linksfraktion.de, 3. November 2008
Am 9. November 2000 demonstrierten in Berlin mehrere hunderttausend Menschen für Menschlichkeit und Toleranz. Erinnern Sie sich?
Selbstverständlich erinnere ich mich an die Demonstration, an die
Hoffnung, dass endlich Menschlichkeit und Toleranz unsere Gesellschaft
vollständig dominieren. Aber das werde ich wohl nicht mehr erleben.
Diese Großdemonstration ging auf eine gemeinsame Initiative aller im
Bundestag vertretenen Parteien zurück. Regierungs- und
Oppositionsparteien haben seinerzeit sogar zusammen an der Vorbereitung
und Mobilisierung gearbeitet. Heute – acht Jahre später – reicht es
nicht einmal mehr zu einem gemeinsamen Antrag aller Fraktionen zum 70.
Jahrestag der so genannten Reichspogromnacht. Was ist geschehen?
Die Union forciert die Auseinandersetzung mit der Linkspartei, ist
geprägt durch Hass und einen Mangel an Verantwortung für
gesellschaftliche Entwicklungen. Deshalb hat sie das Bündnis mit
unserer Partei in Sachsen gegen die NPD aufgekündigt, deshalb ist sie
nicht bereit, mit uns gemeinsam Antisemitismus in der Gesellschaft zu
bekämpfen.
Sie haben an die Union appelliert, “dafür zu sorgen, dass der
Bundestag geschlossen in die Gesellschaft, nach Israel und in andere
Länder das Signal sendet, dass alle relevanten politischen Kräfte
Deutschlands gegen Antisemitismus kämpfen”. Ist ein solches Signal
wirklich notwendig?
Ein solches Signal ist dringend erforderlich, um den immer wieder neu
entstehenden Antisemitismus zu überwinden. Antisemitismus, Rassismus,
Ausländerfeindlichkeit, Homophobie - all das sind Erscheinungen des
Mittelalters, die auch das 20. Jahrhundert prägten. Es muss endlich
einen Neuansatz im 21. Jahrhundert geben.
Ihre letzte Nahostreise liegt noch nicht lange zurück. Welche
Perspektiven für Israel wurden Ihnen denn von Politikerinnen und
Politikern in den moslemischen Nachbarländern aufgezeichnet?
Immer mehr Politikerinnen und Politiker der arabischen Nachbarländer
akzeptieren das Existenzrecht Israels. Alles andere wäre auch falsch,
ist auch gar nicht realisierbar. Ebenso muss akzeptiert werden, dass
die Palästinenserinnen und Palästinenser einen lebensfähigen eigenen
Staat benötigen. Wenn beides erreicht ist, kann es endlich auch Frieden
im Nahen Osten geben, und zwar zum Wohle aller, die dort leben.
Hat DIE LINKE eine eindeutige Haltung gegenüber Israel?
Die Haltung gegenüber Israel ist insofern eindeutig, als wir alle das
Existenzrecht Israels bestätigen, als wir alle die besondere
historische Verantwortung der Deutschen gegenüber Jüdinnen und Juden
akzeptieren, als wir alle wissen, dass Geschichte immer wieder der
Aufarbeitung bedarf. Andererseits gibt es Kritik an Israel, weil die
Rechte der Palästinenserinnen und Palästinenser nach wie vor nicht
durchgesetzt sind.