Von Michael Schlecht, junge Welt
Heute ist Altersarmut noch sehr begrenzt. Gerade einmal zwei Prozent
der Rentnerinnen und Rentner sind auf Leistungen der Grundsicherung
angewiesen – also auf Alterssozialhilfe. Deren Höhe liegt
einschließlich der Hilfen für die Unterkunft bei rund 650 Euro im
Monat. Für die Zukunft droht jedoch ein massiver Anstieg der
Altersarmut in Deutschland. Alle Beschäftigten, die in den nächsten 20
Jahren weniger als drei Viertel eines Durchschnittsverdienstes – nach
heutigem Geldwert knapp 1900 Euro brutto im Monat – erhalten, droht
2030 eine Rente, die nur der Grundsicherung entspricht. Der
Paritätische Wohlfahrtsverband geht davon aus, daß in 15 Jahren zehn
bis 15 Prozent der alten Menschen auf die Grundsicherung angewiesen
sind. Besonders werden Frauen betroffen sein.
Die
Partei Die Linke hat ein Reformprogramm entwickelt, wonach niemandem im
Alter weniger als 800 Euro im Monat zur Verfügung stehen. Diese
Sicherheit soll in einem mehrstufigen Verfahren erreicht werden.
Zunächst geht es – wie es in programmatischen Überlegungen der
Linkspartei heißt – um »Gute Arbeit und Gute Löhne«, damit eigene
Rentenanwartschaften aufgebaut werden können (dazu jW-Thema v.
17.4.2008). Sind diese nicht ausreichend vorhanden, muß innerhalb des
Rentenversicherungssystems der Solidarausgleich greifen. Zu niedrige
Erwerbseinkommen müssen rückwirkend höher bewertet und Ausfallzeiten
wieder stärker bei der Rentenberechnung anerkannt werden. Damit ergeben
sich höhere Rentenleistungen, die keiner Bedarfsprüfung unterliegen,
sondern auf die ein unmittelbarer Rechtsanspruch besteht.
Ist
dann die Rente immer noch zu niedrig, muß die Grundsicherung
einspringen, die steuerfinanziert ist. Diese gibt es nach
entsprechender Bedarfsprüfung. Die Regelungen zur Nichtanrechnung von
Einkommen und Vermögen müssen ausgeweitet werden, damit insbesondere
die Inanspruchnahme des Vermögens unverheirateter Lebenspartner
ausgeschlossen wird. Der Unternehmer zum Beispiel, der bis zum 30.
Lebensjahr Beschäftigter war und in die Rentenkasse einbezahlt hat,
lebt im Alter von Erträgen aus privaten Lebensversicherungen oder
ähnlichem. Er braucht keine Grundsicherung. Für diejenigen, die sie
benötigen, soll sie auf 435 Euro im Monat ansteigen. Zuzüglich der
Kosten für die Unterkunft wird sich dann ein Mindestbetrag von 800 Euro
im Monat ergeben.
Ziel ist die Erwerbstätigenversicherung. Auch
Selbständige sollen pflichtversichert werden. Die
Beitragsbemessungsgrenze soll schrittweise angehoben und die
Rentenleistungen sollen im oberen Bereich abgeflacht werden.
Rentenbeiträge für Finanzjongleure
Aber die Bedrohung geht
viel weiter. Wenn in absehbarer Zeit keine Umkehr in der Rentenpolitik
erfolgt, ist das System der gesetzlichen und solidarischen Rente extrem
gefährdet – der angelsächsische Weg der privaten, kapitalgedeckten
Altersvorsorge droht. In den USA gibt es zwar auch eine
Rentenversicherung nach dem Umlageprinzip, jedoch stellt sie nur eine
»erste Sicherheitsbarriere« dar, um Armut zu vermeiden. Eine Sicherung
des Lebensstandards ist damit nicht möglich. Um dies zu erreichen, sind
abhängig Beschäftigte gezwungen, zusätzlich kapitalgedeckt vorzusorgen.
Riesige Vermögen werden so in sogenannten Pensionsfonds angesammelt,
die auf dem Finanzmarkt nach Anlagemöglichkeiten mit hohen Renditen
suchen.
Einer
der größten Pensionsfonds, CalPERS, ist in Kalifornien ansäßig. Rund
1,5 Millionen Beschäftigte des öffentlichen Dienstes sichern über
diesen Fonds ihre Altersvorsorge. Das Anlagevermögen beträgt 250
Milliarden US-Dollar. Rund die Hälfte ist in Aktien investiert. Darüber
hinaus bestehen Beteiligungen an Private-Equity-Unternehmen, also den
berüchtigten »Heuschrecken«, und auch an Spekulationsgeschäften.
Die
Finanzmärkte werden so immer mehr aufgebläht, da die Menschen durch
eine solche verfehlte Rentenpolitik zusehends in die private
Alterssicherung gedrängt werden. Sie müssen sparen, ihr Geld in Fonds
anlegen oder Versicherungen abschließen. Allein ein Viertel des
weltweit angelegten Vermögens steckte 2005 in Pensionsfonds – über 20
Billionen Dollar. Ob es tatsächlich zu den erwarteten
Rentenauszahlungen kommen wird, bleibt ungewiß – so ungewiß wie die
Entwicklung auf den Finanzmärkten. Gewiß ist aber, daß die
Pensionsfonds ihre Gelder anlegen müssen. Unter Umständen sogar genau
in den Hedge- oder Private-Equity-Fonds, der gerade den Arbeitsplatz
der künftigen Pensionäre zwecks Gewinnsteigerung vernichtet.
Bei
der Auseinandersetzung um die Zukunft der Rente geht es vor allem
darum, ob dem Kapital die »Landnahme« im Bereich der Altersvorsorge
gelingt. Wäre sie erfolgreich, würde sich die Bedrohung der Altersarmut
in noch ganz anderer Dimension darstellen, als sie heute droht. Kampf
um den Erhalt der gesetzlichen Rentenversicherung muß das vorrangige
Ziel sein, gerade auch im Kampf gegen den Finanzmarktkapitalismus.
Lebensstandardsicherung
In den letzten sieben Jahren ist das
Leistungsniveau der Rente bereits erheblich abgesenkt worden. Bis 2030
ist mit den gegenwärtigen Gesetzen eine weitere Verschlechterung um 20
Prozent vorgesehen. Eine Lebensstandardsicherung ist perspektisch so
nicht mehr möglich.
Man
müsse eben zusätzlich privat vorsorgen, so die Empfehlung der
Regierung. Sechs Prozent des Bruttoeinkommens für private
Altersvorsorge ist notwendig, um die Leistungsverschlechterungen bei
der gesetzlichen Rente auszugleichen. Viele Menschen zweifeln an der
Rente. »Wenn schon privat vorsorgen, weshalb nicht gleich ganz privat?«
So fragen viele. Die mediale Offensive dazu läuft seit Jahren. Die
Bild-Zeitung voran.
Beschäftigte mit einem
Durchschnittseinkommen zahlen jeden Monat rund 500 Euro in die
Rentenversicherung ein. Ihnen wird nach 45 Beitragsjahren eine
Nettorente von knapp 1100 Euro im Monat in Aussicht gestellt. Der
Abstand zur Grundsicherung ist mit rund 650 Euro nicht allzu groß. Dies
ist auch ein Grund, weshalb aus Sicht vieler Beschäftigter bereits
heute die gesetzliche Rentenversicherung ein Legitimationsproblem hat.
Zumindest werden die faktischen Verhältnisse von interessierter Seite –
den Versicherungen und Banken – den Menschen vorgerechnet. Schnell
entsteht so die Überlegung: Ohne gesetzliche Rentenversicherung könnte
man mit 500 Euro jeden Monat ein ansehnliches Vermögen für eine private
Altersvorsorge aufbauen. Gäbe es dann noch eine Grundrente dazu, wäre
man im Alter fein raus. So wird heute schon Akzeptanz für die
Privatisierung der Altersvorsorge hergestellt.
Soll dieses
Legitimationsproblem für die gesetzliche Rente, soll dieser Nährboden
für die Privatisierung nicht weiter anwachsen, ist die Rentenleistung
für den Durchschnittsbeschäftigten wieder deutlich zu verbessern. Die
Lebensstandardsicherung muß wieder hergestellt werden. Deshalb fordert
Die Linke die Rücknahme aller Kürzungsfaktoren. Sie will, daß die
Renten im Gleichschritt mit den Löhnen des jeweiligen Vorjahres wieder
ansteigen. Die Umsetzung dieser Forderung würde eine sofortige
zusätzliche Rentenanhebung um vier Prozent zwecks Ausgleich der seit
2001 erfolgten Kürzungen bedeuten. Und die drohenden Kürzungen von rund
20 Prozent bis 2030 wären gestoppt. Selbstredend bereitet damit Die
Linke auch endlich den Weg zur Angleichung der Ostrenten an die
Westrenten. Der Renteneintritt soll im Grundsatz mit 65 Lebensjahren
festgeschrieben bleiben – mit der Möglichkeit des vorzeitigen
Ausscheidens aus dem Erwerbsleben.
Erst eine Politik, die die
Lebensinteressen aller Beschäftigten, der Erwerbslosen und Rentnerinnen
und Rentner gleichermaßen berücksichtigt, macht Armutsbekämpfung ohne
neoliberale Nebenwirkungen möglich. Ziel ist dabei, daß alle durch
»Gute Arbeit und Gute Löhne« eine ausreichende Rente erwarten können.
Sofern das nicht der Fall ist, muß innerhalb des Systems durch
Solidarität eine ausreichende Rente erreicht werden. Erst wenn das
nicht gelingt, wird die Grundsicherung greifen.
Die neoliberalen
Strategen – seit den 80er Jahren gehören hierzu unter anderem Kurt
Biedenkopf (CDU) und dessen ehemaliger Mitarbeiter und Gründer des
Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft Meinhard Miegel – betreiben
die Privatisierung der Altersvorsorge in Deutschland. Sie haben die
Legitimationskrise als zentralen Hebel zur Verfolgung ihres Zieles auf
der Agenda. Die »Reformen« der letzten sieben Jahre waren für sie nur
der erste Akt: »Mit dem Rentenreformgesetz 2001 wurde eine Entwicklung
eingeleitet, die das bestehende Rentengebäude eines Tages zum Einsturz
bringen dürfte.«
Damit wird die Systemfrage von rechts gestellt.
Scheinbar großzügig soll es nach dem Willen von Biedenkopf und anderen
eine Grundrente geben, die aber faktisch nicht über das Armutsniveau
hinauskommt. Lebensstandardsicherung gibt es dann nur noch durch
private Absicherung – abhängig von der Entwicklung auf dem Finanzmarkt.
Und das ist das Ziel solcher Strategen. Grundrente ist der Hebel zur
neoliberalen Privatisierung der Altersvorsorge! Deshalb ist es auch
kein Wunder, daß all die Professoren- und Beraterbataillone von Banken
und Versicherungen gesponsert werden. Denn um deren Geschäfte geht es.
Die Milliarden aus der Riesterrente sind nur der Appetitanreger.
Wer soll das bezahlen?
Seit SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder und dessen Arbeitsminister
Walter Riester sollen die Unternehmer nie mehr als elf Prozent Beitrag
in die Rentenversicherung zahlen müssen. Deshalb wurde deren
Höchstbeitragssatz auf 22 Prozent festgelegt. Begründet wurde dies mit
dem hohen Lied von den Lohnnebenkosten. Die Kürzungsfaktoren, die in
die Rentenformel eingebaut wurden, waren alle darauf ausgerichtet, daß
der Beitrag nie über 22 Prozent steigen dürfe. Will man die gekürzten
und gefesselten Renten durch Privatvorsorge ausgleichen, müssen sechs
Prozent zusätzlich aufgebracht werden. Die Gesamtbelastung für
Beschäftigte wächst damit auf bis zu 17 Prozent. Diese muß der
Beschäftigte allein tragen – und zwar ab sofort.
Absicht
der Linkspartei ist es, alle Kürzungsfaktoren wieder zu streichen. Käme
es dazu, dann steigt der Beitragssatz nach neuesten Berechnungen der
Deutschen Rentenversicherung bis 2030 von aktuell 19,9 auf 25,1 Prozent
an. Dies bedeutet: Für zusätzliche 5,2 Prozentpunkte
Rentenversicherungsbeitrag kann die Rentenformel wieder repariert
werden.
Darin eingeschlossen sind alle Belastungen, die durch
die demographische Verschiebung entstehen. In welchen Farben ist den
Bürgerinnen und Bürgern nicht in den letzten Jahren die »demographische
Zeitbombe« als große Bedrohung ausgemalt worden. Deshalb gehe es mit
der gesetzlichen Renten so nicht weiter, hieß es. Und heute wird ihnen
von amtlichen Stellen vorgerechnet, daß mit 25,1 Prozent vom Bruttolohn
alles finanzierbar sei!
Für Beschäftigte steigt der Beitragssatz
von heute 9,95 Prozent auf 12,65 Prozent in 2030. Ebenso der Beitrag,
den die Unternehmer zu zahlen haben. Bei Wiederherstellung der
paritätischen Finanzierung müssen also jeweils 2,7 Prozentpunkte mehr
gezahlt werden. Verteilt auf über 20 Jahre! Selbst bei sehr niedrigen
Steigerungsraten der Produktivität können die Unternehmer die höhere
Beitragsbelastung zahlen – manche sogar aus der Portokasse. Und die
Beschäftigten sparen! Sie zahlen 2030 für die ungekürzte Rente dann
12,6 Prozent, statt 17 Prozent. Sie haben einen 4,4 Prozentpunkte
geringeren Gesamtaufwand.
Die gesamten Kosten der von der Partei
Die Linke entwickelten Rentenformel belaufen sich auf rund 35
Milliarden Euro jährlich. Davon entfallen zirka 15 Milliarden Euro auf
den bis 2030 zu erhöhenden Beitrag zur Rentenversicherung. Die
restlichen 20 Milliarden Euro sind für die Höherbewertung von
Rentenanwartschaften und für die Grundsicherung notwendig. Das Geld
dazu kommt aus Steuermitteln, zum erheblichen Teil durch
Umschichtungen. Denn die private Altersvorsorge wird zur Zeit mit 13
Milliarden Euro subventioniert.
Schluß mit Lohndumping
Die Renten hängen von den Einkommen
der aktiv Beschäftigten ab. Mit der Wiederherstellung der Rentenformel
ist gesichert, daß die Rentner an den Lebensstandard der Beschäftigten
angekoppelt werden. Damit es allen besser geht, muß sichergestellt
werden, daß die Beschäftigten steigende Reallöhne durchsetzen können.
Dafür werden bessere Rahmenbedingungen für die Tarifpolitik benötigt,
damit in Zukunft mindestens der verteilungsneutrale Spielraum
ausgeschöpft werden kann.
Eine
entscheidende Fessel für die Tarifpolitik ist »Hartz IV«. Durch den
Fortfall des Zumutbarkeitsschutzes wird massiver Druck auf Löhne und
Tarifverträge ausgeübt. Erwerbslose werden gezwungen, jede Arbeit zu
beliebig niedrigen Löhnen anzunehmen. Die Wirkung geht aber viel
weiter. Alle Beschäftigten wissen, was ihnen droht, wenn sie ihren Job
verlieren. »Hartz IV« hat daher als massives Lohndumpinginstrument eine
ungeheure Wirkung zur Disziplinierung. Schlußfolgerung: Es muß wieder
einen hinreichenden Schutz durch Zumutbarkeitsregelungen geben. Von
niemandem darf verlangt werden, eine neue Tätigkeit anzunehmen, die
nicht der erworbenen beruflichen Qualifikation entspricht und bei der
die Bezahlung von der bisherigen deutlich abweicht.
Besonders
einschneidend wirkt sich mittlerweile Leiharbeit aus, die 2002 und 2003
»liberalisiert« wurde – für die Unternehmer. Die Linkspartei arbeitet
an einem Gesetz zur Begrenzung und Zurückdrängung der Leiharbeit.
Leiharbeiter sollen für gleiche Arbeit nicht nur die gleiche Bezahlung
wie die Stammbelegschaft erhalten, sondern zusätzlich einen
Flexibilitätsbonus. Leiharbeitsfirmen dürfen ihre Beschäftigten nicht
befristet anstellen, sondern nur unbefristet.
Mit höheren
Löhnen steigen auch die Beitragseinnahmen und die Renten. In den
letzten zehn Jahren ist der »verteilungsneutrale Spielraum« – also
Preissteigerung zuzüglich Erhöhung der Produktivität – in der
Tarifpolitik um rund zehn Prozentpunkte nicht ausgeschöpft worden. Wäre
dies gelungen, so fielen heute nicht nur die durchschnittlichen Löhne
zehn Prozent höher aus, sondern auch die Renten. Die Rente des
Durchschnittsbeschäftigten läge also nicht bei rund 1100 Euro, sondern
bei 1200 Euro.
»Gute Arbeit« ist auch deshalb notwendig, da
prekäre Beschäftigungsformen für viele die individuellen Aussichten auf
eine gute Rente beeinträchtigen. Vollzeitarbeit ist in den letzten
knapp 20 Jahren massiv zurückgegangen. 1991 betrug ihr Anteil an der
Beschäftigung noch 84 Prozent, 2006 waren nur noch 67 Prozent
vollzeitig berufstätig. Dahinter steckt vor allem die massive
Umwandlung von Tätigkeiten in geringfügige Arbeitsverhältnisse. Die
Zahl der Minijobs stieg seit 2003 um fast zwei Millionen an. Von den
knapp 7,2 Millionen Minijobbern Ende 2007 gingen fünf Millionen oder 70
Prozent ausschließlich einer geringfügig entlohnten Beschäftigung nach.
Die übergroße Anzahl sind Frauen. Fast alle Minijobberinnen erwerben
mit ihrer Tätigkeit keine Ansprüche auf eine Rente. Hier liegt eine
wichtige Ursache für die drohende Altersarmut. Deshalb müssen Minijobs
zumindest in sozialversicherungspflichtige Teilzeittätigkeiten
umgewandelt werden, besser noch in reguläre Vollzeitarbeit.
Seit
1991 stieg die Anzahl der Selbständigen um über vier Millionen an. Dies
hängt auch mit dem Anstieg der Zahl der sogenannten Soloselbständigen –
sie haben keine Beschäftigten – zusammen. Ihre Zahl stieg von 1,4
Millionen auf heute 2,3 Millionen. Häufig handelt es sich um
Beschäftigte, die von ihrem »Arbeitgeber« in die Scheinselbständigkeit
gedrängt wurden, um Sozialabgaben »zu sparen«. Die übergroße Mehrheit
der Soloselbständigen hat keine ausreichende Altersvorsorge. Deshalb
müssen wieder gesetzliche Regelungen eingeführt werden, die die
Scheinselbständigkeit zurückdrängen. Die SPD-Grünen-Regierung hatte
1999 hierzu sinnvolle Regelungen durchgesetzt, die aber nach kurzer
Zeit unter dem Druck der Unternehmer wieder zurückgenommen wurden.
Die
Löhne werden seit Jahren von den Unternehmern massiv gedrückt. Der
Anteil der Beschäftigten mit Niedriglöhnen liegt mittlerweile bei 22,2
Prozent. Knapp hinter den USA belegt Deutschland damit Platz zwei bei
den Niedriglöhnen. Dies hat auch verheerende Folgen für die später zu
erwartende Rente. Nur wer 45 Jahre in Vollzeit arbeitet und rund 8,50
Euro pro Stunde verdient hat, erlangt eine Rentenanwartschafft in Höhe
der heutigen Grundsicherung von rund 650 Euro. Um mit eigenen
Ansprüchen die von der Linken als Ziel formuliert Mindestmarke von 800
Euro zu überschreiten, wird ein Stundenlohn von mindestens zehn Euro
benötigt. Deshalb: Auch wegen der Rente fordert die Linkspartei einen
gesetzlichen Mindestlohn von acht Euro, der zügig auf zehn Euro
gesteigert wird.
»Gute Arbeit« bedeutet aber auch Verbesserung
der Arbeitsbedingungen. Der Grad des lebenslangen Verschleißes
entscheidet darüber, wie unsere Lebensbedingungen im Alter aussehen und
ob der Lebensabend überhaupt erreicht wird. Deshalb muß der
gegenwärtige Trend zur Arbeitszeitverlängerung umgekehrt werden –
gerade auch, um mehr Zeit für Erholung zu gewinnen. Im ersten Schritt
ist die Reform des Arbeitszeitgesetzes und die Begrenzung der
höchstzulässigen durchschnittlichen Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden
notwendig. Das Ziel ist eine gesetzlich geregelte Obergrenze von 35
Stunden. Bei allen Schritten der Arbeitszeitverkürzung muß ein voller
Lohnausgleich gesichert werden. Die Mitbestimmungsrechte von Personal-
und Betriebsräten sind vor allem im Hinblick auf erzwingbare Personal-
und Stellenpläne zu erweitern. So ist zu erreichen, daß die Verkürzung
der Wochenarbeitszeit zu mehr Beschäftigung führt und der
Leistungsdruck nicht weiter ansteigt. Auch dies ist gerade für die
Situation im Alter wichtig.
Gewerkschaft aufgewacht
Nach jahrelanger rentenpolitischer
Agonie ist Bewegung in die Rentendebatte gekommen. Eine wichtige Etappe
war dabei die Auseinandersetzung um die Rente mit 67. Hervorzuheben
sind dabei die 300000 Metaller, die Anfang 2007 während der Arbeitszeit
gegen die Verlängerung der Arbeitszeit demonstrierten. Faktisch
handelte es sich damals um einen politischen Streik. Vor diesem
Hintergrund gerieten dann auch die drohenden Folgen der
»Rentenreformen« von »Rot-Grün« in den Blick. In den Jahren 2000 und
2001 leistete zwar ein Teil der Gewerkschaften Widerstand. Jedoch wurde
von der Mehrheit, insbesondere von der DGB-Spitze, damals eine Politik
der Mitgestaltung praktiziert.
Heute
ist mittlerweile beim DGB, bei der IG Metall und bei ver.di ein
eindeutiger Kurswechsel zu verzeichnen. Auch wenn es in einzelnen
Details der jeweiligen rentenpolitischen Konzepte Differenzen gibt,
besteht in den Kernpunkten Einigkeit: Gefordert wird die Streichung
aller Kürzungsfaktoren in der Rentenformel und der Verzicht auf die
Rente mit 67. Es soll bei der Rente mit 65 bleiben, und dies soll
ergänzt werden um flexible Ausstiegsmöglichkeiten aus dem Berufsleben
bei vorzeitigem Verschleiß. Die Partei Die Linke ist die einzige
Partei, die in der Rentenpolitik entsprechende Forderungen stellt. Es
bleibt abzuwarten, inwieweit die Gewerkschaften im Wahlkampf sich
eindeutig zu ihren rentenpolitischen Forderungen bekennen.
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Michael Schlecht ist Mitglied im Bundesvorstand der Partei Die Linke und deren gewerkschaftspolitischer Sprecher