 gefolgt ist, bestätigen. Wir bleiben bei
unsern Zielen aus dem Bundestagswahlkampf 2009, die uns mit Losungen wie
»Raus aus Afghanistan!«, »Hartz IV abwählen!« und »Nein zur Rente mit
67!« so populär gemacht haben. Zweitens werden wir als Fraktion vom
Parteitag den politischen Auftrag bekommen, die Kampagne der Partei zur
Gesundheitsreform, die Antiprivatisierungs- und
Rekommunalisierungskampagnen und die Aktivitäten der Partei gegen Krieg,
Sozial- und Demokratieabbau parlamentarisch zu unterstützen.
Und die dritte Aufgabe?
Der Parteitag wird alle Mitglieder und Gliederungen und indirekt auch
alle Amts- und Mandatsträgerinnen und –träger darauf orientieren, den
Parteiaufbau, das Zusammenwachsen in Pluralität, die Konsolidierung der
noch jungen Partei zu forcieren. Die Bundestagsfraktion hatte und hat
bis heute für die Kultur der Partei eine gewisse Vorreiter- und
Vorbildfunktion. Das sollte sie für die neue Phase der Parteientwicklung
auch haben.
Die Delegierten des Bundesparteitags werden aller Voraussicht nach
eine quotierte Doppelspitze mit der Führung der Partei beauftragen. Wann
kommt die Doppelspitze für die Bundestagsfraktion?
Darüber werden wir nach dem Parteitag sprechen und entscheiden.
linksfraktion.de, 10. Mai 2010