linksfraktion.de, 7. April 2010
Eva Bulling-Schröter, Vorsitzende des Umweltausschusses des
Bundestages sowie umweltpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE,
und Dorothée Menzner, energiepolitische Sprecherin der Fraktion DIE
LINKE, erläutern, warum Klimaschutz auch eine soziale Frage ist.
CDU-Umweltminister Röttgen ist für sie wegen seines Festhaltens am
Atomendlager Gorleben ein »Sicherheitsrisiko«.Der Klimagipfel, der im Dezember des vergangenes Jahres im dänischen
Kopenhagen stattgefunden hat, gilt als gescheitert: Konkrete Ansprachen,
um die Emission von Treibhausgasen zu verringern, wurden nicht
beschlossen. „Viel heiße Luft statt konkreter Verpflichtungen“, haben
Sie kritisiert und die Bundesregierung für das Scheitern mit
verantwortlich gemacht. Was ist seitdem passiert?Eva Bulling-Schröter: Bis jetzt haben 76 Länder den
Copenhagen-Accord unterstützt, indem sie ihre eigenen Begrenzungsziele
für den Treibhausgasausstoß in eine Liste der UN eingetragen haben.
Dieses Klingelbeutelsystem soll zunächst konkrete Verpflichtungen
ersetzen. Die Summe ergibt dann auch global nur eine Minderung, die viel
zu gering ist. Die Welt würde sich im Schnitt um 3,5 Grad erwärmen. 2
Grad wären aber maximal tolerierbar. Die EU will bis 2020 bedingungslos
nur um 20 Prozent runter gegenüber 1990 – mit ausdrücklicher
Unterstützung Deutschlands. 30 bis 40 Prozent wären aber notwendig.
Inzwischen ist ein rechtsverbindliches Abkommen in weite Ferne gerückt,
vor allem wegen der Blockade gegen einen ambitionierten Klimaschutz
durch die USA. Experten rechnen mit einem Post-Kyoto-Vertrag frühestens
2014.
Sie haben nach dem Klimagipfel in Kopenhagen eine neue Bewegung für
Klimagerechtigkeit gefordert, an der sich Umweltverbände, Kirchen und
linke Bündnisse beteiligen sollen. Können Sie erste Erfolge vermelden?Eva Bulling-Schröter: Momentan gibt es eine interessante Debatte
bei den Umweltverbänden. Viele wollen weniger Kraft und Geld ins
Konferenzhopping verschwenden. Eine eher aktions- und bündnisorientierte
Arbeit vor Ort scheint ihnen erfolgversprechender. Etwa mit
Stromwechselkampagnen oder Kraftwerksblockaden. Zudem gibt es jede Menge
neuer Debatten um das Wachstumsdogma dieser Gesellschaft und dessen
Auswirkung auf Klimaschutz und globale Gerechtigkeit. Man muss sehen,
was davon länger wirkt.
Als Niedersächsin sind Sie seit Jahren Teil einer Bewegung gegen die
Castor-Transporte und gegen das Atom-Endlager in Gorleben.
Umweltminister Röttgen (CDU) hält trotz mannigfacher, wissenschaftlich
belegter Bedenken an Gorleben fest. Ist der Umweltminister ein
Umweltrisiko?Dorothée Menzner: Der Umweltminister ist ein Sicherheitsrisiko.
In der Asse haben wir eine ökologische Katastrophe produziert, und
Gorleben scheint als Endlager auch ungeeignet zu sein. Es gibt kein
Endlagerkonzept. Unter diesem Gesichtspunkt weiter radioaktiven Müll zu
produzieren, ist fahrlässig und gefährlich. Das vehemente Schreien nach
Laufzeitverlängerung ist wissenschaftlich und energiepolitisch nicht
vernünftig begründbar. Da kann man zu dem Schluss kommen, dass die
Koalition und auch der Umweltminister sich einfach nur als Lobbyisten
der großen Energiekonzerne betätigen und ihr die Interessen der
Bevölkerung dabei aber offensichtlich egal sind.
Im Mai kommen rund 3000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einer
Klima-Konferenz in Bonn zusammen. Was erwarten Sie von dieser
Zusammenkunft?Eva Bulling-Schröter: Es ist ein Treffen auf Einladung
Deutschlands auf Ministerebene, allerdings jenseits des offiziellen
UN-Prozesses. Die Konferenz soll diesen aber unterstützen, quasi die
UN-Klimakonferenz im Dezember in Cancun mit vorbereiten. Dort ist
Mindestziel, bestimmte Teile des immer noch unverbindlichen Copanhagen
Accords in verbindliche Entscheidungen der UN zu überführen - so zum
Waldschutz oder zu Finanzierungsmechanismen. An ein Abkommen glaubt
aber, wie gesagt, niemand.
DIE LINKE kämpft nicht nur gegen Atomkraft, sondern auch gegen
Kohlekraft werke. Sie haben das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
begrüßt, ein von E.ON geplantes Steinkohlekraftwerk im
nordrhein-westfälischen Datteln nicht zu bauen. Was spricht gegen dieses
Kraftwerk? Dorothée Menzner: Gegen dieses Kraftwerk sprechen grundsätzlich
klimapolitische Ziele und die fortschreitende Anreicherung der
Atmosphäre mit Treibhausgasen. Abgesehen davon ist der Kraftwerksbau in
Datteln ohne gültigen Bebauungsplan, also ohne Genehmigung, begonnen
worden. Kohle ist keine zukunftsfähige Energiequelle. Es zeigt sich
jetzt schon, dass große Kohle- und Kernkraftwerke zu unflexibel sind, um
in einem Energienetz auf Basis erneuerbarer Energien zu bestehen. Wer
jetzt noch Kohlekraftwerke bauen will, schafft damit Probleme für die
Zukunft und behindert den Ausbau erneuerbarer Energien.
Warum ist Klimaschutz Ihrer Meinung nach auch eine soziale Frage?Eva Bulling-Schröter: Schaffen wir die Wende im Klimaschutz
nicht, dann werden vor allem Menschen im globalen Süden darunter leiden.
Und Hunger, Krankheiten, Vertreibung oder Tod sind zutiefst soziale
Fragen. Findet dagegen eine Energiewende statt, hat das Strukturbrüche
zur Folge. Es entstehen viele neue Arbeitsplätze, alte fallen aber auch
weg. Das muss sozial abgefedert werden.
Welchen Weg will DIE LINKE in der Energiepolitik gehen?Dorothée Menzner: DIE LINKE geht bereits jetzt einen Weg, der auf
einen Systemwandel bei der Energieerzeugung abziehlt. Wir sind vehement
gegen Atomkraft, dafür setzen wir uns für Rohstoff- und
Ressourceneinsparung und Energieeffizienz ein. Wir setzen auf
erneuerbare Energien, Strom aus Wind, Wasser und Sonne. Damit der Umbau
weg von fossilen und atomaren Brennstoffen gelingt, müssen die
monopolhaften Strukturen im Energiesektor aufgelöst, in öffentliches
Eigentum überführt und einer demokratischen Kontrolle unterstellt
werden.
Die Bundesregierung aber streicht die Subventionen für die
Solarenergie-Branche.Dorothée Menzner: Die Photovoltaik ist für ein zukunftsfähiges
Energiekonzept unabdingbar. Die Kürzung der Einspeisevergütung muss
deshalb mit Augenmaß betrieben werden. Die Kürzungspläne der
Bundesregierung zielen darauf ab, die Nachfrage für Solaranlagen zu
senken, und sind nicht tragbar. Das wird viele einheimische
Solarproduzenten in den Ruin treiben und den Ausbau erneuerbarer
Energien empfindlich stören. Wir stehen da an der Seite der
Beschäftigten der Solarbranche und kämpfen für bessere gesetzliche
Rahmenbedingungen.