12.12.2009
Friede dem guten Gelehrten
Nachruf von Simon Zeise für den Bundesvorstand Die Linke.SDS
Am Samstag vor einer Woche ist Jörg Huffschmid mit 69 Jahren
gestorben. Er war einer der bedeutendsten marxistischen
Ökonomen unserer Tage. 1969 erschien sein unter Studenten viel
beachtetes Werk »Die Politik des Kapitals«. Damals war
er gerade 29 Jahre alt.
Es gab nicht viele neben Huffschmid, die die Funktionsweisen des
Kapitalismus detailliert benennen und seine Krisenerscheinungen
offenlegen konnten. Hätten die führenden Politiker
hierzulande die Erkenntnisse Huffschmids aufgegriffen, wären
sie nicht in die heutige Wirtschaftskrise geraten. Denn bereits
1999 warnte er in seinem gleichnamigen Werk vor der »Politik
der Finanzmärkte«.
Huffschmid lehrte bis zu seiner Emeritierung an der
Universität Bremen, die 1971 mit dem Anspruch einer
Reformuniversität gegründet wurde. Auch ihm war es zu
verdanken, daß die Universität lange als »rote
Kaderschmiede« galt. Um dem in der neoklassischen
Ökonomie verhafteten »Sachverständigenrat zur
Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage« etwas
entgegenzusetzen, gründete Huffschmid, zusammen mit Rudolf
Hickel und Herbert Schui, die Arbeitsgruppe Alternative
Wirtschaftpolitik. Jedes Jahr veröffentlichten sie ein
Memorandum gegen den wirtschaftspolitischen Mainstream. Zu Zeiten
kritischer Medienberichterstattung fand das jährliche
Gutachten auch Erwähnung in überregionalen
Tageszeitungen.
Aber Jörg Huffschmid war nicht allein Ökonom, er mischte
sich ein. Er war Mitglied im Parteivorstand der DKP, aus der er
Ende der 80er Jahre austrat, um sich etwas später dem
globalisierungskritischen Netzwerk ATTAC anzuschließen.
Zwar erkannte Huffschmid die globalen Zusammenhänge der
politischen Ökonomie, doch zeigte er auch konkrete
Handlungsoptionen auf. In seinem Buch »Reformalternative. Ein
marxistisches Plädoyer« trat er 1988 für
»Abrüstung, Friedensfähigkeit, Verantwortung
für die globalen Probleme, soziale Modernisierung und
Demokratisierung« vor dem Hintergrund eines
»authentischen Marxismus« ein. »Der Klassenkampf
von unten, der soziale, ökonomische und demokratische
Interessenkampf« sollte stets »eine realistische
Perspektive« vor Augen haben.
Im Mai 2007 rief Huffschmid zusammen mit 100 Intellektuellen und
Wissenschaftlern öffentlich dazu auf, einen neuen
sozialistischen Hochschulverband zu gründen. Einige Tage
später wurde Die Linke.SDS aus der Taufe gehoben. Der
Sozialistisch-Demokratische Studierendenverband ist noch jung. Im
letzten Jahr starteten wir eine bundesweite
»Kapital«-Lesebewegung. Wir lasen den ersten Band des
»Kapitals« von Karl Marx, um den globalen Kapitalismus
später einmal an der Wurzel fassen zu können und junge
kritische Wissenschaftler zurück an die Universitäten zu
bringen – kritische Wissenschaftler wie Jörg Huffschmid.
Sein Werk wird uns noch viele Fragen erläutern. Sein
politisches Wort wird uns fehlen. Friede diesem guten Gelehrten.