Klar, November 2008
Professor Thomas Gerlinger, Direktor des Instituts für Medizinische
Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, über die
Gesundheitspolitik der Bundesregierung, den Gesundheitsfonds und den
Traum der ArbeitgeberDie Bundesregierung hat einen Gesundheitsfonds eingeführt, der die
Gelder aller Krankenkasse verwalten soll. Welche Probleme des
Gesundheitssystems kann dieser Fonds lösen?Prof. Thomas Gerlinger: Der Fonds löst die Probleme des
Gesundheitssystems nicht. Die Finanzierungsgrundlage der Gesetzlichen
Krankenversicherung bleibt unsicher: Weder wird ihr Mitgliederkreis
erweitert noch werden neben dem Arbeitseinkommen andere Einkommensarten
für die Beitragsbemessung herangezogen. Der Fonds stellt keinen Schritt
in Richtung Bürgerversicherung dar.
Sehen Sie im Fonds gar nichts Positives?
Na ja, es ist gut, dass es einen bundesweit einheitlichen Beitragssatz
geben wird. Das sorgt für mehr Solidarität zwischen jungen und alten,
gesunden und kranken Menschen.
Trotz der einheitlichen Beiträge können die Krankenkassen ab dem
nächsten Jahr von den Versicherten Zusatzbeiträge in Höhe von bis zu
einem Prozent ihres Bruttolohns einfordern. Ist das sozial gerecht?
Nein. Es ist absehbar, dass viele Krankenkassen Zusatzbeiträge erheben
werden. Aber zahlen müssen den Zusatzbeitrag nur die Versicherten,
nicht die Arbeitgeber. Faktisch erfüllt die Gesundheitsreform der
Bundesregierung damit eine alte Forderung der Arbeitgeber: Ihr Anteil
an der Krankenversicherung steigt nicht, für Defizite der Kassen müssen
alleine die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zahlen.
Das Ende der paritätischen, also gleichteiligen Finanzierung der Krankenversicherung durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber?
Der Grundsatz der paritätischen Finanzierung ist in den letzten Jahren
bereits stark geschwächt worden, etwa bei der Praxisgebühr oder den
Zuzahlungen bei Arzneimitteln. Mit dem Gesundheitsfonds wird dieser Weg
fortgesetzt.
Das Interview erscheint gedruckt in der 11. Ausgabe der Zeitung Klar am 14. November 2008.-------