www.linksfraktion.de, 11. Mai 2009
Das Kabinett hat in der vergangenen Woche mit der Rentengarantie ein
weiteres Wahlgeschenk versprochen: ist die Zusage, dass es keine
Rentenkürzungen geben wird, angesichts der Wirtschaftskrise realistisch?
Zunächst ist dieses »Geschenk« hochgradig vergiftet. Die jetzt
präsentierte Lösung heißt nur: Auch bei sinkenden Löhnen werden die
Renten nicht gekürzt, sondern in der Höhe des Vorjahres weiter gezahlt.
Die nicht vorgenommene Kürzung fällt allerdings nicht unter den Tisch.
Sie wird von späteren Erhöhungen abgezogen.
Sie haben am Mittwoch im Ausschuss für Arbeit und Soziales den
Eindruck gewonnen, dass Minister Scholz bei seinen Überlegungen von
falschen Annahmen ausgeht: dass nämlich das in diesem Jahr gezahlte
Kurzarbeitergeld zusammen mit den gezahlten Löhnen die Basis für die
Rentenberechnung sei. Das Ministerium musste einräumen, dass nur die
Löhne und tarifliche Zulagen, nicht aber das Kurzarbeitergeld selbst
berücksichtigt wird. Was bedeutet dies in Hinblick auf die mögliche
Rentenentwicklung?
Minister Scholz hatte im Vorfeld erklärt, dass ein Absinken der Löhne
unwahrscheinlich und wahlkampfbedingte Panikmache sei. Damit läge er
nicht falsch, wenn in die Berechnung alles einfließen würde, was eine
Person in Kurzarbeit tatsächlich erhält. Für die Berechnung maßgeblich
ist nur der verbleibende Lohn und tarifliche Aufstockungsbeträge nicht
aber das Kurzarbeitergeld! Ein Kurzarbeiter mit Arbeitszeit Null und
67% Kurzarbeitergeld hat real 33% weniger in der Tasche. In der
Rentenformel wird er aber so behandelt, als hätte er 100% weniger Lohn.
Auf diesem Hintergrund sind sinkende Löhne eine leider realistische
Gefahr und keine Panikmache. So ganz schien dies dem Ministerium nicht
bewusst gewesen zu sein.
Was ergibt sich daraus für die Rentnerinnen und Rentner in den kommenden Jahren?
Wir haben schon jetzt im Westen 3 Prozent unterbliebene Kürzungen, die
an Dämpfung nachgeholt werden müssen. Im Osten liegt dieser
»Nachholbedarf« auch nur unwesentlich niedriger. Falls es überhaupt
Erhöhungen geben sollte – und selbst Franz Müntefering geht ja
inzwischen eher von Nullrunden aus – würden diese jeweils zur Hälfte
angerechnet, d. h. die Erhöhung wird halbiert. Unter diesen
Voraussetzungen wird beim besten Willen keine Rentnerin und kein
Rentner mehr das Gefühl haben, dass die Rente noch den Löhnen folgt.
Es gab schon vor drei Wochen mit der Rentenanpassung 2009 ein
deutliches Zugehen der Koalition auf die Rentnerinnen und Rentner. Die
letzte signifikante Rentenerhöhung fand im Jahr der Bundestagswahl 2002
statt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt?
Rentnerinnen und Rentner müssen sich selbst fragen, ob sie einer
Regierung vertrauen, die sie nur in Wahljahren nicht im Regen stehen
lässt. Willkürlich hat man für 2 Jahre den sog. Riesterfaktor
ausgesetzt, was die Renten in beiden Jahren um rund 0,65 Prozent
erhöht. Das perfide an diesem »Geschenk« ist allerdings, dass die
Rentnerinnen und Rentner dieses Wahlgeschenk auf Euro und Cent
zurückzahlen müssen. Denn der Riesterfaktor wird zwar aufgeschoben,
aber eben nicht aufgehoben. Für mich wird zunehmend unerträglicher, wie
die Bundesregierung in immer kürzeren Abständen an der Oberfläche
rummurkst statt das Problem grundsätzlich anzugehen.
Was wäre aus Ihrer Sicht nötig, um eine angemessene Rente sicherzustellen?
Als Sofortmaßnahme gehört nicht nur der Riesterfaktor sondern alle
Dämpfungsfaktoren aus der Rentenformel raus. Das hätte eine
verhältnismäßig bescheidene Beitragssatzerhöhung zur Folge. Aktuell
müssten Arbeitnehmer weniger als ein Prozent mehr zahlen und auch 2030
wären es gerade einmal 1,6 Prozent plus. Da man sich dann aber die
private Zusatzversorgung ersparen könnte, hätten letztlich die
Arbeitnehmer netto sogar mehr in der Tasche. Längerfristig wären zur
Stabilisierung der Rentenversicherung aber weitere Maßnahmen notwendig,
die in den »10 Punkten für eine solidarische und sichere Rente«
nachzulesen sind.