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Mindestlohn
Deutschland wird immer mehr zum europäischen Ärgernis.
Dass sich die Bundesregierung und der Sachverständigenrat darüber
streiten, ob das Land ein Mikro- oder ein Mini-Konjunkturprogramm
starten soll, macht die Sache nicht besser: Die größte Wirtschaft des
Kontinents bleibt Europas größter Bremsklotz.
Ein Blick in das Jahresgutachten 2008 des
Sachverständigenrates zeigt immerhin, dass sich die verkrusteten
Denkstrukturen ein wenig lockern. Der Würzburger Volkswirt Peter
Bofinger ist nicht mehr der einzige, der mit einer Minderheitenmeinung
an alten Dogmen rüttelt. Auch der Vorsitzende der Runde, der
Darmstädter Ökonom Bert Rürup gehört mit seinem Votum für einen
Mindestlohn jetzt zu den Dissidenten.
Der Schlagabtausch zu dieser Frage ist vor allem deshalb
interessant, weil er Einblick gibt in das intellektuelle Niveau einer
Debatte. Die Mehrheit des Rates lehnt einen Mindestlohn - von 4,50 Euro
pro Stunde - kategorisch ab, weil das den Verlust von bis zu 842.000
Arbeitsplätzen verursachen würde. Als Beleg werden drei "empirische"
Studien angeführt. Die Minderheit widerspricht im Wesentlichen mit zwei
Argumenten. Rürup zeigt, dass die erwähnten Expertisen das Ergebnis
schon in ihren Annahmen einprogrammiert haben. Sie greifen zu diesem
Zweck auf ein unübliches theoretisches Modell zurück. Würde man
dieselben Fakten in das Modell einspeisen, das sie normalerweise
anwenden, wäre das Ergebnis unbestimmt. Man könnte weder sagen, dass
Mindestlöhne Jobs schaffen, noch dass die solche vernichten.
Bofinger wiederum schaut nach, wie sich Deutschland als Land
ohne Gehaltsuntergrenze in punkto Beschäftigung, Lohn und Nachfrage von
anderen Ländern unterscheidet. Die wichtigsten Ergebnisse: Zwischen
2000 und 2007 sind die Löhne in der Bundesrepublik im Jahresmittel um
0,8 Prozent gestiegen. Im übrigen Euro-Raum, in Großbritannien und in
den USA lagen die Zuwachsraten zwischen 3,2 und 4,0 Prozent. In
Deutschland wuchs die Beschäftigung im selben Zeitraum lediglich um 0,2
Prozent pro Jahr, in Großbritannien und den USA waren es dagegen 0,9
Prozent, im Euro-Raum ohne die Bundesrepublik sogar 1,5 Prozent.
Diese Fakten stehen im Widerspruch zur These, wonach moderate
Lohnzuwächse Arbeitsplätze schaffen. Sie zeigen vielmehr, dass niedrige
Löhne das Wachstum der Binnennachfrage in einem Ausmaß beinflussen, das
von den Exportüberschüssen bei weitem nicht kompensiert wird.
Nun würde man erwarten, dass ein Expertengremium diese
Einwände würdigt - und gegebenenfalls mit Gegenargumenten entkräftet.
Doch nichts davon. Die Mehrheit entscheidet, nicht die Argumente.
Bofinger und Rürup werden mit Platituden niedergewalzt: "Mit den
Arbeitsmarktreformen hat der Gesetzgeber einen insgesamt betrachtet
zielführenderen Weg eingeschlagen, anstatt das Rad wieder
zurückzudrehen, muss der Kurs beherzt fortgesetzt werden." Herz kommt
offenbar vor Verstand.
Bofingers Zahlen zeigen, dass die Bundesrepublik - mit dem
Segen des Sachverständigenrates - jährlich rund 400 Milliarden Euro
Binnennachfrage gegen 170 Milliarden Exportüberschuss getauscht hat.
Damit macht Deutschland nicht nur im eigenen Land, sondern auch
weltweit Millionen von Jobs kaputt. Statt ernsthaft darüber zu
diskutieren, wie dieser Aderlass gestoppt werden kann, fordern die
Sachverständigen jetzt ein Konjunkturpäckchen von 25 Milliarden Euro.
Wer den Balken im eigenen Auge nicht sieht ...