Im Wortlaut, Linksfraktion
Eva Bulling-Schröter fährt nach Kopenhagen zur UN-Klimakonferenz.
Für sie steht die Menschheit am Scheideweg. Sie befürchtet, dass die
wichtige Konferenz nicht den entscheidenden Richtungswechsel bringen
wird. Der weltweit größte Emittent von CO2, die USA, hat nur einen
schwachen Vorschlag zur Emissionsminderung vorgelegt. Die Verringerung
des Treibhausgas-Ausstoßes ist eine Chance für neue Technologien und
Beschäftigung. Und eine große soziale Herausforderung.In der nächsten Woche fahren Sie nach Kopenhagen zur
UN-Klimakonferenz. Sie soll den Nachfolgevertrag zum Kyoto-Protokoll
beschließen, das im Jahr 2012 ausläuft. Einige Nobelpreisträger meinen
angesichts der Klimakatastrophe, dies sei „die wichtigste Konferenz der
Menschheitsgeschichte“ Ist sie das?Eva Bulling-Schröter: Ich bin vorsichtig mit Superlativen. Aber
die Menschheit steht tatsächlich am Scheideweg: Blasen wir global
weiterhin so viel Klimakiller in die Atmosphäre, wie in den letzten
zehn Jahren, so wird sich die Erde im Vergleich zur vorindustriellen
Zeit um sechs Grad und mehr erwärmen. Aber schon bei einem Plus von
mehr als zwei Grad ist mit katastrophalen Folgen zu rechnen.
Wird Kopenhagen eine Wende bringen?
Das ist nicht sicher. Der weltweit größte Emittent, die USA, hat nur
einen schwachen Vorschlag zur Emissionsminderung vorgelegt. Und von der
Europäischen Union (EU) fehlt bislang ein konkreter Vorschlag, wie viel
Geld sie zur Verfügung stellen will, um Klimaschutz- und
Anpassungsmaßnahmen in Entwicklungsländern zu finanzieren. Ihr Angebot
von maximal 30 Prozent Treibhausgas-Minderung bis zum Jahr 2020 bleibt
hinter den Notwendigkeiten zurück. Kein Wunder, dass sich der globale
Süden mit Zusagen zum Klimaschutz zurückhält. Es besteht die Gefahr,
dass ein rechtlich verbindlicher Vertrag nicht zu Stande kommt.
Ist dann Kopenhagen gescheitert?
Wenn nur eine weiter Absichtserklärung verabschiedet wird, dann ja. Das
darf auf keinen Fall passieren. Hier müssen die Klimaschützer dieser
Welt Druck machen. Zumindest muss es in Dänemark einen verbindlichen
Beschluss geben, der bereits alle zentralen Inhalte eines künftigen
Vertrages enthält: Einigungen über die Minderungspflichten, über die
finanziellen Zusagen und über die rechtliche Form eines völkerrechtlich
verbindlichen Vertrages. Dieser wäre dann bis zum Sommer in den Details
auszuarbeiten.
Warum soll der Süden sparen? Die Industrieländer stoßen doch viel mehr Treibhausgase aus.
Pro Kopf und auch historisch liegt die Hauptverantwortung für den
Klimawandel ganz klar im Norden. So entlässt beispielsweise der
US-amerikanische Bundesstaat Texas mehr Treibhausgase in die Luft als
ganz Afrika. Schaut man sich aber die absoluten Emissionen weltweit an
- und die sind physikalisch relevant für das Klima - so stammt bereits
mehr als die Hälfte aus Schwellenländern, wie China, Indien oder
Brasilien, beziehungsweise aus Entwicklungsländern. Zudem wächst im
Süden der Ausstoß von Klimagasen rasant.
Was könnten diese Länder leisten?
Die Schwellenländer sollten ihre Emissionen in absehbarer Zeit
begrenzen. Ihnen und den Entwicklungsländern müssen wir mit
Finanztransfers helfen, eine nachhaltige Energieversorgung aufzubauen.
Diese sollte auf Sonne, Wind, Wasser und Biomasse beruhen, und nicht
auf Kohle, Öl oder Atomkraft. Zudem müssen Anreize geschaffen werden,
die zum Stopp der Tropenwaldabholzung führen.
Um wie viel Geld geht es dabei?
Wir reden hier von gewaltigen Summen: Mindestens 110 Milliarden Euro
müssen die Industrieländer ab dem Jahr 2020 jährlich dafür und für
Anpassungsmaßnahmen an die Folgen des Klimawandels, die nicht mehr zu
verhindern sind, bereitstellen.
Was sollte der Norden noch tun?
Hier muss ganz klar der Hauptteil der Emissionsminderung geleistet
werden. Bis zum Jahr 2050 müssen die Industriestaaten aus der
Verbrennung von fossilen Brennstoffen vollständig aussteigen.
Erneuerbare Energien müssen dann komplett einen - deutlich reduzierten
- Energieverbrauch decken. DIE LINKE fordert von den EU-Staaten bis zum
Jahr 2020 eine Minderung des Treibhausgas-Ausstoßes von 40 Prozent
gegenüber dem Jahr 1990. Deutschland muss seinen Treibhausgas-Ausstoß
im selben Zeitraum sogar halbieren.
Eine gewaltige Herausforderung...
... und eine Chance für neue Technologien und Beschäftigung. Es ist
eine industrielle Revolution. Und eine große soziale Herausforderung.
Denn in diesem Prozess wird es Gewinner- und Verliererbranchen geben.
Dahinter stehen jeweils Zehntausende von Beschäftigten. In diesem
Zusammenhang ist es eine Illusion zu glauben, Arbeitsplätze entstehen
immer am gleichen Ort und annähernd zeitgleich, wo andere wegfallen. Es
geht also um eine soziale Abfederung des ökologischen Umbaus, um
Qualifizierung und anderes mehr. Ein klassisches Feld für DIE LINKE.
Dies sind gewaltige Umbrüche. Sind tatsächlich solch große Einsparungen an Treibhausgasen notwendig?
Ja, wenn man den Klimawandel mit einiger Sicherheit auf besagte zwei
Grad begrenzen will. Schließlich kann man in politischen Prozessen
immer Kompromisse finden, nicht aber mit der Physik. Um das noch einmal
für Deutschland zu illustrieren: Würde man die Menge an Kohledioxid,
welches noch halbwegs klimaverträglich emittiert werden darf, gerecht
auf die Menschen dieser Welt verteilen, so dürften die Deutschen nur
noch zehn Jahre so weiter wirtschaften. Dann wäre unser Budget
aufgebraucht. Deshalb müssen wir schnell raus aus der Kohle.
Hierzulande dürfen auch keine neuen Kohlekraftwerke gebaut werden.
Zudem brauchen wir eine neue Mobilität jenseits des herrschenden
Autowahns.
Sie sind am Mittwoch Vorsitzende des Umweltausschusses des Bundestages geworden. Was erhoffen Sie sich von dieser neuen Aufgabe?
Nach netto zwölf Jahren als Mitglied des Umweltausschusses ist die
Übernahme des Vorsitzes schon etwas Besonderes. Ich kann ein wenig mehr
als bislang Einfluss nehmen auf Ablauf und Dynamik der Sitzungen. Zum
dem wird man in dieser Funktion als linke Fachpolitikerin öffentlich
mehr wahrgenommen. Als Vorsitzende muss ich mich jedoch gleichzeitig
weitgehend neutral verhalten, auch wenn mir der Kragen platzen möchte.
Können Sie gleichzeitig Ausschussvorsitzende und Fachpolitikerin sein?
Linke Klimaschutzpolitik werde ich im Ausschuss weiterhin vertreten.
Andere Themenfelder bearbeiten meine Fraktionskolleginnen und -kollegen
im Ausschuss: Dorothèe Menzner beispielsweise die Energiepolitik,
Sabine Stüber den Naturschutz und Ralph Lenkert den technischen
Umweltschutz. Ansonsten gibt es ja auch noch ein politisches Leben
neben dem Ausschuss. Ich denke dabei vor allem an die Zusammenarbeit
mit Bürgerinitiativen und Gewerkschaften sowie mit Umwelt- und
Entwicklungsorganisationen.
www.linksfraktion.de, 1. Dezember 2009