Widerspruch
Widerspruch, Nr. 57
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Ökonomieprofessoren/innen und
Wirtschaftsexperten/innen warnen davor, vorschnell vom Ende der Krise
auszugehen, die im Sommer 2007 im Immobilienbereich der USA
ausgebrochen war und sich 2008 zur globalen Finanzmarktkrise
ausgeweitet hatte. „Vieles spricht dafür, dass die Stabilität des
internationalen Finanzsystems noch nicht gewährleistet ist“ (NZZ
30.12.09). Absehbar ist, dass die Wirtschaftskrise sich in den
Wohlstandsnationen verschärfen wird. In den USA liegt die offizielle
Erwerbslosigkeit bereits höher als 10 Prozent. Die Deutsche Bundesbank
rechnet für die Jahre 2010/11 in Deutschland mit 4.2 Millionen
Arbeitslosen – einer Million mehr als vor Beginn der Rezession. Auch
die Bundesagentur für Arbeit (BA) erwartet einen Anstieg der
Arbeitslosigkeit; dieser werde derzeit durch die „staatlich
bezuschusste Kurzarbeit“ noch gedämpft. Massenarbeitslosigkeit und
Armut nehmen in den EU-Ländern zu.
In der Schweiz werden die sozialen Folgen der Finanz- und
Wirtschaftskrise zwar wahrgenommen, aber die Alltagssorgen der
Krisenverlierer verdrängt. Euphorische Medienberichte über anhaltenden
Luxuskonsum trotz „Krisenzeiten“ täuschen über die sich vertiefende
Spaltung der Gesellschaft, über die konkrete Lage von immer mehr
Lohnabhängigen hinweg. Dabei wird sich nach Prognosen des
Caritas-Ökonomen Carlo Knöpfel die Armut auch in der reichen Schweiz
weiter ausbreiten. Gemäss der neusten Schätzungen leben heute bis zu
900’000 Personen in einer Armutssituation. Während Caritas Schweiz und
die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe für 2010 – das Europäische
Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung – wirtschafts- und
sozialpolitische Leitlinien zur Armutsbekämpfung vorlegen und sich das
Ziel setzen, bis 2020 die Armut in der Schweiz zu halbieren,
beschäftigt die bürgerlichen Parteien eine solidarische Sozialpolitik
nicht. Im Gegenteil, sie greifen die Renten an, verschlechtern die Lage
der Arbeitslosen, der Asylsuchenden und Behinderten – und wetteifern um
die populistischere „Ausländerpolitik“.
Seit den 1980er Jahren hat die neoliberale Politik mit der Parole
„Weniger Staat, mehr Freiheit“, später dann mit „Soviel Staat wie
nötig, soviel Markt wie möglich“ den Ausbau des Sozialstaates, den
„Sozialversicherungsstaat für alle“ (M.Vester), blockiert. Gefördert
hingegen hat sie den Fürsorgestaat, der sich nur mehr um die Ärmsten zu
kümmern habe. So polemisieren Neoliberale nach wie vor gegen den
„Umverteilungsstaat“ und plädieren dafür, dass im „Lohnsteuerstaat“ und
durch die Mehrwertsteuer die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer viel
stärker zur Kasse gebeten werden als etwa Kapitaleigentümer,
Grossaktionäre und Topmanager. Für die „Freiheit“ habe die bürgerliche
Gesellschaft „eine relative soziale Ungleichheit“ (FAZ 28.12.09) in
Kauf zu nehmen.
Bei Exponenten des Finanzkapitals lässt sich eine gewisse Nervosität
feststellen. Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, ruft etwa Alfred
Herrhausens Satz „Der Staat, das sind wir selbst“ in Erinnerung, betont
die „Pflicht“ seines Unternehmens, „ein guter Steuerbürger zu sein“ und
vermerkt, die Deutsche Bank habe ihr „Tun nicht ausreichend
ethischmoralisch begründet“ (FAZ, 1.12.09). Das „liberale Verhältnis
von Bürger und Staat“, befürchtet die NZZ, stünde auf dem Spiel.
Ordnungspolitiker vertrauen indessen auf die Chance, die die
Finanzkrise biete: das Verhältnis von Markt und Staat anzupassen. Von
tiefgreifenden Änderungen ist kaum noch die Rede, nachdem in allen
neoliberalen Kernländern staatliche Unterstützungen in Milliardenhöhe
das vor dem Kollaps stehende Finanzsystem stabilisiert haben und
Konjunkturpakete verabschiedet wurden, um die sich ausweitende
Wirtschaftskrise einzudämmen.
Dabei erweist sich der Staat als verlässlicher Treuhänder des
Finanzkapitalismus. Vordringliches Anliegen des schweizerischen
Staatssekretärs für Wirtschaft, Jean-Daniel Gerber, ist auch in
Krisenzeiten, die Marktwirtschaft „vor Missbrauch und
Staatsinterventionen“ zu schützen und die Prinzipien der
„Schuldenbremse“ einzuhalten (Die Volkswirtschaft 7/8, 2009). Den
bürgerlichen Parteien kommt gelegen, dass der Steuerstaat ohne
demokratische Legitimität sich als Krisenmanager und Sanierer
„systemrelevanter“ kollabierender Banken geriert und autoritäre Wege
der kapitalistischen Krisenüberwindung beschreitet – bei wachsender
Staatsverschuldung, in einigen Ländern gar bei Gefahr staatlicher
Zahlungsunfähigkeit. Wider jegliche Rechts- und Sozialstaatlichkeit
handeln die Regierungen im Verbund mit dem Finanzkapital nach dem
Prinzip sozialer Ungerechtigkeit: Gewinne privatisieren, Verluste
sozialisieren. Es ist offensichtlich, dass die Finanzindustrie an
grundlegenden Reformen der krisenverursachenden Mechanismen nicht
interessiert ist.
Diskutiert werden in diesem Heft unterschiedliche Fragen staatlichen
Handelns im globalen Krisenumfeld. Im Fokus stehen sowohl die
fortgesetzte Politik zur Stabilisierung des Finanzmarktsystems als auch
Alternativen der Krisenbewältigung und gegenhegemoniale Strategien.
Dabei geht es weit über die aktuelle Wirtschaftskrise hinaus um alte
und neue Leitbilder staatlicher Politik, um die sozialen Folgen
staatlicher Intervention, um Geschlechtergerechtigkeit beziehungsweise
den in die staatlichen Institutionen eingeschriebenen „Maskulinismus“,
um den verfassungspolitischen Auftrag einer sozialen Demokratie sowie
um neue Aspekte der Kapitalismuskritik. Analysiert werden Potentiale
eines wirtschaftlichen „Pfadwechsels“, Paradigmen einer
„postpatriarchalen Zivilisation“ und André Gorz’ „Auswege aus dem
Kapitalismus“. Berichte, Marginalien und Rezensionen eröffnen weitere
Zugänge zu den Beiträgen des Themenschwerpunktes.
Ende Dezember 2009
Die Redaktion
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