www.linksfraktion.de, 31. August 2009
Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Klaus Ernst warnt im
Interview der Woche, dass die Rente mit 67 in der Krise wie
zusätzlicher sozialer Sprengstoff wirkt. Für die Mehrheit ist sie ein
zusätzliches Rentenkürzungsprogramm. Altersarmut wird so
vorprogrammiert. Private Altervorsorge ist teuer und rentiert sich
nicht. Die Arbeitgeber dürfen nicht aus der paritätischen Finanzierung
der Altersvorsorge entlassen werden. Im Jahr 2007 beschloss die Regierungskoalition von CDU/ CSU und SPD
die schrittweise Einführung des Renteneintrittsalters mit 67 Jahren.
Sie behauptete damals, dass diese Entscheidung alternativlos sei und
begründete sie mit der demografischen Entwicklung in Deutschland.
Welche Konsequenzen stehen den heutigen Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmern bevor?
Die demografische Entwicklung gilt nicht nur für die Rente, sondern
zunächst für den Arbeitsmarkt der nächsten Jahre. Die geburtenstarken
Jahrgänge werden dann über 55 sein und massiv Probleme haben Arbeit zu
behalten oder zu finden. Bereits vor der Krise war klar: Kommt die
Rente ab 67, werden bis zu drei Millionen zusätzliche Arbeitsplätze
benötigt. Der wirtschaftliche Einbruch und der zu erwartende massive
Anstieg der Erwerbslosigkeit werden diesen Bedarf vervielfachen. Die
Jungen werden nach Jobs Schlange stehen, die Alten werden aus dem
Arbeitsmarkt heraus gedrängt. In dieser Situation wirkt die Rente ab 67
wie zusätzlicher sozialer Sprengstoff.
Von den 55-bis 64-Jährigen ist in Deutschland jeder zweite nicht
mehr erwerbstätig. Und das obwohl das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre
angehoben wird und schon jetzt Fachkräfte knapp werden. Man muss kein
Prophet sein, um die Zukunft vorauszusagen. Was erwartet uns, wenn
dieser Entwicklung kein Riegel vorgeschoben wird?
Entscheidend für die Rente ist, wie viel jemand verdient und wie lange
jemand arbeiten kann. Bereits heute erreicht von den
sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nur noch 10% der 63 und 64-
jährigen in Arbeit das Rentenalter. Das bedeutet, die überwiegende
Mehrheit geht vorzeitig in Rente und erhält deswegen Abschläge in Höhe
von 3,6% pro Jahr. Für die Mehrheit ist die Rente ab 67 daher ein
zusätzliches Rentenkürzungsprogramm um 7,2%. Für viele wird das
Alterseinkommen dann nicht mehr reichen, um in Würde zu überleben.
Altersarmut wird so vorprogrammiert.
Uns erreichen zahlreiche Briefe und E.Mails in denen Erwerbstätige
bereits ab dem 45.Lebensjahr wegen ihres Alters unter Druck gesetzt
werden, schlechter bezahlte Jobs anzunehmen oder dass sie durch Mobbing
selbst kündigen sollen. Was steckt dahinter?
Die Arbeitgeber versuchen ständig, ihre Belegschaften zu verjüngen.
Angeblich seien Ältere weniger leistungsfähig. Ich halte dies für eine
völlig verkürzte Sichtweise, da viele Qualitäten gerade von älteren und
sehr erfahrenen Beschäftigten nicht gewürdigt werden. Oft ist es auch
ein Vorwand, um die Belegschaft zu verbilligen. Langjährig Beschäftigte
werden durch Leiharbeiter ersetzt oder junge Billigjobber, die
händeringend Arbeit suchen. Klar ist, es müssen Rahmenbedingungen
geschaffen werden, damit jemand bis zur Rente arbeiten kann. Dazu
gehören Weiterbildung, mehr Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz und
flexible Altersteilzeitmodelle.
Alle Parteien im Bundestag, außer der Fraktion DIE LINKE, haben der
Privatisierung der Altersvorsorge den Vorzug gegeben. Ein sogenanntes
neoliberales Erfolgsmodel, die Riesterrente, stellte sich längst als
Flop heraus. Was setzt DIE LINKE dagegen?
Vorrangig muss der Werteverfall der Rente gestoppt werden, indem die
Kürzungsfaktoren aus der Rentenformel gestrichen werden. Die Rente muss
der Lohnentwicklung folgen, damit die ältere Generation nicht vom
gesellschaftlichen Wohlstand abgekoppelt wird. Dies ist besonders für
die heute noch jüngeren wichtig, denn sie zahlen die Zeche für die
Absenkung des Leistungsniveaus in der Rente. Sie müssen privat
vorsorgen. Das ist teuer und rentiert sich vielfach nicht, wie bereits
heute die Renditeberechnungen aus der Riesterrente zeigen. Wir dürfen
die Arbeitgeber nicht aus der paritätischen Finanzierung der
Altersvorsorge entlassen.
Die Rente mit 67 muss und kann zurückgenommen werden. Die Menschen
wollen einen Politikwechsel im Land: das ist nur mit einer starken
LINKEN möglich.
Vor wenigen Tagen alarmierten uns erneut Nachrichten, der Staat
müsse immer mehr Geld für Sozialtransfers ausgeben und die
Bundesagentur für Arbeit sei faktisch pleite. Was ist dran an diesen
Informationen? Und was sollte ein künftiger Arbeits- und Sozialminister
sofort in Angriff nehmen?
Als erste Sofortmaßnahme muss ein gesetzlicher Mindestlohn eingeführt
werden. Wenn nicht eine verbindliche Lohnuntergrenze geschaffen wird,
damit jemand von seiner Arbeit leben kann, kommt der ganze Sozialstaat
ins Rutschen. Eine Fortführung der Niedriglohnpolitik bedeutet, dass
der Staat systematisch Hungerlöhne aufstocken muss, weil die
Arbeitgerber den Arbeitnehmern den Lohn für die geleistete Arbeit
vorenthalten. Hier liegt der eigentliche Missbrauch von Hartz IV. Damit
muss Schluss sein!
Als zweites muss sofort die Bundesagentur für Arbeit gestützt werden.
Die Regierung hat sie praktisch in den Konkurs getrieben und die
Arbeitslosigkeit steigt. Wer verhindern will, dass die Leistungen
drastisch gekürzt werden, muss in der Krise echtes Geld fließen lassen,
nicht Darlehn versprechen, die niemals zurück gezahlt werden können.