www.linksfraktion.de, 3. August 2009
Monika Knoche, Linksfraktion im Bundestag
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Ende Juni hat das Bundesverfassungsgericht den Ratifizierungsprozess
des Lissabon-Vertrags gestoppt. Karlsruhe beanstandet, dass der
EU-Vertrag die Beteiligungsrechte von Bundestag und Bundesrat
gravierend verletzt. Was heißt das konkret?
Zunächst: Hätte die Fraktion DIE LINKE nicht vor dem höchsten Gericht
geklagt, wäre der Vertrag ratifiziert worden. Die EU hätte
Ermächtigungen bekommen, die mit der Verfassung nicht vereinbar sind.
Das sogenannte Begleitgesetz, das die Rolle des Parlaments beschreibt,
ist als verfassungswidrig verworfen worden. Jetzt muss ein neues
gemacht werden, das ausreichend streng die demokratischen,
parlamentarischen Verfahren festlegt bevor die Bundesregierung auf
EU-Ebene tätig werden darf. Das ist ein großer Erfolg der Linken im
Bundestag.
Der Richterspruch ist doch aber nicht mehr als ein Phyrrussieg für
DIE LINKE. In einer Sondersitzung des Bundestages noch im August wird
eine breite Mehrheit von Union, SPD, FDP und Grüne mit hoher
Wahrscheinlichkeit die beanstandeten Beteiligungen des Parlaments
korrigieren und die Ratifizierung danach fortgesetzt werden.
Oh nein. Das Bundesverfassungsgericht hat den Vertrag von Lissabon
interpretiert. Sehr restriktiv. Eine Absage an Supranationalisierung
und eine Stärkung von Bundestag und Bundesrat sind bei z.B.
Menschenrechten und Grundrechten vom Bundesverfassungsgericht
festgelegt worden. Die anderen Parteien müssen sich stark bewegen, um
den Verfassungsanforderungen gerecht zu werden. Das wird interessant
werden und betrifft ja auch die Interessen der Bundesländer.
Mit welchen Forderungen geht DIE LINKE in die Sondersitzung des Bundstages Ende August?
Wir wollen eine maximale gesetzliche Umsetzung des Gerichtsurteils erreichen.
Das schließt ein imperatives Mandat ein. Das heißt, die Bundesregierung
muss über Einzelgesetze die Legitimation für Brüssel erhalten:
Keine Militärintervention ohne UN-Mandat und Parlamentsvorbehalt.
Volksabstimmung verankern. Alle maßgeblichen EU-Entscheidungen müssen
vorab auch der breiten Öffentlichkeit zugänglich sein. Erleichterte
Klagebefugnis vor dem Bundesverfassungsgericht bei EU-Fragen usw.
Gibt es überhaupt noch eine Chance, den Lissabon-Vertrag an sich zu kippen?
Wir Linke werden nur dann einem Begleitgesetz zustimmen, wenn die
demokratischen Grundlagen maximal gestärkt sind – so, wie es das
Verfassungsgericht ermöglicht hat. Die anderen Parteien müssen viel
nacharbeiten, denn sie haben bislang die Tragweite des Urteils noch
nicht begriffen. Jetzt heißt es: Gründlichkeit geht vor
Geschwindigkeit. Es kann noch dauern bis der Bundespräsident seine
Unterschrift hinterlegen kann. Auch muss Irland noch eine
Volksabstimmung durchführen.
Nimmt man die sinkende Beteiligung an den Europawahlen als Maßstab,
ist es doch eigentlich nachvollziehbar, dass die Regierungen der
Mitgliedstaaten und die Kommission in Brüssel die Geschicke der
Europäischen Union fest unter sich aufgeteilt haben. Hinzu kommt das
Europaparlament, das ja auch keine reine Quatschbude ist. Die
Bürgerinnen und Bürger scheinen sich doch ohnehin nicht für Europa zu
interessieren.
Ich glaube, dass die BürgerInnen keinen europäischen Staat wollen. Sie
wissen die nationale Verantwortung für Europa als demokratische
Errungenschaft zu schätzen. Das EU-Parlament kann und darf nicht
darüber stehen. Wenn im Bundestag endlich echte EU-Politik stattfindet,
konkrete Schritte durch das Parlament beschlossen werden und die
Regierung nicht nur rechenschaftspflichtig ist sondern auch mit
Einzelermächtigung ausgestattet wird, nimmt das Interesse zu Europa zu.
SPD-Außenminister Steinmeier und seine EU-Kollegen haben es gerade
wieder vorgemacht: Die Regierenden in Europa können Entscheidungen
treffen, für die es keine handlungsfähige Kontrollinstanz gibt. Oder
kann die Weitergabe der europäischen Bankdaten an US-Terrorfahnder noch
verhindert werden?
Außenminister Steinmeier hat in Karlsruhe dem Urteilsspruch beigewohnt.
Er weiß, dass sein Verhalten in Brüssel mit der neuen Rolle, die der
Regierung zukommt, nicht vereinbar ist. Die Verletzung des
Datenschutzes ist aber auch nach den alten bisherigen Regeln ein
Politikum. Als Vertreter des deutschen Rechtsstaates in Brüssel hat er
sich nicht qualifiziert. Wir lassen da nicht locker, wenn am 26.8. die
Sondersitzung im Deutschen Bundestag ist.
DIE LINKE wird den Ruf nicht los, sie wäre europafeindlich. Wie
wollen Sie den Erklärungsdruck durchbrechen, der hier dauerhaft gegen
Sie aufgebaut wird?
Ich lehne eine solche Selbstzuschreibung ab. Sie hat nichts mit der
konkreten Friedens-, Sozial und demokratischen Wirtschaftspolitik zu
tun, die wir für Europa fordern.
In Erklärungsdruck sind jetzt diejenigen, die ein verfassungswidriges
Europa herbeizwingen wollten. Wir sind pro-europäisch und
verfassungstreu. Marktradikalität, Militarisierung und Atomlobbyismus
auf EU-Ebene aber lehnen wir weiterhin strikt ab.