Der nachfolgende Artikel erscheint am 19. April in der gedruckten 17. Ausgabe der Fraktionszeitung KLAR.
Dass Hartz IV verfassungswidrig ist, davon war Thomas Kallay von
Anfang an überzeugt. Fünf Jahre lang klagte er sich durch alle
Instanzen. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts empfindet er als
Enttäuschung.
Den 20. Oktober 2009 wird der 47-jährige Thomas Kallay aus dem
nordhessischen Eschwege nie vergessen. Es ist der Tag, an dem er vor
Deutschlands höchstem Gericht das vortragen durfte, wovon er schon immer
überzeugt war: Dass Hartz IV zum Leben nicht ausreicht. Fünf Jahre lang
hat er für diesen Tag gekämpft – so lange dauerte der Weg durch alle
Instanzen. Nun steht er vor dem Gerichtsgebäude in Karlsruhe. Polizisten
patrouillieren mit Maschinengewehren, TV-Teams lungern an jeder Ecke.
Ein Gerichtsdiener geleitet Thomas Kallay schließlich an seinen Platz in
der ersten Reihe, ihm gegenüber thronen Deutschlands höchste Richter.
Thomas Kallay kennt sich gut aus mit Hartz IV. Eine chronische Krankheit
beendete im Jahr 1998 seine mehr als zwanzigjährige Arbeit als
Fachjournalist und Computertechniker und zwang ihn in die
Erwerbslosigkeit. Nur ein Jahr später tritt er der
Erwerbsloseninitiative „ARCA soziales Netzwerk“ bei, macht sich kundig
in Sozialrecht. Als er im Jahr 2004 das erste Mal von den Hartz-Gesetzen
hört, recherchiert er im Internet, befragt Rechtsanwälte.
Noch bevor die Hartz-Gesetze im Jahr 2005 in Kraft treten, klagt er vor
dem Sozialgericht Kassel. Doch die Klage bleibt zunächst jahrelang
liegen, wird dann zurückgewiesen. In dieser Zeit empfängt Kallay fast
täglich Menschen in seiner Wohnung, die an Hartz IV verzweifeln. Er
berät sie und hilft, Widersprüche zu formulieren, leistet Beistand. Nach
solchen Gesprächen kann er nachts oft nicht schlafen. „Da kocht die Wut
hoch“, erinnert er sich. Schließlich wird im Oktober 2008 seine Klage
gegen Hartz IV doch noch vor dem Landessozialgericht Darmstadt
verhandelt und an das Bundesverfassungsgericht überwiesen.
Nun sitzt Thomas Kallay dort. Er trägt eine schwarze Jeans, über dem
schwarzen Polo-Shirt eine schwarze Weste. Man bittet ihn ans Rednerpult.
Doch bevor er seine Klage vorträgt, hat er etwas Persönliches zu sagen:
„Aus Respekt gegenüber dem Gericht hätte ich mir gerne einen Anzug
gekauft. Doch dafür habe ich kein Geld. Ich stehe hier in meinen besten
Sachen.“ Je länger Kallay spricht, desto sicherer wird er. Er referiert
über Regelsätze, Kindergeld, Sonderbedarfe. Hartz IV ist Unrecht, davon
will er die Richter überzeugen.
Nach seinem Auftritt ist Kallay erschöpft, fährt zurück in seine Heimat.
Die Zeit des Wartens beginnt. Mehr als vier Monate beraten sich die
Richter. Zur Verkündigung im Februar 2010 reist er erneut nach
Karlsruhe. Seine Mutter leiht ihm ihr Auto, Freunde sammeln für das
Benzingeld. Im Gerichtsaal ist Kallay nervös, er schwitzt. Doch als die
Richter das Urteil verkünden, schlägt die Anspannung in Enttäuschung um.
Zwar bewerten sie die Berechnung der Regelsätze als verfassungswidrig,
doch dass Hartz IV nicht zum Leben ausreicht, entscheiden sie nicht.
„Wir haben nachgewiesen, dass das Gesetz ein großer Schwindel ist, aber
wir haben nicht erreicht, dass die Bundesregierung dafür zur
Rechenschaft gezogen wird“, sagt er.
Doch Thomas Kallay gibt nicht auf. Sein Kampf gegen Hartz IV geht
weiter. Zurzeit prüft er eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof.
„Es geht schließlich nicht nur um meine Familie und mich, sondern um
Millionen von Hartz-IV-Beziehern“, sagt er.