Von Wolfgang Storz Freitag 31/2008
Die große Koalition stolpert irgendwie in Richtung Mindestlohn, ohne je
das Ziel zu erreichen. Für Empfänger des Arbeitslosengeldes II gibt es
eventuell etwas mehr Geld, wird doch das tägliche Leben ständig teurer,
aber erst wenn die Politik sich dies in aller Ruhe überlegt hat. Was
die beiden Themen miteinander zu tun haben? Es geht jedes Mal um die
Schwachen und Schwächsten.
Was haben sie noch miteinander zu tun? Die Hartz-IV-Gesetze
sind eines der wirkungsvollsten Instrumente, um Dumping-Löhne
durchzusetzen. Denn vor Hartz IV haben viele Angst: die Überwachung,
das entwürdigende penible und peinliche Durchstöbern des Alltages, die
letztlich kleinkarierten Hilfen, überreicht unter dem Generalverdacht,
sie würden doch nur missbraucht werden. Da fliehen viele vorher in den
nächst schlechtesten Job.
Und so wie diese beiden Probleme, so hängen auch die
Instrumente zusammen, die sie lösen sollen: Mindestlohn und
bedingungsloses Grundeinkommen. Letzteres gibt Menschen wenigstens die
kleine Chance, hin und wieder Nein zu sagen. Und der Mindestlohn
verhindert, dass wiederum das Grundeinkommen von den Unternehmen für
eine erpresserisch-augenzwinkernde Lohnfindung missbraucht wird: Du
erhältst sowieso 750 Euro Grundeinkommen, dann kannst Du bei mir doch
für 3,50 Euro arbeiten.
Die Logik legt also die Idee nahe, dass ein politisches Paket
aus Mindestlohn und Grundeinkommen ein ideales Fundament wäre, um den
Schwächeren in dieser Republik wirksam zu helfen; egal ob als
erwerbstätiger oder nicht-erwerbstätiger Bürger.
Spiegelt sich diese Logik auch in der politischen Landschaft
wider? Für das eine Instrument, den Mindestlohn, kämpfen die
Gewerkschaften. Für das andere Instrument tritt eine inzwischen zwar
breite, aber zugleich ziemlich "buntscheckige Koalition"
(Wissenschaftler Claus Offe) aus Bürgerinitiativen, Parteiflügeln und
Kirchengruppen ein. Und: Ziehen diese beiden Kräfte an einem Strang?
Bestenfalls tun sie dies nicht und ignorieren sich nur, meist bekämpfen
sie sich mit Verve. Also viel schlechte Stimmung und ziemlich tiefe
Gräben. Obwohl sich beide im Ziel einig sind, zerstreiten sie sich über
die Instrumente. Ein unpolitischer Jammer. Vielen Verfechtern des
Grundeinkommens ist die Bedeutung des Mindestlohnes für ihr eigenes
Konzept nicht klar. Und sie schätzen die Fragen gering, welche
Gewerkschaften wichtig sind: Ist das überhaupt finanzierbar? Wo bleibt
der Leistungsgedanke, wenn jeder ohne etwas zu tun und Bedürftigkeit
nachweisen zu müssen, ein Einkommen erhält. Viele Gewerkschafter sehen
darin nicht etwa die emanzipatorische Neuerfindung des Sozialstaates,
sondern ein trojanisches Pferd von Neoliberalen oder ein neugegründetes
Reich für Faulenzer.
Könnten die beiden Kräfte so zusammen kommen? Das Konzept des
Grundeinkommens wird maßgeschneidert: Es wird ohne Bedingungen
ausbezahlt. Es wird jedoch mit der Erwerbs-Gesellschaft verflochten -
und respektiert damit den Wert der Leistung. Und es wird bezahlbar,
weil nur eine Minderheit das volle Grundeinkommen erhält. Das alles
geht mit dem Muster der negativen Einkommenssteuer. Ein schrecklicher
Begriff, eine gute Idee: Alle erwachsenen Bürger mit einem langjährigen
Lebens-Mittelpunkt hier zu Lande erhalten beispielsweise ein
Grundeinkommen von 750 Euro; für jedes Kind 250 Euro. Wer darüber
hinaus verdient oder andere Einkünfte hat, der muss diese versteuern;
nach dem von Ver.di und Attac ausgearbeiteten Modell der solidarischen
Einfachsteuer. Die Steuerlast wird immer um die Summe des
Grundeinkommens verringert. Erwerbstätige bis zu einem mittleren
Einkommen werden dadurch spürbar entlastet. Aber: Je höher das
Einkommen, desto stärker schmilzt der Anspruch der Einzelnen an den
Staat ab. Also hat jeder in jeder Lebensphase verlässlich ein - wenn
auch nicht sehr hohes - Einkommen; ohne schmähliche Prüfungen. Die
Gesetze der Erwerbsgesellschaft bleiben in Kraft. Wer arbeitet,
verdient mehr als jene, die "nur" von Grundeinkommen leben. Weitere
Vorteile: Viel leichter als heute, könnten sich Arbeitnehmer kürzere
Arbeitszeiten im Wortsinne leisten. Vor allem Frauen, die oft sehr
wertvolle, aber sehr schlecht bezahlte Pflege- und Erziehungsarbeit
leisten, würden so ein Stück Unabhängigkeit hinzu gewinnen; ein
wichtiger Beitrag zur Geschlechter-Demokratie.
Vor drei Jahren war der Mindestlohn kein Thema. Heute ist er
von der politischen Agenda nicht wegzudenken. Eine ähnliche Karriere
legte das Grundeinkommen hin. Beide Konzepte berühren offensichtlich
den Nerv der Zeit - würden sie sonst Politik und Menschen des Landes so
anhaltend umtreiben? Mit diesem maßgeschneiderten Doppelpack könnte die
Arbeitsgesellschaft wieder auf die Beine gestellt werden.