Es debattieren: Saral Sarkar, 1936 in West-Bengalen (Indien) geboren,
Publizist in Köln und Michael Schlecht, Jahrgang 1951, Chefvolkswirt der
Linksfraktion im Bundestag und Gewerkschaftspolitischer Sprecher im
Parteivorstand der Linkspartei.
Entwicklung statt Wachstum
Saral Sarkar
Foto: Rotpunktverlag
Von Saral Sarkar
Bei der Attac-Diskussion geht es um drei alte Fragen. A: Kann die
Wirtschaft überhaupt weiter wachsen, ohne die Umwelt zu zerstören und
die Ressourcen zu erschöpfen (nachhaltiges Wachstum)? B: Wenn ja, ist
das im Rahmen des Kapitalismus möglich? Und C: Wenn nein, d. h. wenn die
Wirtschaft eine stationäre sein oder gar schrumpfen soll, ist das im
Rahmen des Kapitalismus machbar?
Ökonomen, die meinen, die Wirtschaft könne nachhaltig wachsen, setzen
auf die gegenwärtigen Möglichkeiten und angenommenen Potenziale
erneuerbarer und mithin umweltfreundlicher Ressourcen. Außerdem hoffen
sie auf Recycling. Die Frage, ob ihre Hoffnungen realistisch sind, ist
schwer objektiv zu beantworten. Hoffnung ist per se eine subjektive
Sache, die Zukunft ist ja, im Prinzip, nie unfehlbar vorhersagbar. Darum
stirbt die Hoffnung zuletzt. Trotzdem müssen wir versuchen, die Frage
objektiv zu beantworten. Denn wir sind gezwungen, heute Entscheidungen
für die Zukunft zu treffen.
Hier ist eine Unterscheidung wichtig. Der Menschheit ist die
Mondlandung gelungen, aber es ist ihr noch nicht gelungen, Kohle- und
Atomkraftwerke durch Solar- oder Windkraftwerke zu ersetzen. Warum?
Warum gibt es sogar Widerstand dagegen? Beim Projekt Mondlandung ging es
um einen Menschheitstraum. Wir waren bereit, jede Menge Ressourcen –
Energie, Materialien, Arbeit – aufzuwenden, um diesen Traum zu
verwirklichen. Aber Energie (z. B. Strom) ist heute ein banales Produkt.
Wir sind nicht bereit, mit, sagen wir, zehn Einheiten Energieaufwand
neun Einheiten Energie gleicher Qualität zu ernten (negative
Energiebilanz). Das macht keinen Sinn.
Aber die Protagonisten bestreiten, dass die Energiebilanz von
Solarkraftwerken usw. negativ ist. Diese Debatte ist alt. Bei der
Geldbilanz einer Firma ist es leicht festzustellen, ob ihr Netto-Ertrag
positiv oder negativ ist. Aber aus technischen Gründen ist es schwierig,
die Energiebilanz einer bestimmten Technologie zur Energieproduktion
genau zu beziffern. An dieser Stelle ist es nicht möglich, ausführlich
über diese Debatte zu referieren. Ich will den Leser nur informieren,
dass etliche Forscher die Energiebilanz der meisten Technologien zur
Produktion von erneuerbaren Energien für negativ oder zu wenig positiv
halten. (Für detaillierte Argumente dafür siehe die angegebenen Werke
des Autors).
Ein für Laien verständliches Argument für diese Meinung ist die
rhetorische Frage: Warum will Indien, das reich an Sonnenschein und
Wind, aber arm an Öl und Uran ist, weiterhin viel teures Öl importieren
und neue Kohle- und Atomkraftwerke bauen, statt hauptsächlich auf Solar-
und Windkraft und auf Solarwasserstoff als Speichermedium zu setzen?
Eine zweite solche Frage ist: Wieso brauchen erneuerbare Energien noch
Subventionen, die ja von der Gesamtwirtschaft kommen, die größtenteils
von nichterneuerbaren und umweltschädlichen Energien getrieben wird?
Viele hoffen, dass technologische Entwicklung es bald schaffen würde,
dass die Erneuerbaren reichlich positive Energiebilanzen aufweisen.
Aber keine Technologie kann das Entropiegesetz (den zweiten Hauptsatz
der Thermodynamik) aufheben. Die Energie von Sonne und Wind ist uns nur
in sehr dissipierter (hoch entropischer) Form verfügbar, was eine
kosmologische Konstante jenseits unserer Kontrolle ist. Sie muss zuerst
mit sehr viel Energieaufwand konzentriert werden. Darum ist es
unwahrscheinlich, dass diese Energietechnologien je eine so reichlich
positive Energiebilanz erlangen wie die konventionellen. Das
Entropiegesetz gilt auch für Materie. Darum ist 100-prozentiges
Recycling ausgeschlossen. Aus diesen Gründen wird nachhaltiges
Wirtschaftswachstum unmöglich bleiben.
Aber ist nicht noch eine andere Art von Wachstum möglich? Der Begriff
Bruttoinlandsprodukt (BIP) bereitet uns einige Probleme. Unbezahlte
Wirtschaftsleistungen misst er überhaupt nicht. Jeder solchen Leistung
könnte man einen Geldwert zuschreiben und so die BIP-Ziffer aufblasen.
Das wäre aber kein wirkliches Wachstum.
Problematisch ist auch, dass das BIP nichts über die Qualität einer
Wirtschaftsleistung sagt. Auch solche, die keinen Nutzen bringen, lassen
das BIP wachsen. Zu dieser Kategorie gehören die sogenannten defensiven
und kompensatorischen Kosten, z. B. die Arbeit von Soldaten oder der
Wiederaufbau einer durch ein Erdbeben zerstörten Stadt. Für die
Volkswirtschaft sind solche Leistungen eigentlich Kosten, kein
Einkommen. Dadurch werden Ressourcen verbraucht, ohne dass irgendein
zusätzlicher Nutzen generiert wird.
In diesem Zusammenhang ist Herman Dalys Unterscheidung zwischen
Wachstum und Entwicklung sehr nützlich: »Eine wachsende Wirtschaft wird
größer, eine sich entwickelnde Wirtschaft wird besser.« Eine wachsende
Wirtschaft schafft mehr BIP durch mehr Ressourcenverbrauch, eine sich
entwickelnde schafft mehr Nutzen bei gleichem Ressourcenverbrauch.
Entwicklung kann auch von Erhöhung der Ressourcenproduktivität auf
der Makroebene kommen. Erhöhung der Arbeitsproduktivität erfordert aber
immer höheren Ressourcenverbrauch. So kann man kein nachhaltiges
Wachstum erreichen. Es gibt aber auch Grenzen des Wachstums der
Ressourcenproduktivität.
Beim Thema Entwicklung darf man das Bevölkerungswachstum nicht
ignorieren. Der Pro-Kopf-Nutzen sinkt, wenn, ceteris paribus, die
Bevölkerungszahl steigt. Bevölkerungswachstum fördert
Wirtschaftswachstum; es zu stoppen, ist aber eine Bedingung für
Entwicklung.
Der Gesamtnutzen kann auch durch die Anwendung von mehr
arbeitsintensiven (statt ressourcenintensiven) Technologien geschaffen
werden. Dann wäre auch nachhaltiges Wachstum vom Gesamtnutzen möglich
Eine andere Bedingung dafür ist die Abschaffung des Kapitalismus, dem
ein Zwang zum BIP-Wachstum innewohnt. Eine schrumpfende Wirtschaft –
nur so kann eine industrielle Wirtschaft irgendwann nachhaltig werden –
und Kapitalismus sind schwer vereinbar. Um dem Volk eine Schrumpfung der
Wirtschaft und mithin des Lebensstandards (nicht zu verwechseln mit
Lebensqualität) akzeptabel zu machen, muss in einer Demokratie egalitäre
Verteilung der Kosten und Nutzen des Wirtschaftens garantiert werden.
Das ist aber inkompatibel mit dem Kapitalismus. Das macht einen
ökologischen Sozialismus notwendig.
Saral Sarkar, 1936 in West-Bengalen (Indien) geboren, lebt als
Publizist in Köln. Er war in der Ökologie- und Friedensbewegung
politisch aktiv und in den achtziger Jahren Mitglied der Grünen. Zuletzt
erschienen von Saral Sarkar »Die nachhaltige Gesellschaft«,
»Ökosozialismus oder Barbarei« (zusammen mit Bruno Kern) und »Die Krisen
des Kapitalismus«.
Der »Red New Deal« – sozial und öko
Von Michael Schlecht
Wirtschaftswachstum hat einen schlechten Ruf.
Wachstum verursache ökologische Schäden und führe in die
Klimakatastrophe. Die kapitalistische Wirtschaft rutschte 2009 in die
Krise. Das Wachstum ging in Deutschland um rund 125 Milliarden Euro
produzierter Waren und Dienstleistungen zurück. Mit weniger Produktion
wird die Umwelt weniger belastet. Gleichzeitig nehmen aber die sozialen
Problem zu. Arbeitslosigkeit steigt und die öffentlichen Haushalte
stehen vor einem finanziellen Desaster, sodass ein massiver Sozialabbau
droht. Oberflächliche Wachstumskritik kann kein ernstgemeinter Weg für
mehr Ökologie sein.
Die Endlichkeit der fossilen Rohstoffe, vor allem des Erdöls, weckt
Hoffnungen, dass sich eine Energiewende zwangsläufig durchsetzt. Aber
warum sollten die großen privaten Energiekonzerne – E.on, Vattenfall,
RWE und EnBW – bei steigenden Preisen massiv in erneuerbare Energien
investieren? Warum sollte ein Konzern auf eigene Rechnung neue
Technologien erforschen? Richtschnur ist nur der kurzfristig zu
erzielende Profite statt die Zukunft der Menschheit. Die
Energieversorger halten daher an Kohlekraftwerken und Atomstrom fest. Um
den ökologischen Umbau voranzubringen, müssen wir die Macht der großen
Energiekonzerne brechen. Deshalb will die LINKE sie in öffentliche
Verfügung überführen. Der »Red New Deal« verändert die
gesellschaftlichen Strukturen. Und macht so den umfassenden ökologischen
Umbau erst möglich.
Wirtschaftswachstum ist kein Selbstzweck. Vielmehr muss es um die
Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen gehen: Versorgung mit
Wohnraum, ausreichende und gesunde Lebensmittel, Kleidung und vieles
andere mehr. Wenn die LINKE für einen gesetzlichen Mindestlohn von zehn
Euro und eine Anhebung des Arbeitslosengeld II auf 500 Euro streitet,
dann führt dies zu einer wachsenden Nachfrage von rund 40 Milliarden
Euro. Diese Nachfrage schafft Wachstum. Wer wollte soziale
Verbesserungen mit ökologischen Argumenten verwehren? Wohl niemand!
Es geht beim Wirtschaftswachstum darum, was wächst und wie. Wir brauchen
eine neue Produktionsweise, die Ressourcen schont oder sogar ohne
Ressourcenverbrauch auskommt. Dies erfordert neue Technologien. Ganz
besonders gilt dies bei der Energiewende, dem Herzstück des
sozial-ökologischen Umbaus. Ziel ist die vollständige Versorgung der
Welt mit erneuerbaren Energien. Was lange utopisch erschien, ist heute
längst technisch machbar. Der »Solar-Papst« Hermann Scheer nennt es die
»4. Revolution«.
Strom und Wärme werden dezentral für einzelne Familien, Dörfer oder
Regionen produziert. Gehandelt wird nicht mehr mit Rohstoffen, sondern
mit Technologie. Dies kann nur mit modernster industrieller Technik
gelingen. Dies und die Weiterentwicklung dieser Technik und die
Produktion der alternativen Anlagen wird sich als statistisch messbares
Wirtschaftswachstum niederschlagen. Niemand würde ein derartiges
»Wirtschaftswachstum« ablehnen!
Man sieht, mit einer bloßen Wachstumskritik kommt man nicht weiter.
Gerade wenn wir eine Entkoppelung von Wachstum und steigendem Verbrauch
endlicher Ressourcen wollen, müssen wir hochinnovative Technik
einsetzen. Auch um ökologische Altlasten zu beseitigen, brauchen wir
Technologie. Diese Art von »Wirtschaftswachstum« ist notwendig.
Dies zeigt sich auch, wenn man andere gesellschaftliche Mangelbereiche
beheben will. Bessere Erziehung und Bildung stehen hoch im Kurs. Die
LINKE will hierfür jährlich 30 Milliarden Euro mehr aufwenden. Wir
brauchen längeres gemeinsames Lernen für alle in kleinen Klassen oder
Gruppen und deutlich mehr pädagogisches Personal. Dazu gehört natürlich
auch ein Ausbau von Gebäuden, mehr Sportstätten und vieles mehr. Alles
segensreiche für unsere Kinder und Jugendlichen. Und der Ausbau von
Erziehung und Bildung kann zu einer positiven Ökobilanz beitragen. So
wird eine gute Mittagsverpflegung in Ganztagesschulen die Umwelt
deutlich weniger belasten als wenn in Tausenden von Kleinfamilien
einzeln gekocht wird. Allerdings würde am Ende das Statistische
Bundesamt einen Anstieg des Wirtschaftswachstum verzeichnen. Wer wollte
sich gegen derartige Verbesserungen stellen?
Die Umweltpolitik ist in Deutschland ebenso wenig nachhaltig wie die
Wirtschaftspolitik. Deutschland setzt auf eine aggressive Exportpolitik.
Mit dem Lohndumping der Agenda 2010 erhielten deutsche Unternehmer eine
Streitaxt zur Eroberung ausländischer Märkte. Mehr als eine Billion
Euro beträgt der Exportüberschuss der letzten zehn Jahre. »Die Deutschen
haben Maschinen und Autos an die Amerikaner geliefert und dafür
wertlose Lehman-Zertifikate bekommen«, so die Kritik vom Chef des
Münchner Ifo-Institut Hans-Werner Sinn. Der Exportüberschuss führte zu
einer massiven Verschuldung anderer Länder; der USA und der europäischen
Südländer. Diese Verschuldung lässt sich nach der Finanzkrise nicht
mehr fortsetzen. Deutschland muss mehr für die Binnenwirtschaft tun, die
Löhne müssen steigen.
Wir werden auch weniger Maschinen und Autos exportieren. Die Produktion
muss kontrolliert umgebaut werden, um industrielle Arbeitsplätze zu
sichern. Wir brauchen neue Berliner S-Bahnen, wintertaugliche ICEs oder
noch besser: Ganz andere innovative Transportmittel, elektrisch
betrieben aus regenerativer Energie, die so komfortabel sind, das kaum
jemand noch Lust hat, Auto zu fahren.
Die LINKE sagt nicht nur A, sondern auch B, wie »bezahlen«. Da es beim
ökologischen Umbau um die Erneuerung der Infrastruktur und ökologischer
Transportsysteme geht, muss der Staat Geld in die Hand nehmen. Wir
brauchen eine massive Stärkung der Staatsfinanzen. Die LINKE hat ein
Steuerkonzept, mit dem 160 Milliarden Euro zusätzlich bei Reichen,
Vermögenden und großen Kapitalgesellschaften erhoben werden. Damit ließe
sich ein Zukunftsprogramm von 100 Milliarden Euro jährlich finanzieren.
Eine Hälfte ist für den sozialen Umbau vorgesehen: Den Ausbau von
Erziehung und Bildung sowie Verbesserungen der Pflege und weiterer
sozialer Dienstleistungen. Die zweiten 50 Milliarden Euro sollen jedes
Jahr in die Infrastruktur und somit in den ökologischen Umbau fließen.
Die LINKE will eine Wirtschaftspolitik, die sich an den Bedürfnissen der
Menschen orientiert. Dies muss gegen die Interessen der großen
Unternehmen, der Vermögenden und Reichen durchgesetzt werden.
Ökologischer und gesellschaftlicher Umbau gehören zusammen, ja bedingen
sich. Dies ist entscheidend für den »Red-New-Deal«.
Michael Schlecht, Jahrgang 1951, ist
Chefvolkswirt der Linksfraktion im Bundestag und
Gewerkschaftspolitischer Sprecher im Parteivorstand der Linkspartei.
2005 verließ er nach langjähriger Mitgliedschaft die SPD und trat in die
WASG ein. Seit Juni 2007 ist Michael Schlecht
Mitglied des Parteivorstands.