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Fraktionsvize Werner Dreibus bewertet die Forderungenn von ver.di
bei den Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst als "volkswirtschaftlich vernünftig". Den Streik sieht er weiterhin als
stärkstes Mittel der Beschäftigten, um ihren Interessen Nachdruck zu
verleihen. Von der Bundesregierung fordert er, "die Reichen und die
Großunternehmen stärker zur Finanzierung des Gemeinwesens
heranzuziehen". Bei den Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst hat ver.di
bereits die ursprüngliche Forderung von 5 mehr Geld auf 3,5 Prozent
nach unten korrigiert. Trotzdem sind die Verhandlungen gescheitert und
Schlichter angerufen worden. Müssen die Beschäftigten nicht
akzeptieren, dass derzeit bei Bund, Ländern und Kommunen einfach nichts
zu holen ist?
Die Frage ist doch, warum Bund, Länder und Kommunen klamm sind. Weil
die Regierungen Schröder und Merkel die öffentlichen Kassen
kaputtgespart haben und auch Schwarz-Gelb dies weiterhin tut. Statt für
angemessene Einnahmen zu sorgen, die es der öffentlichen Hand
ermöglichen, sowohl ihre Aufgaben zu erfüllen als auch ordentliche
Gehälter und Löhne zu zahlen, werden Steuergeschenke an Reiche und
Unternehmen verteilt. Für die Erben großer Vermögen und die Hoteliers
soll genug Geld da sein, aber für die Angestellten im öffentlichen
Dienst nicht? Da läuft doch etwas schief!
Können Streiks im öffentlichen Dienst heutzutage noch die Wirkung
erzielen wie vor zehn Jahren? In punkto Bürgerservice wird doch ohnehin
an allen Ecken und Enden gespart und gestrichen.
Wenn die Müllmänner den Müll nicht mehr abholen und die
Sachbearbeiterin in der KFZ-Zulassungsstelle keine neuen Kennzeichen
ausstellt, dann üben sie schon einen deutlichen Druck auf ihre
Arbeitgeber aus. Aber selbstverständlich gibt es auch andere Bereiche,
wo das Drohpotenzial nicht so hoch ist. Grundsätzlich bleibt der Streik
auch heute noch das stärkste Mittel der Beschäftigten, um ihren
Interessen Nachdruck zu verleihen - auch im öffentlichen Dienst.
Während Kommunen Kindergärten, Bibliotheken und Schwimmbäder
schließen müssen, planen die Bundesministerien für 2010 rund 1900 neue
Stellen. Wie erklären Sie das?
Grundsätzlich befürwortet DIE LINKE den Ausbau des öffentlichen
Dienstes, um die Leistungen für die Bürgerinnen und Bürger zu
verbessern. Das gilt auch für die Bundesministerien. Was nicht geht,
ist Wasser zu predigen und Wein zu trinken. Danach sieht es zumindest
bei einigen Ministerien allerdings aus. Im Einzelfall mag eine
Aufstockung sachlich notwendig sein. Aber wenn selbst der Personalrat
des Entwicklungshilfeministeriums diese sachliche Notwendigkeit in
Zweifel zieht, dann riecht das schon nach Vetternwirtschaft.
Gibt es denn in Deutschland oder Europa Beispiele dafür, dass sich
höhere Bezahlung von Beschäftigten im öffentlichen Dienst als
Wachstumsfaktor auszahlt?
Es gibt Berechnungen, die zeigen, dass sich Lohnerhöhungen allgemein
positiv auf die Nachfrage auswirken. Schließlich macht es
volkswirtschaftlich keinen Unterschied, ob eine Krankenschwester oder
ein Feinmechaniker ein Fahrrad kauft. In beiden Fällen wird die
Binnennachfrage gestärkt. Die Forderung von ver.di ist deshalb
volkswirtschaftlich vernünftig - gerade auch in der Krise. Jetzt gilt
es, die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen zu stabilisieren.
Andernfalls drohen hunderttausende Arbeitsplätze verloren zu gehen.
Vizekanzler Westerwelle meint gerade, im bundesdeutschen
Sozialsystem „spätrömische Dekadenz“ erkannt zu haben. Befürchten Sie
nicht, dass seine Anfeindungen gegen Hartz-IV-Empfänger bei vielen
Arbeitnehmerinnen greifen, die nicht mit wesentlich mehr Lohn nach
Hause gehen als Leistungsempfänger?
Die Gefahr besteht. Deswegen sprechen wir davon, dass Westerwelle sich
mit seinen Äußerungen der Volksverhetzung nähert. Er hetzt die, die
wenig verdienen, gegen die auf, die mit Sozialleistungen noch weniger
zum Leben haben. Damit stellt sich Westerwelle gegen ein wesentliches
Element unserer Verfassung - das Sozialstaatsgebot. Beides ist nicht
hinnehmbar. Zuversichtlich stimmt mich, dass viele Menschen das auch so
sehen. Sie wissen, dass Westerwelle nichts anderes ist als ein Lobbyist
der Reichen und Großunternehmen.
Westerwelles Tiraden bescheren ihm einen weiteren Krisengipfel mit
Kanzlerin Merkel und dem CSU-Vorsitzenden Seehofer. Wird damit die
Hartz-Debatte beerdigt?
Nein, danach sieht es nicht aus. Kanzlerin Merkel wird Westerwelle wohl
nur drängen, weniger scharf zu formulieren. In der Sache wird die Union
die Attacken von Westerwelle nutzen, um den weiteren Abbau
sozialstaatlicher Leistungen vorzubereiten. Das betrifft neben Hartz IV
vor allem die Gesundheitsversorgung und die Renten. Die Regierung
weigert sich, die Reichen und die Großunternehmen stärker zur
Finanzierung des Gemeinwesens heranzuziehen. Deshalb will sie sich das
Geld bei Arbeitslosen, Kranken und Alten holen. Westerwelle hetzt gegen
Arbeitslose, aber er meint den Sozialstaat. Das weiß auch die
Kanzlerin, und es scheint ihr recht zu sein.
linksfraktion.de, 23. Februar 2010