Interview, linksfraktion.de, 2. Juni 2009
Lothar Bisky, für DIE LINKE Mitglied im Europaausschuss des
Bundestages, über das Verhältnis der LINKEN zur Europäischen Union,
Lehren aus der Krise für die weitere EU-Entwicklung und seine Vorhaben
als künftiger EuropaparlamentarierSie wollen
demnächst vom Bundestag ins EU-Parlament wechseln. Warum reizt Sie die
Arbeit im "Raumschiff Europa" mehr als die konkrete Arbeit in
Berlin?
Im "Raumschiff Europa" treffen Astronauten auch auf Kosmonauten,
auf andere politische Kulturen und Sichten auf unseren Kontinent. Damit
entsteht automatisch ein Perspektivwechsel - auch auf die herrschende
deutsche Politik, die sich so gern als Opfer der Globalisierung
darstellt und in Wirklichkeit ein Motor für Rentenkürzungen,
Billiglöhne und neoliberale Politik europaweit ist. Insofern packe ich
die konkrete Arbeit in Berlin in ihrer europäischen Dimension. Politik
für ein soziales und friedliches Europa, für eine demokratische EU mit
ökologischer Vernunft spürt man auch vor Ort.
DIE LINKE wird häufig als europafeindlich beschrieben. Das sehen Sie
sicherlich anders, sonst würden Sie nicht kandidieren. Wie definieren
Sie Ihr Verhältnis zur EU?
„Raus aus der EU" ist politische Unvernunft. Solche Haltungen
verkennen die Potenziale der europäischen Integration. In der
Europäischen Union Politik machen, heißt zugleich ausgesprochen
kritisch gegenüber der herrschenden EU-Politik zu sein, solange das
Soziale hinter die Freiheiten des Marktes verbannt wird und
unkontrollierbare Aufrüstung zu Vertragsgrundlage werden soll. Jetzt -
mitten im Wahlkampf - vermisst selbst die SPD eine soziale
Fortschrittsklausel im Lissabon-Vertrag und will ihn nachbessern. Die
gleiche Kritik, von der LINKEN ausgesprochen, tituliert man mit
Europafeindlichkeit. Das ist schon absurd und irrational. Es wird
eigentlich nur noch von der plötzlichen Amnesie getoppt, die die SPD
dann regelmäßig nach den Wahlkämpfen befällt, wenn es darum geht, die
soziale Fortschrittsklausel in die vertraglichen Grundlagen der EU zu
bekommen.
Der Eindruck, dass DIE LINKE ihre Schwierigkeiten mit der EU hat,
ist ja nicht zuletzt wegen der Ablehnung des Vertrags von Lissabon
entstanden. Warum überwiegen aus Ihrer Perspektive die Nachteile des
Vertrags?
Was der Vertrag von Nizza noch untersagt - ein hochgerüstetes
Kerneuropa der wirtschaftlich Mächtigen - das soll jetzt mit Lissabon
endgültig auch vertraglich geebnet werden. Das halte ich für
grundfalsch. Das Gebot der Stunde heißt nicht Aufrüstung, sondern
Abrüstung. Jetzt, da endlich auch osteuropäische Staaten in die
Integrationsbemühungen eingebunden sind, kann die EU nicht ernstlich
die "Verbesserung militärischer Fähigkeiten" einiger einfordern.
Diese Politik ist nicht nur das falsche Signal, sie gefährdet die
Chancen der Integration - auch viele Chancen, die mit
Vertragsverbesserungen durch Lissabon verbunden wären, wie mehr
demokratische Rechte des Europaparlaments, denn die Aufrüstungsgebote
stehen beispielsweise außerhalb jeder parlamentarischen Kontrolle.
Sie waren jetzt knapp vier Jahre Mitglied des Bundestages: Welche
Forderungen der Fraktion DIE LINKE im Bundestag sehen Sie auch in einem
europäischen Zusammenhang?
Der gesetzliche Mindestlohn muss in allen EU-Mitgliedsstaaten
durchgesetzt werden. Also braucht man europäische Weichenstellungen,
denen sich kein Nationalstaat verweigern kann, wenn es um bessere
soziale Mindeststandards geht. Die EU braucht andere finanz- und
wirtschaftspolitische Orientierungen: Beschäftigung, soziale und
ökologische Kriterien sind die Wachstumspotentiale von Morgen. Wohin
eine radikale Wettbewerbsorientierung führt, die sich nur noch an
Vierteljahresumsätzen und Renditeerwartungen misst, erleben wir gerade.
Damit bleibt von der Energiesicherheit von Morgen bis zur guten Bildung
für alle, von der Grundlagenforschung über Gesundheitsvorsorge bis zum
Kulturaustausch alles auf der Strecke.
Dieser blinde Marktradikalismus untergräbt die demokratischen
Grundlagen unserer Gesellschaften und frisst die Substanz des sozialen
Zusammenhalts Stück für Stück auf. Darunter leiden am Ende viele gute
regionale Entwicklungen die mit EU-Mitteln selbst mitfinanziert wurden.
DIE LINKE macht vor Ort dieselbe Politik wie in ganz Europa: konsequent
sozial! Deshalb ist eine Stimme für DIE LINKE am 7. Juni genauso
wichtig, wie am 27. September.
Welche Themen und Projekte haben Sie sich für Ihre Tätigkeit als Europaparlamentarier vorgenommen?
Was wir in Deutschland tun müssen, um ein gebührenfinanziertes
öffentlich-rechtliches Fernsehen wieder akzeptabel und kulturell
wertvoll zu machen, dass können wir bis ins Detail aufzählen und uns
dafür einsetzen. Doch zugleich wird über die Medien von Morgen auch in
der EU entschieden. Mein Bedarf an einem Telekom-TV oder einem
Personenschutz alias Google ist ziemlich klein. Dafür könnte der
europäische Film weiter wachsen. Das wären meine ganz persönliche
Ideen, die für mich ein Teil eines solidarischen Europas der
kulturellen Vielfalt ausmacht. Deshalb setze ich mich natürlich -
gemeinsam mit meinen anderen Kolleginnen und Kollegen - dafür ein, dass
Armutsbekämpfung in der EU und weltweit politisch ganz oben steht. Das
ist echte Krisenbekämpfung. Wenn wir die Arbeit in einer starken linken
Fraktion gut aufteilen, dann ist das Europa der Bürgerinnen und Bürger
- für Junge und Alte, für abhängig Beschäftigte, für Migrantinnen und
Migranten, für viele Menschen - eine gute Erfahrung, für die es lohnt,
sich politisch einzumischen.