Neues Deutschland
Die Mitglieder der LINKEN
haben in einer Urabstimmung entschieden, dass ihre Partei auch künftig
im Duett geführt werden soll. Gewählt wird das Nachfolgeteam von Lothar
Bisky und Oskar Lafontaine in drei Wochen auf dem Parteitag in Rostock.
Zur Wahl stehen auf Vorschlag des bisherigen Parteivorstandes: Gesine
Lötzsch und Klaus Ernst.
Mit den beiden Kandidaten sprachen Gabriele Oertel und Jürgen Reents.Mit 84,5 Prozent haben die Mitglieder der LINKEN künftigen
Doppelspitzen in der Parteiführung zugestimmt. Sind Sie erleichtert,
zufrieden?Lötzsch: Das ist ein sehr gutes, weil eindeutiges Ergebnis. Wir
sollten auch in Zukunft über wichtige inhaltliche Fragen die Mitglieder
direkt befragen. Jetzt brauchen wir uns auf dem Parteitag nicht über die
Satzung zu streiten, sondern können uns stärker auf die Probleme
konzentrieren, die die Menschen in unserem Land beschäftigen.
Ernst: Ich begrüße dieses klare Votum der Basis. Jetzt hat der
Parteitag das Wort.
Mit 48,3 Prozent war die Beteiligung an der Urabstimmung andererseits
nicht berauschend, woran lag das?Lötzsch: Augenscheinlich sind solche Strukturfragen für viele
Mitglieder nicht so dringlich, wie inhaltliche Fragen. Die Genossinnen
und Genossen wollen jetzt die Probleme anpacken.
Im Westen war die Beteiligung deutlich geringer als im Osten. Ist man
der Basisdemokratie dort ein wenig müde?Ernst: Nein, ich glaube vielmehr, dass diese Satzungsänderung
nicht die Art von Basisdemokratie ist, die man sich vorstellt. Viele
möchten solche Urabstimmungen lieber zu wichtigen politischen Inhalten
haben, weniger zur Frage der Partei-Organisation. Sie sagen: Jetzt hört
endlich auf mit den Personalfragen, wir wollen Politik machen. Unsere
Parteimitglieder sind schließlich nicht aus Jux und Dollerei in der
LINKEN, sie wollen, dass wir die Lebensverhältnisse im Land verändern.
Teilen Sie diese Meinung?Ernst: Dass wir uns darauf konzentrieren müssen, Änderungen im
Land zu bewirken: natürlich! Was die Urabstimmung zur Doppelspitze
betrifft, waren Gesine und ich uns jedoch einig, dass das eine
vernünftige Sache ist. Damit wurden quälende Querelen beendet.
Gesine Lötzsch gab unlängst zu Protokoll, dass es ihr als
Norddeutsche nicht immer leicht fällt, die ganze Bandbreite der Dialekte
in der Linksfraktion zu verstehen. Insbesondere mit dem Schwäbischen
und dem Bayerischen habe sie Probleme. Sind das die geringeren
Verständigungsprobleme des vermutlich künftigen Führungsduos?Lötzsch: Die vielen Dialekte stehen auch für eine große Vielfalt.
Ich habe nicht den Eindruck, dass uns unsere Dialekte hindern könnten,
gut zusammen zu arbeiten.
Klaus Ernst, Sie erzählen gern die bizarre Geschichte, Sie hätten
beim ersten Zusammentreffen vor Jahren in Dagmar Enkelmann die
Sekretärin von Lothar Bisky vermutet. Haben Sie Schwierigkeiten mit
starken Frauen und gleichberechtigter Führung?Ernst: Ich habe mit dieser Episode lediglich erklären wollen, wie
wenig ich damals die PDS und auch die handelnden Personen gekannt habe –
wie unbedarft wir waren. Was die quotierte Doppelspitze angeht, kann
ich nur sagen, dass ich von Anfang an unbedingt dafür war. Man muss
berücksichtigen, wie sich unsere Partei entwickelt hat. Da waren am
Anfang mit Oskar Lafontaine und Gregor Gysi zwei medial ganz besonders
wirksame Menschen am Werk. Wenn ich eine Frau gewesen wäre, hätte ich da
nicht um den zweiten Vorsitz spielen wollen. Und ohne Lothar Bisky, das
will ich auch sagen, würde es die Partei nicht geben. Dessen
herausragende Rolle bei der Fusion von PDS und WASG ist unschätzbar. Bei
uns beiden ist das jetzt anders. Wir können auf einer
gleichberechtigten Ebene agieren.
Treten Sie ein leichtes oder ein schweres Erbe an, mehr Last oder
mehr Lust?Lötzsch: Wir haben uns beide nicht danach gedrängelt, sondern
sind vorgeschlagen worden. Jetzt stelle ich mich der Aufgabe und werbe
um Zustimmung. Ich glaube auch nicht, dass wir uns in Konkurrenz zu
anderem Führungspersonal in der Bundesrepublik unbedingt verstecken
müssen.
Und wie ist das mit dem Erbe?Lötzsch: Wir übernehmen ein gut bestelltes Feld. Wichtig ist für
mich, dass wir an unseren Zielen festhalten und sie umsetzen. Das heißt,
dass wir so lange für den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan kämpfen,
bis er endlich stattfindet. Das heißt, dass die LINKE so lange für den
gesetzlichen Mindestlohn streitet, bis wir ihn wirklich haben, dass wir
so lange gegen Hartz IV angehen, bis es Hartz IV nicht mehr gibt, erst
locker lassen, wenn die Rentenformel wieder hergestellt und die
Angleichung der Rentenwerte Ost an den Rentenwert West durchgesetzt ist.
Wir haben sehr gute Startbedingungen, weil wir eine sehr hohe
Wählerzustimmung für unsere klaren Aussagen haben. Das ist für mich
übrigens die wichtigste Lehre: Immer, wenn wir nicht klar gesagt haben,
was wir wollen, haben wir Stimmen verloren. Und immer, wenn wir gesagt
haben, was wir wollen, und erst an zweiter Stelle über die anderen
Parteien geredet haben, haben wir gewonnen. Außerdem sind Lafontaine und
Bisky nicht aus der Welt. Wir setzen darauf, dass sie uns weiterhin mit
Rat und Tat unterstützen. Und das machen sie gerade im Wahlkampf in
Nordrhein-Westfalen.
Was möchte das Duo Lötzsch-Ernst denn anders machen als die
Vorgänger?Ernst: Entscheidend ist, dass wir inhaltlich den Kurs fortsetzen.
Aber wir wollen uns noch mehr als in der Vergangenheit um die Partei
kümmern – aus der Phase der Gründung müssen wir in die Phase der
Konsolidierung der Partei gelangen. Das ist kein Vorwurf an die
Vorgänger, weil die das gar nicht leisten konnten. Da trägt immer die
gesamte Führung Verantwortung. Wir sind, seit es die LINKE gibt, von
Wahl zu Wahl geschlittert und haben sie schließlich auch alle gewonnen.
Aber ich bin überzeugt, dass wir uns jetzt mehr um den Aufbau der
Partei, um die Mitglieder kümmern müssen. Wir werden uns mehr bemühen,
eine vernünftige Diskussionskultur hinzukriegen und eine Linie zu
entwickeln, die die Partei möglichst in ihrer großen Mehrheit
akzeptiert. Das wird ein Schwerpunkt unserer Arbeit sein, weil die
kulturellen Unterschiede zwischen den neuen und alten Ländern doch noch
groß sind – größer, als ich vor zweieinhalb Jahren dachte. Dies
zusammenzuführen, wird unsere Aufgabe sein.
Gelegenheit dafür gibt die Programmdebatte. Viele halten den Entwurf
für verbesserungsfähig.Ernst: Aus meiner Sicht ist das ein guter Entwurf und es hat mich
gewundert, wie schnell schon die ersten kritischen Einwände kamen. Ich
halte den Entwurf für eine gute Diskussionsgrundlage. Jetzt müssen wir
organisieren, dass möglichst viele Leute über die zentralen inhaltlichen
Fragen wie Mitbestimmung, Ausweitung der Arbeitnehmerrechte durch
Eigentum am Unternehmen, die Frage der Banken usw. diskutieren. Mir ist
dabei wichtig, dass man die Debatte nicht nur mit den eigenen Genossen,
sondern mit anderen führt, mit denen man schließlich gemeinsam Politik
machen will.
Sähen Sie Ihre Aufgabe als Vorsitzende mehr in die Partei hinein als
nach außen gerichtet, weil die Außenwirkung ohnehin mehr durch die
Bundestagsfraktion bestimmt wird?Lötzsch: Die Hauptaufgabe ist natürlich auch für
Parteivorsitzende das Wirken in der Gesellschaft, für unsere Ziele zu
werben. Was die Partei selbst betrifft, werden wir durch die geplante
große Teambildung eine starke Aufgabenverteilung haben. Sowohl die
beiden Geschäftsführer als auch die extra dafür dann einzusetzenden
Parteibildungsbeauftragten müssen sich intensiv um den Parteiaufbau und
um die Kampagnenfähigkeit kümmern. Aber in der Tat können sich einige
Veränderungen gegenüber unseren Vorgängern ergeben, weil sehr viele
Genossen zu Oskar und Lothar aufgeblickt haben und sich häufig gar nicht
trauten, sie anzusprechen. Das kann man auch als Vorteil nutzen.
Entscheidend wird sein, dass die gewählten Gremien ihre Arbeit machen
und Entscheidungen dort getroffen werden, wo sie satzungsgemäß zu
treffen sind.
Ernst: Wenn ich sage, wir müssen uns um die Partei mehr kümmern,
heißt das nicht, dass wir nicht auch nach außen wirken wollen. Das muss
natürlich auf dem selben Niveau bleiben und sogar noch verstärkt werden.
Wir müssen uns aus dem Fenster lehnen für die Partei. Aber zusätzlich
müssen wir uns mehr, als das in der Vergangenheit möglich war, um den
Aufbau, um die Kultur, und neu um die Programmdebatte kümmern.
Lötzsch: Wir müssen mehr daran arbeiten, dass die Gremien ihrer
Funktion nachkommen und nachkommen können, dass die Partei ein Zentrum
hat und dass wir Fraktion und Parteivorstand eng verzahnen. Der
Parteivorsitz ist ein Ehrenamt und wir sind beide auch gewählte
Abgeordnete – und ich lege Wert darauf, direkt gewählt worden zu sein
und möchte weiterhin auch als Abgeordnete im Bundestag und in meinem
Wahlkreis in Berlin-Lichtenberg wirken.
Nicht alle in der Partei sehen diese Ämterhäufung gern. Kritisiert
wird, dass für alle drei Doppelspitzen nur Bundestagsabgeordnete
vorgeschlagen sind. Ist an dem Einwand was dran?Lötzsch: Ich weiß um diese Sorge. Für den Rostocker Parteitag
gibt es einen Antrag, dass keine Abgeordneten Mitglieder in Vorständen
sein dürfen. Das Anliegen ist verständlich, doch die Wirkung wäre genau
nicht im Sinne der Antragsteller. Es würde zwangsläufig dazu führen,
dass die Fraktion die Partei regiert und das wollen wir nicht.
Ernst: Die Fraktion würde sich dadurch Stück für Stück
verselbständigen. Es muss schon so sein, dass die Führung der Partei
auch in der Fraktion wirkt. Ich bin nicht dafür, dass Parteivorstand und
Fraktion vollkommen identisch sind, aber es darf auch nicht sein, dass
der Parteivorstand mehr oder weniger von der Fraktion abgetrennt wird.
Das geht nun überhaupt nicht.
Sie wollen die Seele der Partei streicheln, können Sie das denn
überhaupt? Und gilt das auch für die Genossen im Osten?Ernst: Ich musste in meinem bisherigen Job auch die Seele meiner
Mitglieder bei der IG Metall streicheln. Das habe ich ganz gut
hingekriegt. Die Belegschaften würden mit der IG Metall in Schweinfurth
durch Dick und Dünn gehen. Ich denke, das kriegen wir jetzt gemeinsam
auch in der LINKEN gut hin. Und ich muss sagen, wie wir bisher gemeinsam
aufgetreten sind, das war einfach schön. Wenn wir unsere Position
darstellen, reagieren große Teile der Partei eher mit Sympathie und
ermuntern uns bei unseren Vorhaben. Ich glaube, die werden uns
unterstützen. Anders geht es auch gar nicht.
Noch mal, werden Streicheleinheiten auch im Osten ausgeteilt?Ernst: Im Osten habe ich die wenigsten Sorgen. Die habe ich eher
gegenüber früher relativ kleineren Organisationseinheiten im Westen, die
versucht haben, die Mehrheit mittels gegenseitiger Bekämpfung bis zum
Abwinken davon zu überzeugen, dass sie recht haben. Und das mit wenig
Erfolg. Wir müssen alle miteinander akzeptieren, dass wir eine Partei
sind, die nach außen wirkt und zur Kenntnis genommen wird.
Öffnen wir den Blick nach außen. Was sehen Sie für ihre potenzielle
Amtszeit als das herausragende Feld gesellschaftlicher
Auseinandersetzung?Lötzsch: Ich habe in der Partei häufig die Erfahrung gemacht,
dass man sich alle halbe Jahre eine neue Kampagne ausgedacht hat, aber
das Ergebnis nicht zählte. Für mich ist das Ergebnis wichtig. Ich merke
auch in Gesprächen, dass das die Wähler am meisten interessiert. Wenn
wir mit einer Wahlaussage in die Wahl gehen, auch wenn wir Opposition
sind, wollen die Leute trotzdem wissen, was wir bewegt haben. Deshalb
bleibt die Durchsetzung des Mindestlohns ein Schwerpunkt. Ebenso wie der
Kampf gegen die Kopfpauschale und für eine gerechte
Gesundheitsversorgung – und eben auch die Gemeindeschwesternidee, für
die ich schon seit vielen Jahren in verschiedensten Formen werbe, um
auch die medizinische Versorgung auf dem Land zu sichern. Nicht zuletzt
sehe ich meine Aufgabe auch darin, dafür zu sorgen, dass die
ostdeutschen Erfahrungen weiter in der Partei Gewicht haben.
Haben Sie da bleibende Sorgen, auch in der LINKEN?Lötzsch: Wir hatten jüngst eine Anhörung in der
Bundestagsfraktion zu 20 Jahren Treuhandanstalt – und da zeigte sich
wieder einmal, dass viele Dinge, die in Ostdeutschland geschahen und
geschehen, längst nichts mit bundesdeutscher Normalität zu tun haben.
Ich habe angesichts der Verkäufe der Brandenburger Seen, die uns als
etwas völlig Normales im bundesdeutschen Immobilienhandel vermittelt
werden, einen Versuch gestartet, im Westen einen See zu kaufen. Meine
Praktikantin hat im Internet recherchiert, Immobilienmakler angerufen
und herausgefunden, dass Seen in den alten Bundesländern nicht verkauft
werden. Man hat uns im Westen sogar gefragt, ob wir noch ganz dicht
sind. Es gibt immer noch zwei Lebenswelten. Viele Fehler kann man im
Westen vermeiden, wenn man sich die Geschichte Ostdeutschlands anschaut.
Ernst: Am Mindestlohn und anderen Kernpunkten, wie Hartz IV,
Rente ab 67, Gesundheit, müssen wir weiterarbeiten. Fest steht, wir
werden uns sehr schnell zum Thema Kommunalfinanzen verhalten müssen. Und
neben dem leidigen Thema mit den Banken ist mir besonders wichtig, die
Idee der Mitarbeiterbeteiligung weiter zu verfolgen. Ich halte den
Vorschlag für sehr klug, dass wenn Staatsgeld fließt, das Geld nicht an
das Unternehmen oder die Banken geht, sondern in eine Stiftung. Wenn die
Stiftung zur Hälfte aus Arbeitnehmern besteht, sind die somit am
Unternehmen beteiligt. Wir ändern damit die Eigentumsverhältnisse und es
entstehen Rechte für die Beschäftigten. Das Thema – das kann man auch
bei Diskussionen in den Gewerkschaften besichtigen – ist auf der
Tagesordnung. Und dieser Vorschlag ist nicht wie früher als typische
DDR-Denke zu diskreditieren. Das beschäftigt inzwischen sehr viele
Menschen im Land.
Und das zieht auch in Nordrhein-Westfalen im Wahlkampf?Lötzsch: Die Wähler wissen, dass die NRW-Wahl eine kleine
Bundestagswahl ist. Und darum wissen sie auch, dass alles, was sie
entscheiden, mit der Bundespolitik zu tun hat. Wir versuchen ihnen zu
verdeutlichen: Unterstützen sie Schwarz-Gelb weiter, rückt die
Kopfpauschale näher. Unsere Aufgabe ist, den NRW-Wählern klarzumachen,
dass wir Schwarz-Gelb abwählen können. Nicht nur ich sehe große
Übereinstimmungen zwischen LINKEN, Grünen und SPD. Viele Wähler sehen
die Schnittmengen und erwarten ganz einfach, dass die Parteien sich
nicht gegenseitig bekämpfen, sondern den Durchmarsch von Schwarz-Gelb
stoppen. Wenn ich SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft wäre, würde ich
nicht sagen, ich will die LINKE im Landtag verhindern – sondern ich
würde sagen, ich will die FDP aus der Regierung werfen.
SPD-Chef Sigmar Gabriel behauptet, dass Gregor Gysi jeden Tag dreimal
dafür betet, dass die NRW-LINKE nicht zu einer Regierungsbeteiligung
kommt.Ernst: Das ist eine Verleumdung. Gregor Gysi ist im Wahlkampf
unermüdlich aktiv. Es ist absurd, wenn Gabriel ihm unterstellt, er wolle
keine Regierungsbeteiligung der LINKEN in NRW. Damit lenkt er nur davon
ab, dass die SPD selbst – wie auch die Grünen – ihren Wahlkampf mehr
gegen uns als gegen Schwarz-Gelb führen. Unsere Regierungsbeteiligung
wäre im Übrigen eine Voraussetzung dafür, die schwarz-gelbe
Bundesratsmehrheit zu kippen.
Auch führende Linkspolitiker hatten aber Bedenken geäußert, ob das
Wahlprogramm der NRW-LINKEN für ein gutes Ergebnis und für einen
Regierungswechsel an Rhein und Ruhr geeignet sei.Ernst: Es ist natürlich die Frage, ob man das Recht auf Rausch
unbedingt ins Wahlprogramm schreiben muss. Aber für einen inszenierten
Volksaufstand reicht das auch nicht. In Bayern gibt es das Recht auf
Rausch jedes Jahr 14 Tage lang auf dem Münchner Oktoberfest. Da regen
sich Union und SPD nicht auf, im Gegenteil, sie beteiligen sich an
diesem Rausch.
Ost-Fraktionschefs forderten gerade mehr Anstrengungen für rot-rote
Landesregierungen. Unterstützen Sie diesen Kurs?Lötzsch: Jede kandidierende Partei muss sehen, dass sie so viele
Wähler wie möglich hinter sich versammelt. Hat sie Mehrheiten oder viel
Einfluss, muss sie sich auch der Regierungsverantwortung stellen. Die
entscheidende Frage ist, mit wem sie das macht, wie sie den
Koalitionsvertrag aushandelt und wie sie den dann auch umsetzt. Wenn wir
irgendwo die stärkste Fraktion stellen, dann haben wir in einer
Reformkoalition auch das Recht, den Ministerpräsidenten oder die
Ministerpräsidentin zu stellen. Unsere Wähler fragen uns sonst völlig zu
Recht, warum sie uns wählen sollen, wenn wir mit ihrer Stimme nichts
machen würden. Wir haben seit vielen Jahren Erfahrungen mit
Regierungsbeteiligungen. Eine Aufgabe der Parteivorsitzenden muss es
sein, den Erfahrungstransfer zu organisieren, damit nicht jeder das Rad
neu erfindet. Die Inhalte sind zentral, aber Handwerk ist auch wichtig.
Wenn beides stimmt, kann man was erreichen. Es muss das Interesse der
Gesamtpartei sein, dass die beiden rot-roten Regierungen in Berlin und
Brandenburg – und hoffentlich noch mehr – zu Erfolgsmodellen werden.
Bekommt Rot-Rot in Berlin und Brandenburg auch von Klaus Ernst
Rückenwind?Ernst: Natürlich. Ich bin sehr froh darüber, dass Berlin die
Tarifverträge der christlichen Gewerkschaften mit den Leiharbeitsfirmen
in zwei Urteilen geknackt hat. Ich bin auch stolz darauf, dass Berlin
und insbesondere die Sozialsenatorin unserer Partei die Kosten der
Unterkunft bei Hartz IV so extensiv ausgenutzt hat, dass der Bund klagen
musste. Und ich bin stolz auf den öffentlich geförderten
Beschäftigungssektor für inzwischen 7500 Berliner. Ich rate auch allen,
die Regierungsarbeit in Brandenburg anhand der Praxis fair zu bewerten.
Bei künftigen Regierungsbeteiligungen muss eine enge Verzahnung
hergestellt werden zwischen dem, was wir auf Bundesebene machen, und
dem, was im Land stattfindet. Die Partei braucht eine gemeinsame Linie,
die sich in der Kommunal-, Landes-, Bundes- und Europapolitik
wiederfindet, und es ist Aufgabe des Parteivorstandes, das zu
organisieren. Das heißt nicht, dass wir den Ländern vorschreiben, was
sie zu machen haben. Aber wir wollen, dass mitein ander geredet wird,
bevor Entscheidungen fallen.
Zu den Regierungsbeteiligungen in Berlin und Brandenburg gab es
Kritik aus den Westverbänden, auch von Oskar Lafontaine. Die Kritiker
weisen zugleich darauf hin, sie hätten in Hessen, Hamburg und im
Saarland durchaus auch mitregieren wollen. Woher kommt denn die
Gewissheit, im Westen mit sechs oder acht Prozent mehr durchsetzen zu
können als mit 20 Prozent im Osten?Ernst: Gewissheit für das, was man durchsetzen kann, gibt es auch
im Westen nicht. Mir ist wichtig, dass wir unsere Grundsätze nicht über
Bord werfen, miteinander reden und uns gegenseitig helfen. Schließlich
gibt es in der Partei genug Leute, die das eine oder andere schon
hingekriegt haben.
Muss die LINKE lernen, geduldiger zu werden? In Berlin ist die zweite
Legislatur von Rot-Rot bislang besser und erfolgreicher gelaufen als
die erste. Gleiches galt seinerzeit für Rot-Rot in
Mecklenburg-Vorpommern.Lötzsch: Es reicht eben nicht nur, dass die Richtung stimmt. Der
Teufel liegt oft im Detail. Deshalb plädiere ich für mehr Handwerk und
mehr Erfahrungsaustausch. Uns im Bundestag geht es doch nicht anders.
Man muss sehr genau ins Kleingedruckte schauen. Vieles, was an
Gesetzesentwürfen vorgelegt wird, wurde von Lobbyisten gestrickt, das
erkennt man aber nicht auf den ersten Blick. Ein Beispiel: Als 2004 die
Hedgefonds in Deutschland zugelassen wurden, hat eine Vertreterin eines
großen Finanzdienstleisters direkt im Finanzministerium gesessen. Auf
solche Fallstricke muss man achten – und wir müssen unsere Genossen, die
wir in Regierungen entsenden, befähigen, so etwas zu erkennen und
dagegen anzugehen.
Können Sie ein Strukturproblem von Doppelspitzen ausschließen, dass
einer dem anderen die Butter vom Brot zu klauen versucht. Planen Sie
eine spezifische Arbeitsteilung, etwa die eine für den Osten, der andere
für den Westen, die Frau für die weiblichen Mitglieder und die PDS, der
Mann für die männlichen und die WASG – oder welche Handschrift sollen
die Mitglieder wo erkennen?Lötzsch: Wir wollen gerade nicht, dass der eine hier seinen
Schubkasten hat und die andere dort, sondern gemeinsam Politik
entwickeln und vertreten. Natürlich hat jeder seine Stärken und soll die
besonders nutzen. Aber ein gegenseitiges Übertrumpfen wird es bei uns
nicht geben. Auch, weil wir schon ausreichend Gelegenheit hatten, andere
Doppelspitzen – zum Beispiel bei den Grünen – zu beobachten, die dieses
gegenseitige Ausstechen vorexerziert haben. Auch negative Vorbilder
machen klug.
Ernst: Wir werden beide gemeinsam daran gemessen, ob es uns
gelingt, diesen Laden vernünftig zu organisieren. Das geht nur mitein
ander und nicht gegeneinander.
In 2010 gibt es nach NRW keine weiteren Wahlen, bei denen der neue
Vorstand sich schnell profilieren und einen Erfolg messen lassen könnte.
2011 kommen sechs Landtagswahlen und dann geht es schon stramm auf die
Bundestagswahl 2013 zu. Wollen Sie die LINKE in drei Jahren als Motor
für eine Alternative zu Schwarz-Gelb im Bund präsentieren?Lötzsch: Wir haben im Entwurf des Parteiprogramms zum ersten Mal
aufgeschrieben, dass wir unter bestimmten Voraussetzungen eine
Regierungsbeteiligung auf Bundesebene anstreben. Die Betonung liegt
freilich auf dem Einschub: unter bestimmten Voraussetzungen. Das braucht
entsprechende Wählerzustimmung. Potenzielle Partner, insbesondere die
SPD, müssen sich überlegen, was sie wollen. Und dann ist unbedingt eine
gesellschaftliche Stimmung nötig, die eine Veränderung wünscht.
Natürlich stellt sich unsere Partei mit dem Wahlantritt auch der
Regierungoption. Wenn wir das ausschlössen, machten wir es den anderen
Parteien viel zu einfach.
Ernst: Unsere Ziele sind klar, jetzt kommt es darauf an,
inwieweit die Grünen wieder grün und die Sozialdemokraten wieder
sozialdemokratisch werden. Das ist die Voraussetzung, damit auf
Grundlage der Programmatik zwischen den Parteien Übereinstimmungen
gefunden werden können. Es kommt nur auf die Inhalte an. Es wäre
vollkommen falsch, ein Mitregieren auszuschließen – genauso falsch wäre
es, ein Regieren um jeden Preis zu wollen.
Jenseits politischer Prämissen zeigte die SPD sich psychisch
blockiert, weil sie bei der Bundes-LINKEN einen Gesprächspartner hatte,
der zuvor ihr eigener Parteichef war und aus der SPD ausgetreten ist.
Rechnen Sie damit, dass die SPD mit einem Linksparteivorsitzenden, der
aus der SPD ausgeschlossen wurde, weniger fremdelt?Ernst: Da geht es weniger um persönliche Animositäten, als
vielmehr darum, dass Lafontaine wie die LINKE der SPD permanent den
Spiegel vorhalten. So lange sich die SPD nicht ändert, ist eine
Zusammenarbeit im Bund nicht möglich.
Aber hätte sich die LINKE nicht erledigt, wenn die SPD auf den
Linkskurs einschwenken würde, den Sie wünschen?Lötzsch: Nein. Viele Leute wollen eine eigenständige Linke links
von der SPD. Zumal sich immer wieder zeigt, dass nicht jede Veränderung
auf dem Papier bei der SPD auch wirklich eine Veränderung ihrer Politik
bedeutet. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen: Je erfolgreicher die
LINKE ist, desto mehr ändert sich auch die SPD.
Ernst: In dem Moment, in dem die SPD ein Korrektiv von links
verliert, geht sie nach rechts. Das ist Fakt. Und ich glaube, dass auch
immer mehr Menschen das merken. Wir müssen der Motor bleiben für die
wirklichen grundsätzlichen sozialen Veränderungen. Dazu ist die SPD in
der Mehrheit nicht in der Lage. Wenn wir mit unseren Positionen
Zustimmung bei den Bürgern finden – und das tun wir –, dann verändern
sich die anderen mit. Das kann man am Mindestlohn und an der Rente
sehen, wie an Afghanistan.
Neues Deutschland, 27. April 2010