KLAR, 16. Ausgabe der Fraktionszeitung
Ihr Vorschlag könnte einiges verändern, hofft Nadine Fischer (34), eine
alleinerziehende Mutter dreier Kinder aus Jüterbog. Ihre Idee: Für
einige Wochen sollten Spitzenpolitiker mit ihr tauschen. Dann müsste
Kanzlerin Merkel (CDU) schmecken, wie es sich mit Hartz IV-Sätzen kochen
lässt. Und Vizekanzler Westerwelle (FDP) müsste Kinder trösten, die in
der Schule wegen ihrer Armut gehänselt werden. „Dann würden sie
sicherlich anders entscheiden“, sagt Nadine Fischer.
Sie und ihre Kinder gehören zu dem Teil der Bevölkerung, der nach dem
Willen eben jener Politiker nicht von der Erhöhung des Kindergeldes um
20 Euro profitiert: Zirka 1,1 Millionen Bedarfsgemeinschaften (Hartz IV,
Aufstocker) mit insgesamt mehr als 1,8 Millionen Kindern. Bei ihnen
werden die 20 Euro direkt wieder vom Hartz-IV-Satz abgezogen. Reiche
Eltern jedoch bekommen bis zu 40 Euro mehr für jedes Kind - so hoch ist
der Steuervorteil, der aus dem neuen Kinderfreibetrag folgt. Diesen
haben CDU und FDP zeitgleich um fast 1000 Euro angehoben.
Dabei schlagen Experten seit Jahren Alarm. Von einer „historisch neuen
Dimension von Kinderarmut“ sprechen Wohlfahrtsverbände. Nach
Berechnungen des Deutschen Kinderhilfswerkes sind in Deutschland fast
drei Millionen Kinder und Jugendliche von Armut betroffen. Sein
Präsident, Thomas Krüger, kritisiert, die neue Bundesregierung sei
weiterhin untätig, arme Kinder müssten die Zeche für eine verfehlte
Politik zahlen, die ihnen ihre Zukunft stehle.
Warum die Bundesregierung an dieser Politik festhält, versteht auch
Maria Schulze* nicht. Sie ist Mutter zweier Kinder, arbeitet in einem
Bahnhofs-Backshop und bekommt 5,40 Euro netto pro Stunde. Weil das zum
Leben nicht ausreicht, bezieht sie zusätzlich Hartz IV. Auch ihr wird
das erhöhte Kindergeld abgezogen. „Das ist Betrug an denen, die es
wirklich brauchen“, sagt sie. Für ihre Kinder kämpfe sie um jeden Cent,
arbeite zu Dumpinglöhnen und trotzdem gehe sie wieder leer aus.
Vor wenigen Wochen hat sich Maria Erfrierungen an den Händen zugezogen.
In ihrem offenen Backshop darf sie keine Handschuhe tragen. Maria
Schulze wünscht sich: „Politiker, die das mit dem Kindergeld entschieden
haben, sollten mal wie ich bei minus 14 Grad arbeiten.“
* Name von der Redaktion geändert