Von Klaus Ernst und Michael Schlecht, junge Welt
Sozialverbände schlugen jüngst Alarm. Die Linkspartei sorgte für
Aufregung in der großen Koalition. Die gefürchtete Lafontaine-Linke
plane eine große populistische Rentenkampagne, heißt es in der
Financial Times Deutschland. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion beschloß
die Regierung eine Rentenerhöhung. Statt 0,46 Prozent sind nun 1,1
Prozent mehr für die Rentner geplant. Aber – die »Großzügigkeit« soll
sich in Grenzen halten: Der Zuschlag soll ab 2012 wieder abgezogen
werden.
Folglich
bleibt es dabei: Es droht ein massiver Anstieg der Altersarmut.
Beschäftigte, die in den nächsten 20 Jahren weniger als drei Viertel
eines monatlichen Durchschnittsverdienstes haben – das sind nach
heutigem Geldwert knapp 1 900 Euro brutto – werden nur eine
Grundsicherung erhalten. Das sind rund 650 Euro. Besonders bedroht sind
Frauen und die Menschen in den neuen Bundesländern.
Viele
Rentner werden die »Erhöhung« auch lächerlich finden. Denn bei einer
voraussichtlichen Preissteigerung von mindestens 2,5 Prozent,
möglicherweise sogar deutlich über drei Prozent, wird zum wiederholten
Male auch das Jahr 2008 eine reale Rentensenkung bringen. Hinzu kommt,
daß die Rentner die Erhöhung des Beitrags zur Pflegeversicherung um
0,25 Prozentpunkte ab Juli allein tragen müssen. Bedrückend ist diese
Entwicklung, da seit 2000 die Renten preisbereinigt bereits um sechs
Prozent gesunken sind.
Auch die Einkommen der Beschäftigten sind
gesunken. Die Bruttoeinkommen lagen 2007 um vier Prozent niedriger als
im Jahr 2000. Schnell wird so die Rentenerhöhung von 1,1 Prozent zu
einem vermeintlichen Generationenkonflikt. »Warum sollen die Alten mehr
bekommen, wenn die Jungen auch darben müssen?« Und: »Die Alten haben in
Anbetracht ihrer Lebensleistungen und ihrer Einzahlungen ein Anrecht
auf höhere Renten!« So oder ähnlich lauten die mit Empörung
vorgebrachten Argumente. Dabei fällt etwas anderes auf: Beschäftigte
und Rentner verbuchen Realeinkommensverluste. Und die Reichen,
Unternehmer und Vermögensbesitzer sahnen ab – seit 2000 um über 50
Prozent nominal und preisbereinigt um 35 Prozent! Das ist der
eigentliche Skandal! Je mehr sich Junge und Alte auf einen
vermeintlichen Generationenkonflikt einlassen, umso mehr tritt der
Skandal in den Hintergrund.
Anteil am Reichtum entscheidet
Die gesetzliche
Rentenversicherung soll den Lebensstandard der Rentner, in der Regel
die ehemaligen Beschäftigten, absichern. Dies geschieht in doppelter
Weise: Zunächst geht es immer um die Anbindung an den jeweiligen
Lebensstandard der aktiv Beschäftigten. Die Rentenbevölkerung wird
durch Zahlungen der aktiv Beschäftigten versorgt. Damit sind die
Rentner immer abhängig vom jeweiligen Stand der
Produktivkraftentwicklung und der gesellschaftlichen
Reichtumsproduktion. Vor diesem Hintergrund wird es wichtig, in
welchem Umfang die Beschäftigten in der Lage sind, sich ihren Anteil am
Reichtum zu sichern. Hierüber entscheiden die gewerkschaftlichen Kämpfe.
Aus
dem Einkommen der Beschäftigten leitet sich mittels Beitragszahlungen
der jeweils zur Verfügung stehende Rentenfonds ab. Insofern wird bei
der Lebensstandardsicherung immer auch ein Bezug zum Lebensstandard der
aktiv Beschäftigten hergestellt. Wer mit 65 Jahren in Rente geht, kann
sich am 85. Geburtstag möglicherweise über eine Verdopplung oder
vielleicht auch Verdreifachung der Rente freuen. Voraussetzung ist, daß
in den abgelaufenen 20 Jahren die Einkommen der Beschäftigten
entsprechend gestiegen sind, wodurch sich ihr Lebensstandard erheblich
verbessert hat. Umgekehrt besteht sehr wohl die Möglichkeit, daß Renten
kaum steigen, eventuell sogar niedriger ausfallen, wenn die
Beschäftigten sich nicht erfolgreich gegen stagnierende oder sinkende
Einkommen wehren konnten. Um es zugespitzt zu sagen: Ein 80jähriger
Rentner muß mit realen Rentenkürzungen über mehrere Jahren rechnen,
wenn die aktiv Beschäftigten Einkommenssenkungen nicht verhindern
können. Die Lebenslage der Rentner hängt auf Gedeih und Verderb am
Erfolg gewerkschaftlicher Kämpfe um den geschaffenen Reichtum. Die
Beschäftigten sind die Rentner von morgen. Am besten vertreten beide
ihre Interessen, wenn sie für gemeinsame Ziele streiten: für gute und
sichere Arbeitsplätze, für ordentliche Löhne, die möglichst mehr
sichern als das blanke Überleben, und für gute Renten, die einen
Lebensabend ohne Armut ermöglichen. Es sind immer unsere eigenen Kämpfe
gegen diejenigen, die die Profite in diesem Land einsacken.
Die
individuelle Biografie ist die zweite Größe, die für die Sicherung des
Lebensstandards relevant ist. Die Aufteilung des zur Verfügung
stehenden Rentenfonds geschieht nach Maßgabe der Beitragszahlung, die
der betreffende Rentner im Berufsleben geleistet hat. Entscheidend sind
dabei die Anzahl der monatlichen Beitragszahlungen und deren Höhe in
bezug zum jeweiligen Durchschnittsverdienst. Der Lebensstandard in der
aktiven Lebenszeit hängt entscheidend vom erzielten Einkommen ab. Da
dies als wichtiger Bezugspunkt für die Aufteilung des Rentenfonds
herangezogen wird, orientiert sich die Rente am ehemaligen
Lebensstandard. Ziel ist es, diesen auch in der Rentenzeit zu halten.
Die technische Maßgröße, die dies umschreibt, ist das
»siebzigprozentige Nettorentenniveau«. Man mag darüber streiten, ob 70
Prozent des Durchschnittsverdienstes ausreichen, aber zumindest wird
damit dem grundsätzlichen Ziel der Sicherung des Lebensstandards
gefolgt.
Die Rentenhöhe hängt vom eigenen vergangenen Einkommen,
der damit verbundenen Beitragszahlung und von der Höhe des jeweiligen
Rentenfonds ab, der durch Einkommen und Beitragszahlung der aktiven
Generation von Beschäftigten bestimmt wird. Letzteres wird mit
fortschreitendem Lebensalter immer bedeutsamer. Politisch bedeutsam
ist, daß im Alltagsbewußtsein die Anbindung der Lebenslage im Alter an
die der jeweils aktiv beschäftigten Bevölkerung wenig vorhanden ist.
Und wenn, dann häufig in dem vermeintlichen Gegensatz zwischen Jung und
Alt.
Staat verordnet Rentenkürzung
Unter der SPD-Grünen-Regierung
galt als oberstes Prinzip der Unternehmerschutz. Die Profite sollten
steigen. Dafür wurden den Gewerkschaften immer mehr Knüppel zwischen
die Beine geworfen, so daß die Kampfbedingungen zur Durchsetzung
hinreichender Lohnabschlüsse erheblich beeinträchtigt wurden. Der
atemberaubende Absturz der Lohnquote, also der Anteil der
Arbeitseinkommen am jährlich erwirtschafteten Reichtum, in den
Regierungsjahren von »Rot-Grün« belegt dies.
Außerdem
wurden die sogenannten Lohnnebenkosten gesenkt. Dies ist der Teil des
Lohnes, der den Beschäftigten nicht ausgezahlt, sondern vom Unternehmer
direkt in kollektive Sicherungseinrichtungen überwiesen wird. Diese
Beiträge zur Sozialversicherung sind immer Teil des Gesamtlohnes.
Werden die Beiträge gekürzt, muß der Unternehmer weniger
Lohnnebenkosten zahlen. Faktisch handelt es sich um staatlich
verordnete Lohnkürzung! Und in der Folge bedeuten weniger Beiträge zur
Krankenkasse weniger Gesundheit. Weniger Geld in die Rentenkasse
bedeutet in der Tendenz Rentenkürzung.
Die gesetzliche
Rentenversicherung stand ohnehin schon massiv unter Druck.
Arbeitslosigkeit, Prekarisierung und durch die Regierung organisiertes
Lohndumping schmälerten die Einnahmebasis. Jetzt kam die Einführung des
Höchstbeitragssatzes hinzu. Unternehmer sollten vor steigenden
Beitragszahlungen in den Rentenfonds geschützt werden. Ihr
gegenwärtiger Anteil liegt bei knapp zehn Prozent, über elf Prozent
soll er nicht steigen. Deshalb führte Kanzler Gerhard Schröder einen
Höchstbeitragssatz von 22 Prozent ein.
Wenn die Einzahlungen in
den Rentenfonds gesetzlich begrenzt werden, wird die Rentenhöhe
beschnitten. Dadurch wird der Grundsatz der Lebensstandardsicherung
immer mehr beschädigt und bei fortwährender Beschneidung ausgehebelt.
Dies wurde mit der Riester-Reform eingeleitet. Bis 2001 sicherte im
Grundsatz die Rentenformel, daß die Renten im Gleichschritt mit den
Lohnerhöhungen des Vorjahres erhöht wurden. Unter Walter Riester, dem
damaligen Minister für Arbeit und Sozialordnung, wurden in die
Rentenformel Kürzungsvariablen einbezogen. Die wichtigste: Von 2002 bis
2009 sollten die jährlichen Rentensteigerungen jeweils um 0,5
Prozentpunkte niedriger ausfallen – insgesamt also vier Prozentpunkte
Rentenverlust. Gegenwärtig sollen die letzten beiden Senkungen
ausgesetzt und in die Zeit nach 2012 verschoben werden.
Anfangs
der zweiten Amtszeit von SPD und Grünen, im Jahr 2003, erhielt der
oberste Rentenkürzer der Republik – der Professor für Volkswirtschaft
und einer der »Wirtschaftsweisen« Bert Rürup – vom Kanzler den Auftrag
nachzurechnen, ob Riester die Rentenformel hinreichend bearbeitet
hatte. Ergebnis: Riester – der als Minister abgelöst wurde; für Renten
wurde Ursula Schmidt verantwortlich – habe sich verrechnet. Bis 2030
drohe, so Rürup, ein Beitrag zur Rentenversicherung von 24,2 Prozent.
Die bisher festgelegte Höchstmarke von 22 Prozent werde um
1,1-Prozentpunkte für die Unternehmerseite überschritten. Zur weiteren
Rentenkürzung wurde in die Rentenformel eine zusätzliche
Kürzungsvariable implementiert: der »Nachhaltigskeitsfaktor«.
So
wurde die Rentenformel zunächst beschädigt und dann zerstört. Im
Resultat droht nun Altersarmut. Die ersten Wirkungen zeigten sich
darin, daß die Realeinkommen der Rentner bis 2007 stärker beschnitten
wurden als die der Beschäftigten. Dabei hätte es nach der zerstörten
Rentenformel bereits 2004, 2005 und 2006 zu nominellen Rentenkürzungen
kommen müssen. Den zusätzlichen Aufschrei der Rentner wollte sich
»Rot-Grün« nicht antun. Mit einer »Rentenschutzklausel« wurde ein
Absinken unter Null verhindert. Allerdings wurde jetzt noch ein
»Nachholfaktor« an die Rentenformel »angeschraubt«. Die Rentenkürzungen
sollen nachgeholt werden. Bis weit über das Jahr 2010 hinaus wird es zu
keiner nennenswerten nominellen Rentenerhöhung mehr kommen. Praktisch,
denn dann ist die Bundestagswahl 2009 gelaufen.
Um die
Verschlechterungen in der Rente auszugleichen, wurden die Beschäftigten
angehalten, sich mittels Riester-Rente privat abzusichern. Wer auch die
durch Gesundheitsministerin Schmidt verursachten Verschlechterungen –
den »Nachhaltigkeitsfaktor« – ausgleichen will, muß einen weiteren Teil
des sauer verdienten Geldes in private Altersvorsorge investieren. Da
hilft es wenig, daß der Staat Zuschüsse zahlt, die die Leistungen in
Höhe von ungefähr einem Prozent aufbessern.
Mit diesen
geseztlichen Regelungen wächst die Belastung für Beschäftigte auf 17
Prozent des Monatseinkommens, wenn ein Rentenniveau aus der
Vor-Riester-Zeit erreicht werden soll! Diese zusätzlichen Belastungen
müssen die Beschäftigten jedoch allein tragen, während die Unternehmer
nie mehr als elf Prozent zahlen sollen. So wurde die Parität in der
Finanzierung der Altersvorsorge aufgebrochen. Selbst Bismarck würde
sich im Grabe drehen, möglicherweise sogar Adenauer – wegen einer
sozialdemokratisch geführten Regierung!
Die Rentenpolitik der Linkspartei
Foto: Statistisches Bundesamt/Alexander Fischer
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Die Rentenpolitik der Linkspartei hat das Ziel, Altersarmut zu
verhindern und die Lebensstandardsicherung zu erhalten. Im Kern geht es
um fünf zentrale Punkte.
1.
Reparatur der Rentenformel: Sie muß wiederhergestellt werden!
Insbesondere müssen alle Kürzungsfaktoren unter Riester und Schmidt
rückgängig gemacht werden. Für das Jahr 2030 wird dann voraussichtlich
ein Beitrag von 28 Prozent erforderlich sein. Dies erscheint auf den
ersten Blick viel. Bei paritätischer Finanzierung sparen die
Beschäftigten jedoch. Sie müssen 14 Prozent und weitere 14 Prozent
müssen die Unternehmer zahlen. Die Beschäftigten zahlen also drei
Prozent weniger, die Unternehmer drei Prozent mehr. Selbst bei sehr
niedrigen Steigerungsraten der Produktivität können die Unternehmer
diese höhere Beitragsbelastung zahlen, verteilt auf 20 Jahre.
2.
Erwerbstätigenversicherung: Wir brauchen die
Erwerbstätigenversicherung, in die alle, auch die Selbständigen
einzahlen. Dies wird zu einer Verbreiterung der Beitragszahlungen
führen.
3. Keine Rente mit 67: Die Gewerkschaften wollen die
Bundestagswahl 2009 zur Volksabstimmung über die Rente mit 67 machen.
Die Partei Die Linke ist die einzige Partei, die eine Verlängerung der
Lebensarbeitszeit ablehnt. 65 Lebensjahre sollen das Limit für den
Renteneintritt sein. Bei vorzeitigem gesundheitlichen Verschleiß soll
es den abschlagsfreien Rentenbeginn mit 60 geben.
4.
Solidarausgleich in der Rente und Grundsicherung: Auch nach Reparatur
der Rentenformel wird es Menschen geben, die in ihrem Berufsleben zu
niedrige Ansprüche auf eine ausreichende Rente erwerben konnten. Hier
muß der Solidarausgleich verbessert werden. Zeiten, in der ein aktiv
Beschäftigter wenig Geld verdient und nur niedrige Rentenbeiträge
einzahlen konnte, müssen aufgewertet werden. Damit sinkt für Bezieher
niedriger Einkommen das Risiko, im Alter auf eine Grundsicherung
angewiesen zu sein. Die Grundsicherung muß materiell besser
ausgestattet sein, und die Bezugsbedingungen müssen menschenwürdig
gestaltet werden.
5. Angleichung der Ostrenten: Schließlich muß
auch im Osten des Landes durch eine schnelle Angleichung des
Rentenwerts Ost und eine Abschaffung der Ungerechtigkeiten bei der
Rentenüberleitung Altersarmut zurückdrängen.
Das Programm »Gute Arbeit«
Die Renten hängen, wie bereits
dargelegt, von den Einkommen der aktiv Beschäftigten ab. Mit der
Wiederherstellung der Rentenformel ist gesichert, daß die Rentner an
den Lebensstandard der Beschäftigten angekoppelt werden. Damit es allen
besser geht, muß sichergestellt werden, daß die Beschäftigten steigende
Reallöhne durchsetzen können. Und das heißt: Wir brauchen »Gute Arbeit«.
Schluß
mit dem Lohndumping! Wir brauchen einen gesetzlichen Mindestlohn von
acht Euro, der zügig auf zehn Euro gesteigert wird. Die
Rahmenbedingungen für die Tarifpolitik müssen verbessert werden, damit
in Zukunft mindestens der verteilungsneutrale Spielraum ausgeschöpft
werden kann. Mit höheren Löhnen steigen auch die Beitragseinnahmen und
die Renten. Häufige Arbeitslosigkeit, unsichere Jobs, Minijobs und
Leiharbeit müssen zurückgedrängt werden, damit der Rentenfonds gestärkt
wird.
»Gute Arbeit« ist auch deshalb notwendig, da prekäre
Beschäftigungsformen für viele die individuellen Aussichten auf eine
gute Rente beeinträchtigen. Die Zurückdrängung und Beseitigung prekärer
Arbeitsverhältnisse und die Sicherung guter Löhne und Gehälter ist
notwendig, damit später die Rente stimmt. Für alle! So kann der
Personenkreis verkleinert werden, der später in der Rente nur die
Grundsicherung erhalten würde.
»Gute Arbeit« meint mehr. Die
Arbeitsbedingungen und der Grad des lebenslangen Verschleißes
entscheiden darüber, wie unsere Lebensbedingungen im Alter aussehen.
Und ob der Lebensabend überhaupt erreicht wird. Nicht umsonst haben die
Gewerkschaften in den 80er Jahren auf Verkürzung der Wochenarbeitszeit
gesetzt. Die 35-Stunden-Woche war und ist ein Beitrag zur Entlastung,
ein Beitrag, damit die aktiv Beschäftigten im Alter noch fit sind.
Daran muß wieder angeknüpft werden. Wir brauchen eine Umkehr des
gegenwärtigen Trends zur Arbeitszeitverlängerung. Mehr noch, wir
brauchen eine Verkürzung der Arbeitszeiten. Gerade auch, um mehr Zeit
für Erholung zu gewinnen. Im ersten Schritt ist die Reform des
Arbeitszeitgesetzes notwendig und die Begrenzung der höchstzulässigen
durchschnittlichen Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden. Perspektivisch muß
das Ziel eine Obergrenze von 35 Stunden sein. Bei allen Schritten der
Arbeitszeitverkürzung muß ein voller Lohnausgleich gesichert werden.
Die Mitbestimmungsrechte von Personal- und Betriebsräten sind vor allem
im Hinblick auf erzwingbare Personal- und Stellenpläne zu erweitern. So
ist zu erreichen, daß die Verkürzung der Wochenarbeitszeit zu mehr
Beschäftigung führt und der Leistungsdruck nicht weiter ansteigt. Auch
dies ist gerade für die Situation im Alter wichtig.
Systemfrage von rechts
Es droht nicht nur Altersarmut. Wenn in
absehbarer Zeit keine Umkehr der gegenwärtigen Rentenpolitik möglich
sein sollte, ist das System der gesetzlichen und solidarischen Rente
insgesamt bedroht.
Viele
Menschen zweifeln ohnehin schon an der Rente. Die Riester-»Reform«
schafft Mißtrauen und nicht Vertrauen. Zugleich läuft seit Jahren eine
mediale Offensive, allen voran geschürt von Bild. Es droht eine
Legitimationskrise. Millionen Beschäftigte, die weniger als 2000 Euro
brutto im Monat verdienen, werden sich fragen, weshalb sie noch
Beiträge zur Rentenversicherung einzahlen.
Die neoliberalen
Strategen – seit den 80er Jahren gehören hierzu unter anderem Meinhard
Miegel und Kurt Biedenkopf – haben genau diese Legitimationskrise auf
ihrer Agenda. Die »Reformen« der letzten sieben Jahre waren für sie nur
der erste Akt: »Mit dem Rentenreformgesetz 2001 wurde eine Entwicklung
eingeleitet, die das bestehende Rentengebäude eines Tages zum Einsturz
bringen dürfte«, schreibt Miegel in seinem Buch »Die deformierte
Gesellschaft«.
Im Januar 2008 tobte eine durch das ARD-Magazin
Monitor angestoßene Debatte um die Anrechnung von Riester-Renten auf
die Grundsicherung im Alter. Eine noch radikalere Forderung vertrat
Professor Rürup. Er wärmte die Forderung nach einer steuerfinanzierten
Grundrente knapp über Sozialhilfeniveau wieder auf, auf die Einkünfte
aus privater Vorsorge nicht angerechnet werden.
Damit wird die
Systemfrage von rechts gestellt. Das kollektive System wäre beendet,
das immer darauf abzielte, den ehemaligen Beschäftigten einen
Lebensabend zu sichern, der an den Lebensstandard anschließt, der
während der Arbeitsphase erworben wurde.
Lebensstandardsicherung
gäbe es dann nur noch durch private Absicherung. Und das ist genau das
Ziel der neoliberalen Strategen. Grundrente ist keine Wohltat für die
Menschen. Grundrente ist der Hebel zur neoliberalen Privatisierung der
Altersvorsorge! Deshalb ist es auch kein Wunder, daß all die
Professoren- und Beraterbataillone von Banken und Versicherungen
gesponsert werden. Denn um ihr Geschäft geht es! Die Milliarden aus der
Riester-Rente sind nur der Appetitanreger.
Bei der
Auseinandersetzung um die Zukunft der Rente geht es auch darum, ob dem
Kapital die Landnahme im Bereich der Altersvorsorge gelingt. Private
Altersvorsorge gibt es bisher vor allem in den angelsächsischen Ländern
ohne ausgebaute Sozialversicherungen. Riesige Vermögen werden so
angesammelt. Sie fließen in sogenannten Pensionsfonds zusammen, die
nach Anlagemöglichkeiten mit hohen Renditen suchen.
Die
Finanzmärkte werden immer mehr aufgebläht, wenn die Menschen durch eine
verfehlte Rentenpolitik immer mehr in die private Alterssicherung
gedrängt werden. Sie müssen sparen, ihr Geld in Fonds anlegen oder
Versicherungen abschließen. Allein ein Viertel des weltweit angelegten
Vermögens steckte 2005 in Pensionsfonds, das sind über 20 Billionen
US-Dollar. Ob es tatsächlich zu den erwarteten Rentenauszahlungen
kommen wird, bleibt ungewiß. So ungewiß wie die Entwicklung auf den
Finanzmärkten. Gewiß ist aber, daß die Pensionsfonds ihre Gelder
anlegen müssen. Vielleicht genau in jene Hedgefonds oder
Private-Equity-Fonds, die gerade die Arbeitsplätze der künftigen
Pensionäre zwecks Gewinnsteigerung vernichten.