12.12.2009
Unerbittlicher Kritiker des Kapitalismus
Nachruf von André Leisewitz und Jörg Goldberg für die Redaktion Zeitschrift Marxistische Erneuerung in Frankfurt/Main
Mit Jörg Huffschmid hat die bundesdeutsche und
europäische Linke einen ihrer profiliertesten marxistischen
Ökonomen verloren. Er war zuallererst ein nüchterner,
kritischer und von Wunschdenken freier Forscher und Analytiker, der
in seinen Arbeiten deutlich gemacht hat, daß marxistische
Ansätze fruchtbar und zugleich unabdingbar zum
Verständnis der modernen kapitalistischen Produktionsweise
sind. Wissenschaftliche Redlichkeit war für ihn untrennbar
verbunden mit dem Eintreten für die Interessen der arbeitenden
Menschen, für die wirtschaftlich Schwachen und
Abhängigen.
Kritik der politischen Ökonomie hieß für ihn
zugleich politisches Engagement, wissenschaftliche und politische
Organisation von Gegenkräften. Jörg Huffschmid war kein
Wissenschaftler im Elfenbeinturm. Kaum einer war in der Lage, so
klar, eindringlich und verständlich wie er empirische Befunde
und theoretische Analysen zum heutigen Kapitalismus vorzutragen und
die für seine akademischen, gewerkschaftlichen und politischen
Adressaten notwendigen Handlungsalternativen aufzuzeigen. Diese
Klarheit erklärt die große Resonanz, die er mit seinen
Publikationen, Vorlesungen und Seminaren und bei ungezählten
Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen gefunden hatte. Zugleich
war er ein unbeirrbarer Realist, erpicht auf konkrete Analysen,
kritisch gegenüber realitätsabgehobener Ideologie, oft
unbequem in der Diskussion und zugleich fähig zu kritischem
Umgang mit den eigenen Ansichten, Hoffnungen und
Fehlurteilen.
Der Suhrkamp-Verlag kündigte 1969 das Buch »Die Politik
des Kapitals« des damals 29jährigen Assistenten am
Institut für Konzentrationsforschung der FU Berlin wie folgt
an: »Diese empirische Studie ist unseres Wissens der erste
Versuch, die Querverbindungen zwischen Wirtschaftskonzentration und
Wirtschaftspolitik in der Bundesrepublik im Rahmen einer
sozialökonomischen Sach- und Faktenanalyse aufzuweisen.
Huffschmid untersucht Besitzverhältnisse und
Herrschaftsstrukturen; er zeigt an konkreten Fällen, wie
industrielles Wachstum, Einkommensverteilung, Steuerpolitik,
Konzentration der Banken und Großbetriebe, Konsumwirtschaft
und Wohlfahrtsideologie untereinander zusammenhängen und
worauf das Wechselspiel zwischen den Mächtigen des
Geschäfts und den geschäftigen Verwaltern der Macht sich
gründet.« Damit waren zentrale Themen der Analyse des
bundesdeutschen Kapitalismus angesprochen, die Huffschmid in den
nächsten Jahrzehnten bearbeitete: Kapitalakkumulation,
Restauration des Monopolkapitals und Veränderungen seiner
Verwertungsbedingungen, zyklische und strukturelle Krisen,
Rüstung und Rüstungskonversion, innere
Verflechtungsstrukturen (»staatsmonopolistische
Komplexe«) und von gesellschaftlichen
Kräfteverhältnissen beeinflußbare
Entwicklungsvarianten des Kapitalismus. Huffschmid bearbeitete
diese Themen insbesondere im Rahmen der von ihm 1975
mitbegründeten Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik
und, in den 70er und 80er Jahren, im Rahmen vieler Projekte des
Frankfurter Instituts für Marxistische Studien und Forschungen
(IMSF), zu dessen Beirat und Autoren er gehörte. Zusammen mit
Heinz Jung verfocht er 1988/89 in der DKP – beide
gehörten damals deren Parteivorstand an – das
programmatische Konzept einer marxistischen Reformalternative als
schrittweiser Transformationsstrategie, das sich jedoch nicht
durchsetzen konnte.
In den 90er Jahren wandte sich Huffschmid stärker den
internationalen Strukturen des Kapitalismus und
Weltwirtschaftsproblemen zu. Dies betraf die Rolle der USA –
hier war er skeptisch gegenüber den Erwartungen eines raschen
»decline« – und der EU als einer aus
kapitalistischer Vergesellschaftung hervorwachsenden
supranationalen Ebene mit quasistaatlichen Strukturen. Huffschmid
war Motor der Europäischen Memorandum-Gruppe. Insbesondere
widmete er sich dem internationalen Finanzmarktkapitalismus und den
sich seit den 90er Jahren häufenden Finanzmarktkrisen.
»Unter Geiern« hatte er ursprünglich seine 1999
erschienene »Politische Ökonomie der
Finanzmärkte« nennen wollen, in deren Zentrum die
Funktionsweise der internationalen Finanzmärkte, die Banken
und Finanzunternehmen als deren entscheidende Akteure sowie die
Frage nach den Kontrollmöglichkeiten stehen. Früh
erkannte er die Dominanz der Finanzmärkte als wichtigstes
Merkmal der aktuellen Variante des heutigen Kapitalismus. Trotzdem
sah er in einem seiner letzten wissenschaftlichen Artikel
(Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Juni 2009) nüchtern
voraus, daß der schwerste ökonomische Einbruch seit Ende
des Zweiten Weltkrieges den Finanzmarktkapitalismus nicht zum
Zusammenbruch bringen würde – weil die politischen
Machtstrukturen unverändert geblieben und die sozialen
Bewegungen im Bewußtsein der Bevölkerung unzureichend
verankert sind.