Wortlaut, www.linksfraktion.de
In dem Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung sieht Oskar
Lafontaine ein Eingeständnis von Union und FDP, dass bis heute nichts
unternommen wurde, um den Finanzsektor wirksam zu regulieren. Dadurch
sei die nächste Finanzkrise vorprogrammiert, warnt er im Interview der
Woche.In einigen Medien spielt die Finanzkrise seit etlichen Wochen kaum
eine Rolle mehr. Die Banken verkünden erneut Rekordgewinne und manche
Wirtschaftsinstitute sprechen bereits wieder vom Aufschwung. Ist das
Schlimmste überstanden?Oskar Lafontaine: Die alte Bundesregierung hat den Banken mit
Milliarden Steuergeldern wieder auf die Beine geholfen, die
Beschäftigten aber weitgehend im Regen stehen lassen. Weil die
Bundeskanzlerin ihren Milliarden-Rettungsschirm für die Banken nicht an
eine entsprechende Kontrolle der Finanzinstitute geknüpft hat, zocken
die Geldhäuser weiter wie bisher, während die Steuerzahler für die
Verluste aus der Finanzkrise aufkommen müssen. Durch die fehlende
Regulierung des Bankensektors ist die nächste Finanzkrise
vorprogrammiert. Besonders kritisch ist auch, dass die Banken die
niedrigen Zentralbankzinsen, zu denen sie sich Geld leihen, nicht an
ihre Kunden weitergeben und die Bedingungen für die Kreditvergabe
erschwert haben. Diese Kreditklemme trifft Kleinbetriebe und Familien
mit geringem Einkommen besonders hart. DIE LINKE fordert die Banken
unter staatliche Kontrolle zu stellen, wie es Schweden Anfang der
neunziger Jahre erfolgreich praktiziert hat. Einen entsprechenden
Antrag werden wir in den Deutschen Bundestag einbringen.
Auch die jüngsten Wirtschaftsprognosen der EU-Kommission belegen,
dass die Krise noch nicht vorbei ist. Die Kommmission sagt vorher, dass
in Deutschland die Arbeitslosigkeit von 7,7 Prozent im laufenden Jahr
auf 9,2 Prozent im nächsten Jahr steigen wird. Für das laufende Jahr
rechnet sie zudem mit einem wirtschaftlichen Einbruch von 5 Prozent.
Auch wenn sich das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr wie von der
EU-Kommission vorausgesagt mit 1,2 Prozent erholen sollte, liegt dies
immer noch unter dem zu erwartenden Anstieg der Arbeitsproduktivität
und ist daher nicht geeignet, mehr Menschen Arbeit zu geben. Der von
der Wirtschaft ausgeübte steigende Druck auf die Löhne wird die
Binnenkonjunktur weiter schwächen und Arbeitsplätze kosten. Jetzt
bestätigt sich, dass die alte Bundesregierung viel zu zögerlich und mit
zu wenig Geld auf den Wirtschaftseinbruch reagiert hat. Die Forderungen
der Fraktion DIE LINKE, mit einen gesetzlichen flächendeckenden
Mindestlohn und einem wirksamen Konjunkturprogramm Wachstum und
Beschäftigung zu stärken, bleiben daher aktuell.
Hat die neue Bundesregierung im Koalitionsvertrag überzeugende Antworten auf die Finanz- und Wirtschaftskrise gegeben?
Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung ist ein Eingeständnis,
dass bis heute nichts unternommen wurde, um den Finanzsektor wirksam zu
regulieren. Der Koalitionsvertrag gibt vielmehr vor, “die Beteiligung
des Staates an Wirtschaftsunternehmen und Finanzinstituten so eng wie
möglich zeitlich zu begrenzen“. Für betroffene Unternehmen und
Institute soll eine „Ausstiegsstrategie“ entwickelt werden. Und bei der
Bankenregulierung will sich die Bundesregierung laut Koalitionsvertrag
dafür einsetzen, dass „nach Überwindung der Krise die
Kapitalanforderungen differenziert nach Risiko und Systemrelevanz
verstärkt werden“.
Steuern runter, Wachstum rauf – das ist die Formel, auf die Kanzlerin Merkel (CDU) wettet. Würden Sie diese Wette eingehen?
Mit dieser Wette stellt sich die schwarz-gelbe Koalition auf eine Stufe
mit den Spekulanten an den Finanzmärkten, die die jetzige Krise zu
verantworten haben. DIE LINKE hat seit langem vorgeschlagen, die
Steuern für kleine Betriebe und Facharbeiter zu senken, Vermögende und
Bezieher hoher Einkommen dafür aber stärker zu belasten. Während die
Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass die Bezieher niedriger und mittlerer
Einkommen jeden zusätzlichen Euro ausgeben und damit die Nachfrage und
das Wirtschaftswachstum stärken, sparen die Spitzenverdiener und
Vermögenden das zusätzliche Geld und heizen damit im Zweifelsfall nur
die Spekulation an den Finanzmärkten wieder an. Die schwarz-gelbe
Koalition zieht aber - wie die Vorgängerregierung - eine angemessene
Beteiligung der Spitzenverdiener und Vermögenden an den Folgen der
Finanz- und Wirtschaftskrise nicht in Betracht. Mit dieser
unverantwortlichen Steuerpolitik wird die Umverteilung von unten nach
oben fortgesetzt und die Kluft zwischen Reich und Arm weiter vergrößert.
Auch einige Landesminister der CDU sind von diesem Vorhaben nicht
überzeugt. Sie fürchten, dass die Steuergeschenke ihre Landeshaushalte
ruinieren. Was kommt auf Länder und Gemeinden zu?
Länder und Kommunen können seit Jahren nicht länger die erforderlichen
Investitionen in Infrastruktur und öffentliche Verwaltung tätigen, weil
ihr finanzieller Handlungsspielraum durch steuerpolitische
Fehlentscheidungen unverantwortlich eingeengt wurde. Hier ist vor allem
die nicht mehr erhobene Vermögenssteuer, die eine reine Ländersteuer
ist, zu nennen. Mit der jetzt im Grundgesetz verankerten so genannten
Schuldenbremse sind Ländern und Gemeinden die Hände noch enger
zusammengeschnürt worden. DIE LINKE hat diese Schuldenbremse abgelehnt
und wird sich weiter für die Wiedererhebung einer Vermögenssteuer stark
machen. Der Protest aus CDU-regierten Ländern gegen die jetzt von
Kanzlerin Merkel und Vizekanzler Westerwelle geplanten erneuten
Steuersenkungen ist unglaubwürdig, weil sie der Schuldenbremse
zugestimmt haben und bis jetzt eine Wiedererhebung einer
Vermögenssteuer ablehnen.
Der neue Verteidigungsminister zu Guttenberg (CSU) zeigt Verständnis
für diejenigen, die von einem Krieg der Bundeswehr in Afghanistan
sprechen. Der Beginn eines Kurswechsels?
Dieses Eingeständnis begrüßen wir. Es bedeutet jedoch noch keinen
Kurswechsel der Bundesregierung in der Afghanistan-Politik. Der
völkerrechtswidrige Krieg in Afghanistan, bei dem in den vergangenen
Jahren immer mehr zivile Opfer zu beklagen waren, hat auch nach acht
Jahren keinen Frieden herbeigeführt - im Gegenteil: Die Fronten haben
sich weiter verhärtet. DIE LINKE bleibt bei ihrer Forderung nach einem
sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan und fordert mehr
Diplomatie und die Einleitung von Gesprächen zwischen den
Kriegsparteien, um damit eine friedliche Entwicklung des Landes zu
unterstützen und einen nachhaltigen zivilen Wiederaufbau zu
ermöglichen.
Mit welchen weiteren Forderungen wird DIE LINKE die neue Bundesregierung konfrontieren?
Oskar Lafontaine: DIE LINKE hat auf ihrer Fraktionsklausur im Oktober
ein 10-Punkte-Sofort-Programm beschlossen. Diese zehn Punkte sind eine
Richtschnur für unsere ersten Initiativen im Deutschen Bundestag: Raus
aus Afghanistan; Einführung eines flächendeckenden gesetzlichen
Mindestlohnes; Stärkung von Kündigungsschutz und Mitbestimmung; zwei
Millionen neue Arbeitsplätze statt Massenarbeitslosigkeit;
Kurzarbeitergeld und Arbeitslosengeld I verlängern; Hartz IV
abschaffen; Rente ab 67 zurücknehmen und Rentenwert Ost zügig an
West-Niveau angleichen; kleine und mittlere Einkommen entlasten;
Kreditklemme bekämpfen; Schutzschirm für die sozialen
Sicherungssysteme; Grundrechte verteidigen; Atomausstieg unumkehrbar
machen.
Von wem erwarten Sie sich Unterstützung, um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen?
Viele der genannten Forderungen vertritt DIE LINKE leider allein. Die
Haltung von SPD und Grünen ist in vielen Punkten nicht konsequent. Wir
müssen insbesondere abwarten, wie sich die SPD in der Opposition
verändert, da sie sich bis heute nicht von ihrer verfehlten Politik –
Agenda 2010, Hartz IV, Rente mit 67, Afghanistankrieg – gelöst hat. Die
SPD muss sich vom Sozialabbau verabschieden und zu ihrer langjährigen
Maxime zurückfinden: Krieg ist kein Mittel der Politik.
linksfraktion.de, 9. November 2009