Die rasante Zunahme der Einkommensungleichheit in vielen
Ländern gilt als eine wichtige Ursache der Weltwirtschaftskrise.
Deutschland kann einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung der
globalen Wirtschaft leisten.
Wie sollte sich die deutsche Wirtschaft nach der Wirtschaftskrise
aufstellen? Wissenschaftler des IMK haben Vorschläge deutscher
Wirtschaftsexperten geprüft.* Ihr Fazit: Ein Großteil der deutschen
Ökonomen ist weiterhin dem Denken aus der Zeit vor der Krise verhaftet.
Mehr Erfolg verspricht ein Richtungswechsel in der Lohn- und
Verteilungspolitik, wie ihn auch international renommierte
Wirtschaftsforscher wie Jean-Paul Fitoussi und Joseph Stiglitz
empfehlen. Denn eine Fortsetzung der Einkommensumverteilung von unten
nach oben würde die Binnennachfrage noch weiter schwächen, da die
oberen Einkommensgruppen einen deutlich größeren Teil ihres Einkommens
sparen.
Nach der Analyse von Fitoussi und Stiglitz ist die
rasante Zunahme der Einkommensungleichheit in vielen Ländern eine der
entscheidenden Ursachen der globalen Ungleichgewichte und der aktuellen
Weltwirtschaftskrise. Denn wegen der wachsenden Ungleichheit fehlte
vielerorts eine solide finanzierte Binnennachfrage. In den USA blieb
das Konsumwachstum trotz Umverteilung von unten nach oben nur deshalb
noch eine Zeitlang hoch, weil sich die Privathaushalte zunehmend
verschuldeten.
In Deutschland jedoch stieg die Sparquote, der
Konsum war schwach, das Wachstum niedrig. Die schwache Nachfrage im
Inland führte zu einer starken Exportorientierung. Damit war das
Wirtschaftswachstum vom Export und der Verschuldungsbereitschaft der
Defizitländer abhängig. "Die globalen Ungleichgewichte führten zu einem
wackligen Gleichgewicht, welches das Nachfrageproblem vorübergehend
löste, allerdings auf Kosten zukünftigen Wachstums", fassen Fitoussi
und Stiglitz die Entwicklung zusammen.
Dennoch variieren prominente deutsche Ökonomen mit drei Argumentationslinien lediglich ihre alten Modelle:
1.
Weiter so: Die Exportorientierung der deutschen Wirtschaft sei
erfolgreich gewesen und sollte fortgesetzt werden, meint etwa der Chef
des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung,
Christoph Schmidt.
Das Problem: Die Ungleichgewichte der
Weltwirtschaft ließen sich mit einem Festhalten an dieser Strategie
nicht beseitigen, so das IMK. Die bisherigen
Konjunkturlokomotiven USA, Großbritannien und Spanien müssen ihre
Außenhandelsdefizite abbauen. Länder wie China, Japan und auch
Deutschland brauchen daher eine kräftigere Binnennachfrage, um den
Rückgang beim Export auszugleichen. Schwache Lohnzuwächse sind da
kontraproduktiv, warnen die Wissenschaftler des IMK.
2. Die
Exportorientierung sei erfolgreich gewesen, lasse sich aber nach der
Krise kaum fortsetzen, meint die Mehrheit der Mitglieder des
Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung. Lohnzurückhaltung und Sozialabbau würden nun die
Binnenwirtschaft stärken.
Diese Argumentation ist in
sich widersprüchlich, stellt das IMK fest: Wenn die Lohnzurückhaltung
in der Vergangenheit zu einer immer stärkeren Exportlastigkeit
beitrug, wieso sollte diese Strategie in Zukunft den gegenteiligen
Effekt haben? Bislang spalteten die niedrigen Lohnzuwächse
die Wachstumsdynamik der deutschen Wirtschaft: Wegen der steigenden
internationalen Wettbewerbsfähigkeit entwickelten sich die
Exportbranchen gut. Die Binnenwirtschaft jedoch litt unter dem
schwachen Konsum.
3. Die Exportorientierung sei nicht
erfolgreich gewesen: Deutschlands Löhne seien immer noch zu hoch und zu
undifferenziert, behauptet hingegen der Chef des Münchener
ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Aus "Angst vor den Fesseln einer
fehlgeleiteten Sozialpolitik" seien Kapital und Talente aus den
arbeitsintensiven Binnensektoren geflohen. Deshalb müssten die sozialen
Einschnitte noch weiter gehen.
Überzeugende Hinweise auf
die Richtigkeit einer solchen Schwellenwerttheorie bleibt Sinn
allerdings schuldig, merken die IMK-Forscher an. Zudem sei
inkonsistent, wie Sinn die Kapitalflüsse Deutschlands und der USA
erkläre: Die deutschen Exportüberschüsse seien Ausdruck der hiesigen
Standortschwäche, so Sinn. Die Kapitalimporte der USA könnten aber
nicht mit ihrer Standortstärke erklärt werden, sondern lediglich mit
der Innovationsfreudigkeit ihres Finanzsystems.
In einem Punkt seiner Diagnose hat der Münchener allerdings recht, zeigt das IMK:
Die deutsche Exportorientierung war nicht erfolgreich.
Im vergangenen Jahrzehnt nahmen Einkommensungleichheit und Armut
stärker zu als in anderen Industriestaaten, stellte die OECD jüngst
fest. Wegen der wachsenden Ungleichheit fehlte hierzulande eine solide
finanzierte Binnennachfrage.
Ein wichtiger Grund für die
Lohnungleichheit: atypische Beschäftigungsverhältnisse. Hinzu kamen
Leistungseinschränkungen in der Arbeitslosenunterstützung und der
gesetzlichen Kranken- und Rentenversicherung, die steuerliche
Entlastung insbesondere hoher Einkommen und Vermögen sowie die
Belastung des privaten Verbrauchs über die Erhöhung der Mehrwertsteuer.
Sollten sich die Einkommen weiterhin so unterschiedlich
entwickeln, wird die Binnennachfrage schwach bleiben, prognostiziert
das IMK. Damit bliebe Deutschland abhängig vom Export - und besonders
anfällig für weitere Krisen. Daher schließen sich die Forscher den
Vorschlägen an, die sich in der internationalen Debatte zunehmend
durchsetzen: Es reicht nicht aus, das Finanzsystem zu reparieren, warnt
beispielsweise US-Ökonom Stiglitz. Es müssten Konzepte gegen das
globale Nachfragedefizit entwickelt werden. Denn die
wirtschaftspolitischen Rezepte der Vergangenheit - Löhne
flexibilisieren und Sozialleistungen einschränken - würden die Lage
weiter verschlimmern.
Mit einer gleichmäßigeren
Einkommensverteilung - insbesondere auch in Deutschland - ließe sich
die latente Nachfrageschwäche überwinden, so die IMK-Forscher. Das
bedeutet:
Deutschland braucht eine neue Lohn- und Verteilungspolitik.
"Dies ist eine wesentliche Voraussetzung für die künftige Stabilität
der globalen Wirtschaft." Die Ökonomen empfehlen daher, die Position
der Gewerkschaften bei Lohnverhandlungen zu stärken. Dazu gehörten ein
allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn und die Allgemeinverbindlichkeit
von Tarifabschlüssen. Leiharbeit dürfe nicht mehr reguläre
Beschäftigung ersetzen.